Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 124 Münster 1619

Beschreibung

Sakramentshäuschen mit Stifterinschrift, Anrufung Jesu in gekürzter Form und Kreuztitulus, an der Nordwand des Chores. Tuff und Marmor. An der West- und der Südseite des pfeilerartigen Sockels tragen ovale, rollwerkgerahmte Kartuschen ein Wappen bzw. das von drei Nägeln begleiteten IHS-Zeichen (B). Unter beiden Kartuschen geflügelte Engelsköpfe. An der Ostwand des Sockels ist in eine rechteckige, gerahmte Schrifttafel die Inschrift A zwischen schwach vorgeritzten Linien eingehauen. Die Tafel war noch nach dem 2. Weltkrieg blau und gold gefaßt.1) Aus Voluten an den vorderen Sockelecken wachsen die Halbfiguren zweier weiblicher Engel. Sie stützen als Karyatiden zwei schlanke Marmorsäulen, die den durchbrochenen und vergitterten Schrein einrahmen. An den beiden hinteren Sockelecken setzen Voluten an, die die Rückwand des Sakramentshäuschens zur Seite hin verlängern. Sie tragen seitliche Gesimse, auf denen sich Standfiguren Aarons und Melchisedechs erheben. An allen drei Seiten des Architravs befinden sich leere Rollwerkkartuschen, die Kartusche an der Vorderseite ist von geflügelten Engelsköpfen flankiert. An den Ecken und am Scheitel der Rundbögen, die die beiden alttestamentlichen Figuren überwölben, sind ebenfalls geflügelte Engelsköpfe angebracht. An den Wänden des nächsten Geschosses zeigen Flachreliefs die Fußwaschung, das Letzte Abendmahl und Christus in Gethsemane. An den Ecken stehen vollplastische Figuren der heiligen Cassius, Florentius, Mallusius (jeweils als römische Soldaten gewandet) und Helena (mit Kreuz). Darüber sitzt unter einem von Säulen getragenen Baldachin Maria mit dem Kinde. Die Seiten der Rückwand zieren Voluten mit halbfigurigen Engeln. Auf dem Dach des Baldachins halten drei kindliche Engel die Leidenswerkzeuge, einer von ihnen zudem ein Spruchband mit Kreuztitulus (C). Sie sind um ein Postament versammelt, das Christus als Salvator mundi trägt.

Maße: H. ca. 1050, B. 250 (mit Rückwand) bzw. 127 cm (ohne Rückwand), Schrifttafel H. 55,5, B. 39, Bu. 6 (A), 16,5 cm (B)2).

Schriftart(en): Kapitalis (A, B), gotische Minuskel (C).

DI 50, Nr. 124 - Bonn, Münster - 1619

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/7]

  1. A

    D(EO) O(PTIMO) M(AXIMO) / IO(HANNES) HART=/MAN BON=/ NEN(SIS) S(ANCTAE) T(HEOLOGIAE) D(OCTOR) / DECANVS / A(NN)O M. D. CXIX

  2. B

    IHS

  3. C

    i(esus) n(azarenus) r(ex) i(udaeorum)3)

Übersetzung:

Dem besten, höchsten Gott (geweiht). Johannes Hartmann aus Bonn, Doktor der heiligen Theologie, Dechant, im Jahre 1619.

Wappen:
Hartmann.4)

Kommentar

Die Kapitalis der Stifterinschrift zeigt Merkmale einer an der antik-römischen Capitalis quadrata orientierten Schrift, nämlich neben dem Gleichmaß der Buchstaben die Verstärkung der schräglinken Hasten bei A, M, N, V und X. In der bislang ungelösten Meisterfrage favorisiert Appel einen Meister H. K., den er auch mit dem Geburt-Christi-Altar (Nr. 133) in Verbindung bringt,5) während Busley den Bildhauer Gerhard Scheben als Meister des Sakramentshauses annimmt.6) Vogts lehnt beide Möglichkeiten ab und schlägt einen auswärtigen Künstler vor; er weist auf die Erwähnung eines Bildhauers Johannes Kock in den Stiftsprotokollen hin.7)

Die Anrufung D(EO) O(PTIMO) M(AXIMO) gehörte in der Antike zum epigraphischen Formelgut und wurde unter humanistischem Einfluß seit dem 15. Jh., vor allem aber seit dem 16. Jh. von den Verfassern inschriftlich ausgeführter Texte rezipiert.8) Die Inschrift B kann als aus dem Griechischen abgeleitete und weit verbreitete Form des Jesusmonogramms IH(ESV)S zu deuten sein; möglich ist im gegebenen Zusammenhang aber auch die Auflösung als jesuitische Devise I(ESVM) H(ABENVS) S(OCIVM), deren bewußte Übernahme unter dem Einfluß der in hohem Maße von Jesuiten getragenen Gegenreformation in Bonn gut denkbar ist.9) Zu Johannes Hartmann vgl. Nr. 141. Nachdem das alte gotische Sakramentshaus den Zerstörungen des Truchsessischen Krieges zum Opfer gefallen war, mußte man sich jahrzehntelang mit einer Notlösung begnügen. 1618 wurde das Sakramentshäuschen im Zuge einer Visitation als unzureichend bemängelt.10) Das neue, von Hartmann gestiftete Sakramentshaus entsprach den Anforderungen der katholischen Reform. Das Protokoll der Kapitelssitzung vom 29. April 1620 vermerkt, daß „Dominus Decanus Harttman Tabernaculum suo aere sine alterius cuiusdam adminiculo integre fieri fecit“.11) Wohl als Folge der Errichtung des Sakramentshäuschens wurde der darüber sich erhebende Chorbogen neu gestrichen.12)

Anmerkungen

  1. Busley, S. 161.
  2. Die Buchstabenhöhe des Titulus war nicht zu messen.
  3. Nach Io 19,19.
  4. Am linken Schildrand aus Wolken reichende Hand, die zwei gestürzte schräggekreuzte Anker faßt (Hauptmann, Bürgerliche Familien, S. 84 u. Tf. 92).
  5. H. Appel, Niederrheinische Skulptur 1560–1620 und ihre Beziehungen zu den Niederlanden, Diss. phil. Köln 1934, S. 46 ff.
  6. Busley, S. 164.
  7. Vogts, S. 51 f.
  8. Kajanto, Classical and Christian, S. 24 ff.
  9. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 45 f.
  10. Becker, Cassiusstift, S. 103.
  11. PfA St. Martin 228, Bl. 112v.
  12. Ebd., Bl. 105v: „Magistro Balthazaro pictori pro illuminatione fornicis in Maiori choro supra tabernaculum ordinati sunt viginti octo Imperii thaleri et sex maldra siliginis“ (1620 März 28); ebd. Bl. 113r-v: „dati sunt Dno. Scholastico 82 faginei asseres novi et longi..., quibus Capitulum ad theatrum in illuminatione fornicis Chori usus fuit“ (1620 Mai 15).

Nachweise

  1. Pick, Bonner Zeitung 1869, Nr. 67.
  2. Clemen, KDM, S. 84.
  3. J. Busley, Das Sakramentshaus im Bonner Münster, BGbll. 3, 1947, S. 157–165 (161).
  4. Vogts, Hartmann, S. 51.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 124 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0012408.