Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 94(†) Münster um 1599, 1644

Beschreibung

Retabel des Maria-Magdalena-Altars mit Stiftungsinschrift (A), Memorialinschrift (B) und Anrufung in Form eines symbolischen Monogramms (C). Ursprünglich am nördlichen Vierungspfeiler des Langschiffes,1) heute im westlichen Joch des südlichen Seitenschiffes. Öl auf Holz. Figurenreiche Grablegung Christi, links im Vordergrund der zum Betrachter blickende, mit einem Chormantel bekleidete Stifter in Adorantenhaltung. Am rechten Bildrand zwischen Maria Magdalena und Johannes ein junger, porträthaft dargestellter Mann in zeitgenössischer Tracht, der ebenfalls die Gesichtszüge des Stifters trägt. Beiderseits des Altarblattes mit stilisiertem Weinlaub umwundene Säulen. Darunter Inschrift B, auf zwei querrechteckige Kassettenfelder verteilt. Inschrift A auf dem Architrav. Im Aufsatz ein kleineres Ölgemälde (Noli me tangere), von gedrehten Säulen eingerahmt. In den Winkeln reliefiertes Ornamentwerk. Inschrift C in der Bekrönung. Alle Inschriften in goldener Farbe auf schwarzem Grund aufgemalt. In A sind einige Wortanfänge größer ausgeführt. Bei einer Restaurierung des Altars Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Inschrift B offenbar vollständig, aber fehlerhaft und in moderner Minuskelschrift2) übermalt.3) Sie wird deshalb nicht im heutigen Wortlaut wiedergegeben, sondern in der Form, in der sie bei Pick und Clemen gleichlautend überliefert ist und die dem Zustand vor der Übermalung entspricht. Die ersten beiden Zeilen und die letzte Zeile des Textes springen jeweils vom linken auf das rechte Schriftfeld über.4) Dazwischen trägt jede Kassette ein elegisches Distichon.

Maße: H. ca. 700, B. 212, Bu. 2 bzw. 1,3 (B) cm.5)

Schriftart(en): Kapitalis (A, C).

DI 50, Nr. 94 - Bonn, Münster - um 1599, 1644

 LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland [1/5]

  1. A

    DEO OPT(IMO) MAX(IMO) BEATAE MARIAE MAGDALENAE ALTARIS PATRONAE ADM(ODVM) REVERENDVS D(OMI)N(V)S / LEONARDVS MESTORFF HVIVS INSIGNIS COLLEGIATAE ECCLESIAE SCHOLASTICVS POSVIT

  2. B

    Mem(ori)aea) Adm(odum) R(everen)di ac Praeclari viri et D(omini) D(omini) Leonardi // Mestorff, LVIII. annis Can(oni)cib) I. de XL. Scholasticic) / XX aedilis. per XX et I. an(n)osd) M(a)g(ist)ri Heb(doma)dariaee) // Curt(iu)mf) et refect(or)ijg) Mortuih) A(nn)oi) D(omini)k) MDCXXXVIII.l) aet(at)ism) LXXVIII /

    Post cladem haec aedes variam post flebile bust(um)n) /Aere, ope, consilijs est reparata tuis //Sic dum sarta stetit, stat, stabit dicere fas sit /Iste mihi Columen Vir fuit, est et erit. //

    Leonardus Mestorff iunior h(uius) e(cclesiae) Canonicus Presbitero) et Secretarius // Patruo Patrinop) et Patrono O(mnibus) M(odis)q) Nepos et Cliens C(uravit) A(nn)o MDCXLIV

  3. C

    IHSr)

Übersetzung:

Dem besten, höchsten Gott, der seligen Maria Magdalena, der Altarpatronin, hat (ihn) der sehr hochwürdige Herr Leonard Mestorff, Scholaster dieser hervorragenden Kollegiatkirche, errichtet. (A)

Dem Andenken des sehr hochwürdigen und angesehenen Mannes und Herrn, Herrn Leonard Mestorff, 58 Jahre lang Kanoniker, 39 Scholaster, 20 Baumeister, 21 Jahre hindurch Wochen-, Hof- und Refektorienmeister, verstorben im Jahre des Herrn 1638 im Alter von 78 Jahren.

Nach mancherlei Unglück und nach einem beklagenswerten Brand ist dies Gotteshaus mit deinem Geld, deiner Unterstützung und deinem Rat wiederhergestellt worden.

So ist, solange es erneuert stand, steht und stehen wird, es Recht zu sagen, daß dieser Mann mir Grundpfeiler war, ist und sein wird.

Leonard Mestorff der Jüngere, Priesterkanoniker und Sekretär dieser Kirche, hat dies dem Vaterbruder, Paten und in jeder Hinsicht Patron als Neffe und Schutzbefohlener errichten lassen im Jahre 1644. (B)

Versmaß: Zwei elegische Distichen, V. 1 und 4 reimlos, V. 2 und 3 einsilbig leoninisch gereimt (B, Post cladem ... et erit).

Kommentar

Die Inschrift C kann als aus dem Griechischen abgeleitete und weit verbreitete Form IH(ESU)S zu deuten sein; möglich ist im gegebenen Zusammenhang aber auch die Auflösung als jesuitische Devise Iesum habemus socium, deren bewußte Übernahme unter dem Einfluß der in hohem Maße von Jesuiten getragenen Gegenreformation6) gut denkbar ist.

Leonard Mestorff d. Ä. war seit 1580 Kanoniker7) und von 1599 bis zum Februar 1637 Scholaster des Cassiusstiftes.8) Seit 1585 ist er wiederholt als Inhaber verschiedener Jahresämter bezeugt: Wochenmeister,9) Refektorienmeister,10) Hofmeister11) und Inhaber des Bauamtes12) sowie 1626 als Kellner13) bezeugt. Er starb am 2. Juli 163814) und wurde in der Nähe des Maria-Magdalena-Altars bestattet.15) Er stiftete 1200 Goldgulden für seine Memorie und hinterließ dem Stiftskapitel weitere „duodecim imperiales, ex quibus sepulchrum per anni spatium illuminabunt“.16)

Im Unterschied zur Inschrift in ihrer heutigen Fassung überliefert der Eintrag in den Kapitelsprotokollen zu Mestorffs Tod, daß er „59 annis videlicet novem annis Jubiliaria maior Canonicus“ gewesen sei.17) Die falsche Angabe in der Inschrift dürfte nicht auf das Original, sondern auf die Überarbeitung zurückgehen, zumal der Verfasser der Inschrift mit dem Schreiber des Protokolls offenbar identisch war. Leonard Mestorff d.J., 1623 zur ersten Residenz zugelassen18) und 1624 beurlaubt, da er beabsichtigte, „Franciam propter studiorum continuationem visitare“,19) wurde nämlich im Januar 1638 Stiftssekretär.20) In seinem ungewöhnlich ausführlichen Eintrag21) zum Todestag des Onkels bezeichnet er diesen wie in der Inschrift als „Patruum, Patrinum et Patronum meum omnibus modis Observandissimum“. Die wörtliche Übereinstimmung dieser Formulierung mit dem Text der Inschrift spricht dafür, daß er die Memorialinschrift selbst verfaßte.

Die Verse der Inschrift B sprechen die Verwüstungen der Kirche und des Stiftes im Truchsessischen Krieg (1583, 1587) und den durch Blitzschlag verursachten Brand des Daches 1590 an. Mestorff d. Ä. machte sich nach diesen Schicksalschlägen u. a. dadurch verdient, daß er der Kirche ein silbernes Kopfreliquiar für Reliquien des Hl. Cassius im Wert von 300 Imperialen sowie mehrere Gewänder schenkte und Altarpfründen dotierte.22)

Die Identität des Malers der Altargemälde und, damit verbunden, die Frage der Datierung des Altaraufsatzes wurde Ende des 19. Jh. von Merlo und Pick kontrovers diskutiert. Während Merlo die Gemälde um das Jahr 1588 datierte und den damals in Köln weilenden Johann von Achen als ihren Maler ausmachte, vermutete Pick die Anfertigung der Gemälde um 1599 durch einen anderen Künstler der Goltz-Sprangerschen Schule.23) Beide Vorschläge implizieren, daß das Gemälde lange vor Mestorffs Tod gemalt und von ihm für den Altar gestiftet wurde.24) Tatsächlich läßt die Stifterdarstellung darauf schließen, daß Mestorff zum Zeitpunkt der Anfertigung des Gemäldes noch ein vergleichsweise junger Mann war. Der Anlaß für die Stiftung und die Ausführung der Inschrift A dürfte sein Amtsantritt als Scholaster im Jahre 1599 gewesen sein.

Textkritischer Apparat

  1. ae hochgestellt. [.]em heutiger Bestand; Mem. Maaßen.
  2. can. heutiger Bestand, Maaßen.
  3. ci hochgestellt.
  4. os hochgestellt. annos heutiger Bestand, Maaßen.
  5. Kürzungszeichen fehlt heute; so auch bei Maaßen.
  6. m hochgestellt. curtium heutiger Bestand, Maaßen.
  7. Ligatur in Form eines y; refect. heutiger Bestand, Maaßen.
  8. ui hochgestellt.
  9. o hochgestellt. ac heutiger Bestand, Maaßen.
  10. Anfangsbuchstabe hochgestellt. Fehlt heute und bei Maaßen.
  11. MDCXXXIII. heutiger Bestand, Maaßen.
  12. is hochgestellt. aetatis heutiger Bestand, Maaßen.
  13. combust. heutiger Bestand, Maaßen.
  14. presbyter heutiger Bestand, Maaßen.
  15. patrimo heutiger Bestand, Maaßen.
  16. Pick löst O. M. zu optime merito auf. Die sprachlichen Übereinstimmungen mit dem Kapitelsprotokoll zum 2. Juli sprechen aber dafür, daß in der Inschrift – ebenso wie im Protokoll – omnibus modis zu lesen ist. Vgl. den Kommentar.
  17. Durch den Querbalken des H verläuft der Längsbalken eines Kreuzes, das die Buchstaben überragt.

Anmerkungen

  1. Höroldt, St. Cassius, S. 307.
  2. Die originale Schriftform ist nicht gesichert. Pick überliefert den Text in Minuskel mit einigen Versalien, ohne dies als paläographisch getreue Wiedergabe zu kennzeichnen.
  3. Maaßen (1894) bringt bereits diese fehlerhafte Version der Inschrift. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Altar erneut restauriert; ein Foto von 1955, das ihn noch „vor der Restaurierung“ zeigt, läßt erkennen, daß zu diesem Zeitpunkt die Inschrift B stark zerstört, A hingegen hervorragend erhalten war (RAD, Fotoarchiv, Nr. 2015; Rhein. Kunststätten, S. 24, Abb. 25).
  4. Der Wechsel des Schriftfeldes innerhalb der Zeile wird durch zwei Schrägstriche markiert.
  5. Die letzte Zeile ist in etwas kleinerer Schrift ausgeführt. Die Buchstabenhöhe der Inschriften A und C konnte wegen der Höhe der Anbringung nicht ermittelt werden.
  6. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 45f.
  7. PfA St. Martin 226, Bl. 161v.
  8. Höroldt, St. Cassius, S. 222. Zu den mit dem Scholasteramt verbundenen Pflichten siehe ebd., S. 93ff. Zur Resignation von diesem Amt siehe PfA St. Martin 228–1, S. 334.
  9. PfA St. Martin 227, Bl. 35v; HStAD, Cassiusstift A. 9, Bl. 1r. Zum Amt siehe Höroldt, a. a. O., S. 102.
  10. PfA St. Martin 227, Bl. 27, 37r. Zum Amt siehe Höroldt, a. a. O., S. 101.
  11. Ebd., Bl. 164v. Zum Amt siehe Höroldt, ebd.
  12. Ebd., Bl. 115r, 200r. Zum Amt siehe Höroldt, a. a. O., S. 102.
  13. PfA St. Martin 228–1, Bl. 53. Zum Amt siehe Höroldt, a. a. O., S. 99.
  14. Die Mitgliederliste der Sakramentsbruderschaft an St. Remigius, der er seit 1616 angehörte (PfA St. Remigius I, Nr. 14, Bl. 19v), notiert Mestorffs Tod erst zum Jahre 1643 (ebd. Bl. 40v).
  15. PfA St. Martin 228–1, S. 372f.
  16. Ebd., S. 373.
  17. Ebd., S. 372.
  18. PfA St. Martin 228, Bl. 184r.
  19. Ebd., Bl. 193r.
  20. PfA St. Martin 228–1, S. 357.
  21. Üblicherweise wurde der Tod eines Kapitelsmitgliedes lediglich ganz knapp vermerkt.
  22. PfA St. Martin 228–1, S. 372.
  23. Siehe die Argumentation beider in AHVN 26/27, 1874, S. 430–434. Clemen folgt Merlo.
  24. Es ist daher anzunehmen, daß es sich auch bei der Porträtdarstellung zwischen Johannes und Maria Magdalena um Leonard Mestorff d. Ä. handelt, nicht etwa um seinen Neffen.

Nachweise

  1. J. J. Merlo u. R. Pick, Gemälde von Johann von Achen in der Münsterkirche zu Bonn, AHVN 26/27, 1874, S. 432f.
  2. Maaßen, Dekanat Bonn-Stadt, S. 122, Anm. 2 (B).
  3. Clemen, KDM, S. 82.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 94(†) (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0009402.