Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 50 Münster kurz nach 1480

Beschreibung

Tumba mit Memorialinschrift für Erzbischof Ruprecht von der Pfalz im nördlichen Querarm. Sandstein. Tumbenkasten mit Blendmaßwerk an den Seitenwänden: an beiden Schmalseiten jeweils zwei, an der heraldisch rechten Langseite vier in Rundbögen eingestellte Kleeblattbögen mit vollplastischen, leicht gewölbten Wappenschilden (I.).1) Vereinzelte Farbspuren lassen auf eine ursprünglich vorhandene farbige Fassung schließen. Auf der Deckplatte unter einem Spitzbogen die vollplastische Liegefigur des Erzbischofs als Verstorbenem in vollem Ornat, mit Mitra und Stab. Der Kopf ruht auf einem Kissen, die Füße sind auf einen liegenden Löwen gestützt. Vier vollplastische Wappen in den Ecken (II.). Inschrift auf der Randschräge des Tumbendeckels an drei Seiten umlaufend, beginnend an der Kopfseite.

Maße: L. 262, B. 116, H. 119, Bu. 5,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

DI 50, Nr. 50 - Bonn, Münster - kurz nach 1480

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/6]

  1. Anno · d(omi)ni · m · cccc · lxxx · xxvia) mensis / julii · Obiit · Reuerendissimus · in · (Christo)b) · p(ate)r · et · d(omi)n(u)s · d(omi)n(u)s · Rupertus · Archiep(iscop)us · Colonien(sis) / Cui(us) · a(n)i(m)a · requiescat · feliciter · am(e)n ·

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1480 am 26. Juli starb der hochwürdigste Vater in Christus und Herr, Herr Rupert, Kölner Erzbischof, dessen Seele glücklich ruhen möge, amen.

Wappen:
I. Burggrafen von Nürnberg (?),2) Frankreich (?),3) Aragon,4) Kurpfalz, Savoyen-Achaia,5) Beaujeu,6) Auvergne/Boulogne,7) Grafen von Genf (?)8)
II. Kurköln (zweimal), Pfalz, Bayern.

Kommentar

Die Inschrift ist tief zwischen schwach vorgeritzten Linien eingehauen, die das mittlere Schriftband der gotischen Minuskel begrenzen. Im Unterschied zu den kurzen Unterlängen sind die Oberlängen ausgeprägt, wobei die oberen Hastenenden sich spalten. Punkte über dem i sind regelmäßig gesetzt, ebenso ein fast zum Kreis geschlossener Bogen über u und v (bei Reverendissimus). Der abgeknickte obere Bogenabschnitt des e und die als Quadrangel ausgeführte Fahne des r laufen nach unten in einem Zierstrich aus, ebenso der gebrochene obere Bogen des doppelstöckigen a. Die Versalien sind aus der Minuskel entwickelt, wobei C und O eine Verdoppelung des linken Bogenabschnitts aufweisen. Der erste A-Versal hingegen ist aus der pseudounzialen Grundform abgeleitet und mit einem breiten, an den Enden beidseitig nach oben gebogenen Deckbalken versehen worden. Ein breiter, nach oben durchgebogener Sporn am unteren Ende der rechten Haste sowie der unter der Grundlinie befindliche, nach außen umgebogene Ansatz der linken Haste betonen den dynamischen Charakter des Buchstabens. Die Worttrennung erfolgt durch Quadrangeln mit paragraphenzeichenförmig ausgezogenen Zierstrichen.

Ruprecht, seit 1463 Kölner Erzbischof, geriet wegen seines Verstoßes gegen die sog. Landesvereinigung in heftige Auseinandersetzungen mit dem Domkapitel und den Ständen des Erzstifts, die die sog. ‚Kölner Stiftsfehde‘ auslösten.9) 1472 wurde Ruprecht exkommuniziert, im darauffolgenden Jahr wurde Hermann von Hessen zum Gubernator des Erzstifts gewählt. 1478 geriet Ruprecht in hessische Gefangenschaft, in der er sich auch nach seinem Verzicht auf das Erzbistum bis zu seinem Tode befand. Da das Kölner Domkapitel ihm unter Hinweis auf den Kirchenbann das Begräbnis im Dom verweigerte, wurde er der Chronica Brunwylrense zufolge zunächst „in Bonna extra civitatem“10) bestattet, bevor sein früherer Gegner und Nachfolger als Kölner Erzbischof, Hermann von Hessen, seine Gebeine ins Bonner Münster überführen, „iuxta altare beate Barbare“11) beisetzen und ihm die (leere) Tumba errichten ließ.12) Die Wapen bilden eine ungewöhnlich angeordnete achtfache Ahnenprobe. Die beiden elterlichen Wappen Ruprechts stehen in der Mitte der Langseite, die der beiden Großmütter ganz außen an den Schmalseiten. Dazwischen stehen die vier Wappen der Urgroßmütter. Die Wappen der heraldisch rechten Seite sind linksgewendet. Warum statt des Wappens von Meißen das französische Lilienwappen gewählt wurde, ist nicht ersichtlich. Auch die beiden großmütterlichen Wappen sind nicht korrekt (siehe Anm. 2 und 8). Möglicherweise geht die fehlerhafte Ausführung der beiden Wappenbilder auf eine falsche oder eine falsch interpretierte Vorlage zurück.

Textkritischer Apparat

  1. 16 Alfter.
  2. Buchstabenbestand: xpo.

Anmerkungen

  1. Die Zeichnung der Tumba bei aus’m Weerth zeigt an der Längswand nur zwei (die beiden mittleren) Wappen.
  2. Löwe in gestücktem Bord, der hier fehlt.
  3. 3 (2, 1) Lilien. Bei korrekter Ahnenprobe müßte hier das Wappen von Meißen stehen (Löwe).
  4. 4 Pfähle für Beatrix von Sizilien aus dem Hause Aragon. Üblicherweise sollte hier das Wappen des Königreichs Sizilien stehen.
  5. Kreuz, hinterlegt von einem Schräglinksfaden.
  6. Löwe, überdeckt von einem 4lätzigen Turnierkragen.
  7. Grafen von Auvergne aus dem Hause Boulogne: quadriert von Auvergne (3lätzige Kirchenfahne) und Boulogne (3 Kugeln).
  8. Statt des korrekten Wappenbildes (9fach geschacht) ein Kreuz.
  9. Janssen, Erzbistum Köln, S. 277–281; ders., Der Verzicht des Erzbischofs Ruprecht von der Pfalz auf das Erzbistum Köln um die Jahreswende 1478/1479, in: H. Vollrath/S. Weinfurter (Hrsg.), Köln. Stadt und Bistum in Kirche und Reich des Mittelalters. Festschrift für Odilo Engels zum 65. Geburtstag (Kölner Historische Abhandlungen 39), Köln 1993, S. 659–700.
  10. „extra coemeterium“ in einer späteren Handschrift; ed. G. Eckertz, in: AHVN 19, 1868, S. 225.
  11. Ebd.
  12. Vogel überliefert, Papst Sixtus IV. († 1484) habe die Beisetzung Ruprechts im Bonner Münster veranlaßt (a. a. O.).

Nachweise

  1. Hüpsch, Epigrammatographie II, S. 28, Nr. 69.
  2. HAStK, Slg. Alfter, Bd. 47, Bl. 92r.
  3. HStAD, Cassiusstift, A. 16. -Vogel, Chorographia, S. 149.
  4. aus’m Weerth, Münsterkirche, S. 18 und Zeichnung S. 19.
  5. E. de Claer, Die Bruderschaften und Ritterorden in Bonn zur Zeit der Kurfürsten von Köln, AHVN 28/29, 1876, S. 104–196 (115 Anm. 2). -Clemen, KDM, S. 88.
  6. Chroniken 13, S. 202.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 50 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0005003.