Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 15(†) Schwarzrheindorf, St. Maria und St. Clemens Mitte 12. Jh.

Beschreibung

Wand- und Gewölbemalereien in der Unterkirche mit Bildbeischriften und Bildinschriften als ikonographischem Element. Kalk-Secco-Malerei. Vor 1625 erstmals mit weißer Farbe überdeckt, mehrere Übertünchungen folgten.1) Die Malereien wurden 1846 von Andreas Simons entdeckt, 1854 durch Christian Hohe freigelegt und 1863 von ihm unter Anbringung teils willkürlicher Veränderungen und Ergänzungen erneuert.2) Die Eingriffe Hohes wurden bei Restaurierungen 1911 und 1935 (jeweils durch Bardenhewer) korrigiert, letzte Konservierungsmaßnahmen erfolgten 1995/96.3) Zur Überlieferung der Inschriften siehe unten den Kommentar.

Die Malereien4) im Gewölbe stellen einen Zyklus nach dem Buch des Ezechiel dar.5)

Östlicher Kreuzarm. Südliches Gewölbefeld: die Berufung Ezechiels (vgl. Ez 1, 1–28). Im Westzwickel ein kauernder bärtiger Mann (der Prophet?) mit gesenktem Kopf, in der Linken ein Spruchband mit erloschener Inschrift haltend. Im Ostzwickel eine kleine Gestalt mit heute leerem Spruchband, auf dem Hohe noch Schriftreste sah (A). Östliches Gewölbefeld: vermutlich ursprünglich Weihe Ezechiels, heute verloren. Nördliches Gewölbefeld: die Belagerung Jerusalems (vgl. Ez 4,1 – 3). Im westlichen und östlichen Zwickel jeweils wohl der Prophet als bärtige Männergestalt, einmal mit leerem Spruchband, einmal mit langstieliger Pfanne. Westliches Gewölbefeld: Darstellung weitgehend zerstört; vermutlich der 390 Tage auf der linken und 40 Tage auf der rechten Seite liegende Prophet, der die Schuld Israels und Judas büßt (vgl. Ez 4,4 – 6).

Südlicher Kreuzarm. Auf dem Stirnband der Konche die Inschrift (B). Östliches Gewölbefeld: die Haarschur des Propheten (vgl. Ez 5,1). Südliches Gewölbefeld: Ezechiel wiegt das abgeschnittene Haar und verbrennt ein Drittel davon (vgl. Ez 5,1). Westliches Gewölbefeld: Ezechiel schlägt mit dem Schwert um ein weiteres Drittel des abgeschnittenen Haares (vgl. Ez 5,1). Nördliches Gewölbefeld: Ezechiel streut das letzte Drittel des abgeschnittenen Haares in den Wind und bindet einen Rest davon in seinen Mantel ein (vgl. Ez 5,2).

Westlicher Kreuzarm. Südliches Gewölbefeld: Die Hand des Herrn fällt auf den Propheten (vgl. Ez 8,1). Westliches Gewölbefeld: Ezechiel wird vom Geist nach Jerusalem entführt (vgl. Ez 8,3). Hohe notiert in seinem Skizzenbuch eine Inschrift neben dem Kopf des Propheten (C), die bereits bei aus’m Weerth nicht mehr angeführt ist und bei Clemen6) als nicht mehr vorhanden erwähnt wird. Nördliches Gewölbefeld: Anbetung des Götzenbildes am Altartor (vgl. Ez 8,3–6). Östliches Gewölbefeld: der Götzendienst der 70 Vornehmen Israels (vgl. Ez 8,6–11).

Nördlicher Kreuzarm. Auf der Stirnleiste der Konche Reste einer Inschrift (D). Westliches Gewölbefeld: Die Vollstrecker des göttlichen Strafgerichts um den ehernen Altar (vgl. Ez 9,1–2). Nördliches Gewölbefeld: Der Gottesbote mit dem Schreibzeug malt ein Zeichen auf die Stirn der Gerechten Jerusalems (vgl. Ez 9,3–4). Östliches Gewölbefeld: Niedermetzelung der gottlosen Bewohner der Stadt durch die Bewaffneten (vgl. Ez 9,5–6). Südliches Gewölbefeld: Jahve mit dem Propheten und dem Schreiber (vgl. Ez 9,8–11). In der Mitte Jahve in einer runden Glorie. Im Westzwickel steht der Schreiber, im Ostzwickel die gebeugte Gestalt des Propheten, um Gnade für das Volk Israel flehend. Beide mit einem Spruchband in der Linken, auf dem schwache Schriftreste sichtbar sind (E, F).

Vierung: Aufbau des neuen Jerusalem. Südliches Feld: Der Mann mit Meßschnur und Meßlatte vermißt den neuen Tempel (vgl. Ez 40,1–4). In der Rechten hält er ein Spruchband mit Resten einer Inschrift (G). Vor ihm steht im westlichen Zwickel der Prophet mit erhobenen Händen. Darunter Schriftreste (H). Westliches Feld: Vermessung des Baus von außen (vgl. Ez 42,15–18). Unter der Darstellung die fragmentarische Inschrift I. Nördliches Feld: Weihe des Brandopferaltars (vgl. Ez 43,13–17). Unter der Darstellung die Schriftreste K. Östliches Feld: Einzug Jahves in den Tempel (vgl. Ez 43,1–12). Im nördlichen Zwickel hält ein Engel (oder der Gottesbote?) ein Spruchband mit Inschrift L. Darunter die fragmentarische Inschrift M auf der Stirnleiste des Gurtbogens.

Dem Ezechielzyklus am Gewölbe entspricht ein neutestamentlicher Zyklus an den Wänden. Westkonche, Wand: Christus läßt den Tempel reinigen (vgl. Io 2,12–18). Umlaufend ein Mauerring mit drei Toren, der den Vorhof des Tempels darstellt; der Ring wird nach unten von einem roten Streifen begrenzt, von Pfeiffer als (leeres) Spruchband gedeutet.7) Im äußeren Vorhof Christus mit Geißel und Spruchband (N) in der Rechten, der sich den Taubenverkäufern nähert. Sechs Männer verlassen den Vorhof durch das Nordtor. Der letzte, zu Christus zurückgewandt, hält ein Spruchband mit der seitenverkehrten Inschrift O in der Hand.

Südkonche, Wand: Verklärung Christi auf dem Berg Tabor (vgl. Lc 9,28–32). In der Mitte über der Fensteröffnung steht Christus in der Glorie auf dem Berg. Rechts und links von ihm in anbetender Haltung Moses und Elias, am Fuße des Berges liegen Petrus, Johannes und Jakobus. Die Darstellung wird nach oben hin durch einen Randstreifen mit den Inschriftresten P abgeschlossen.

Nordkonche, Wand: Kreuzigung mit Händewaschung und Verteilung des Rockes Christi. In der Mitte über dem Fenster Christus am Kreuz (Titulus Q) mit Longinus und Stephaton. Links davon Maria und Johannes, rechts eine Gruppe von Zuschauern, einer von ihnen mit einem Spruchband (R). Am Fuß des Hügels links Pilatus, der sich von einem Diener Wasser reichen läßt; hinter ihm drei Juden, einer mit leerem Spruchband.8) Rechts sitzt eine Gruppe von sechs Männern um den Rock Jesu versammelt. Über der Darstellung ein Randstreifen mit Schriftresten (S).

Ostkonche, Wand: Christus in der Mandorla. Originale Malerei fast völlig verschwunden, vom Restaurator umfassend überarbeitet und durch Evangelisten, Apostel und einen hl. Bischof (vermutlich Clemens) ergänzt. In der südlichen Nische der unteren Apsiszone Paulus, in der nördlichen entsprechend Petrus anzunehmen. Auf den Wandflächen neben und zwischen den Nischen und dem Stirnfenster die vier Evangelisten an Pulten sitzend.

Westlicher Kreuzarm. In den Laibungen der beiden Fenster die Tugenden im Kampf gegen die Laster. Südlicher Kreuzarm, östliche und westliche Nische: jeweils ein thronender König mit Zepter, am Bogenrand Schriftreste (T in der Ostnische, U in der Westnische).

Nördlicher Kreuzarm, östliche und westliche Nische: jeweils ein thronender König mit Zepter, am Bogenrand Schriftreste (V in der Ostnische, W in der Westnische).

Da die Inschriften weitgehend übermalt sind, werden die Texte nicht nach dem heutigen Zustand, sondern jeweils nach der glaubwürdigsten Überlieferung geboten (vgl. dazu unten den Kommentar). Der heutige Textbestand wird, sofern er davon abweicht, in den Anmerkungen vermerkt. Ein Kreuz hinter dem Buchstaben, der die Inschrift bezeichnet, bedeutet, daß die Inschrift heute nicht mehr bzw. nicht wieder ausgeführt ist. Wenn für eine Inschrift mehrere Versionen überliefert sind, ohne daß eine davon als die zuverlässigste beurteilt werden kann, werden alle gleichwertigen Versionen unter demselben Buchstaben, aber mit differenzierender Zahl (A1, A2 usw.) geboten.

Maße: Bu. ca. 3,5–5 cm

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

Östlicher Kreuzarm, südliches Gewölbefeld, Spruchband (nach Hohe, Skizzenbuch):

  1. †A

    [..........]S[.]a)

Südlicher Kreuzarm, Stirnband der Konche (nach aus’m Weerth, vgl. Abb. 16):

  1. B

    [- - -]b) AN[..........] GLADIVM [..........] C[.]E[.]V[.]E[.] [..]V[..]BC[- - -] PONDER[IS] · DIVIDES · EOS [TE]RT[IA](M) PARTEM · IGNIc) [- - -]d)9)

Westlicher Kreuzarm, westliches Gewölbefeld, Inschrift neben dem Kopf des Propheten (nach Hohe, Skizzenbuch):

  1. †C

    BPbAEQ/[..]LPNF[.]EIe)

Nördlicher Kreuzarm, Stirnleiste der Apsis (nach aus’m Weerth):

  1. D

    [....]NIGR[- - -]f)

Nördlicher Kreuzarm, südliches Gewölbefeld, Spruchband beim Schreiber (heutiger Zustand, vgl. Abb. 15):

  1. E

    V[.........]g)

Nördlicher Kreuzarm, südliches Gewölbefeld, Spruchband beim Propheten (heutiger Zustand, vgl. Abb. 15):

  1. F

    IC[.....]P[.....]h)

Vierung, südliches Feld, Spruchband (nach Pfeiffer10)):

  1. G1

    FILI HOMINIS [. . .] PONE COR TVVM IN OMNIA QVAE EGO OSTENDAM TIBI

Vierung, südliches Feld, Spruchband (nach Lambris11), vgl. Abb. 17):

  1. G2

    I · DOMINO · PONE · CORTi) · [....] OM(NI)Ak) · ORDESf)l)

Vierung, südliches Feld, Stirnleiste des Gurtbogens (nach aus’m Weerth)m):

  1. H

    [- - -]SI TR [- - -//..] LOR S [....] FALB [- - -] N [- - -] N [- - -]n)

Vierung, westliches Feld, Stirnleiste des Gurtbogens (nach aus’m Weerth)m):

  1. I

    [- - -] BI [- - - // - - -] OS · AECC[....] S[.....]f)o)

Vierung, nördliches Feld, Stirnleiste des Gurtbogens (nach aus’m Weerth)m):

  1. K

    [- - -] NA // [.....]V [.........] S [......] MAT [- - -] S [- - -]f)p)

Vierung, östliches Feld, Spruchband (nach Hohe, Skizzenbuch):

  1. †L

    SANCTVS · SANCTVSq)12)

Vierung, östliches Feld, Stirnleiste des Gurtbogens (nach aus’m Weerth):

  1. M

    [- - -]r) NSs) [- - -]t) MARIA · SACRA [........]f)

Westkonche, Spruchband Christus (nach Simons, vgl. Abb. 19):

  1. N

    AVFERTu)13)

Westkonche, Spruchband Händler (nach Simons, vgl. Abb. 19):

  1. O

    SIGNV[(M)]v) · OS[T]ENDISw) · NOB(IS) · Q(VI)A · HECx) · F(ACIS) ·y)14)

Südkonche, Unterseite des Gurtbogens (nach Lambris15), vgl. Abb. 16):

  1. P

    [- - -]z) QVA [..........] VSA · FIGVR · // · M CARNI [..] O [.....] C [........] GLORI[....]DIaa) · [- - -]bb)

Nordkonche, Kreuzigungsszene (nach Hohe, Skizzenbuch, vgl. Abb. 18):

  1. Q

    I(ESVS) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDAEORVM)16)

Nordkonche, Kreuzigungsszene, Spruchband (nach aus’m Weerth, vgl. Abb. 18):

  1. R

    [......] DEI · TRAD[...]f)cc)

Nordkonche, Unterseite des Gurtbogens (nach Hohe, Skizzenbuch):

  1. S1

    [- - -]IA · SANC[.....]dd) // [...] CED[..]Oee) [- - -]

Nordkonche, Unterseite des Gurbogens (nach aus’m Weerth, vgl. Abb. 18):

  1. S2

    [- - -]ff) OB [....] R [.]ONVM · SANGV[.......]TAf)gg)

Südarm, östliche Nische, Randstreifen (nach aus’m Weerth, vgl. Abb. 20):

  1. T

    [- - -] T [....] NO [......] L · NED · NEC · TA [..] R [...] E [..........]f)hh)

Südarm, westliche Nische, Randstreifen (nach aus’m Weerth):

  1. U

    [- - -]ii) R [...] R [..] M [..] A [.......] NI [..........] R [...] D [- - -]f)kk)

Nordarm, östliche Nische, Randstreifen (nach aus’m Weerth):

  1. V

    [- - -] C[...S.........] ATEER [- - -]f)ll)

Nordarm, westliche Nische, Randstreifen (nach aus’m Weerth):

  1. W

    [- - -]TVM[- - -]f)mm)

... Waagschale und teile sie. Ein Drittel ... im Feuer ... (B)

Menschensohn, richte dein Herz auf alles, was ich dir zeigen werde. (G1)

Stehet auf! (N)

[Welches] Wunder zeigst du uns, da du dies tust? (O)

Bei den jüngsten Restaurierungen wurde deutlich, daß ein großer Teil der Malerei bei der Entfernung des neuzeitlichen Putzes zerstört worden war. Die mittelalterliche Ausmalung ist in den Teilen erhalten, in denen die Farbe auf den noch feuchten Putz aufgetragen wurde und somit ein Fresco-Effekt eintrat, d. h. die Farbe sich mit dem Putz verband.17) Das trifft in erster Linie auf die Vorzeichnungen zu, und zwar vor allem im Westteil der Kirche. Da die Inschriften nach der Fertigstellung der Malerei auf dem trockenen Putz ausgeführt wurden, konnte bereits Hohe (1854) nur noch geringfügige Schriftreste erkennen. Er übernahm in sein Skizzenbuch acht überwiegend fragmentarische Inschriften, von denen zwei (A, C) nur bei ihm überliefert sind. Auch die Wiedergabe bei Hohe muß allerdings angesichts seiner zahlreichen Irrtümer bei der Interpretation der Malereien mit größter Vorsicht betrachtet werden.18) Das wird deutlich bei seiner Lesung der Inschriften N und O, die Simons bereits 1847 in anderer und sinnvollerer Lesart publizierte. Daß die Zahl der Inschriften zum Zeitpunkt der Aufdeckung der Malereien deutlich höher war, als die Zeichnungen Hohes erkennen lassen, kann man Pfeiffers Hinweis auf die „glücklicherweise zahlreichen Inschriften in lateinischer Majuskelschrift“ entnehmen.19) Er räumt allerdings zugleich ein, daß „die zahlreichen sie [d. h. die Bilder] umgebenden Inschriften bis jetzt noch nicht entziffert sind und auch wohl schwerlich zu entziffern sein werden“.20) Auch Hohe hatte Schwierigkeiten, in den Schriftresten konkrete Buchstaben oder gar sinnvolle Wörter zu erkennen. Dies wird u. a. bei seiner Überlieferung der Inschrift C deutlich, die als eine weitgehend sinnlose Buchstabenfolge erscheint. Ähnliches gilt für die Mehrzahl der Inschriften in der Unterkirche. Trotz dieser Probleme wurden auch die Inschriften(-reste) in die Restaurierungsarbeiten einbezogen. Es ist damit zu rechnen, daß dabei nicht nur die zweifelsfrei erkennbaren Buchstaben, sondern auch die nicht sicher lesbaren Teile übermalt und dabei zuweilen interpretatorisch ergänzt wurden. Ernst aus’m Weerth verweist in seiner Publikation mehrfach auf die „von der Restauration angenommenen Wortreste“,21) überliefert also im wesentlichen (mit Ausnahme der auf sein Betreiben hin freigelegten Inschriften T bis W) den Wortlaut der Inschriften nach der Restaurierung unter Hinzufügung einiger Korrekturvorschläge. Clemens Wiedergabe basiert überwiegend auf aus’m Weerth, kritisiert dessen Verbesserungsvorschläge allerdings in einigen Punkten.

Da also selbst die ältesten Abzeichnungen der Inschriften als potentiell unzuverlässig einzuschätzen sind und die Restaurierungen den Bestand in nicht sicher feststellbarem Maße verändert haben, kann weder die ursprüngliche Ausstattung der Wände mit Inschriften noch auch nur der Zustand bei der Aufdeckung 1854 im Wortlaut rekonstruiert werden. Es besteht lediglich die Möglichkeit, die eine oder andere Überlieferung als mehr oder weniger wahrscheinlich einzustufen. Diese Beurteilung wird dadurch erschwert, daß der überlieferte Text sich in vielen Fällen auf einzelne Wörter, Wortfetzen oder Buchstaben beschränkt, die sich einer sinnvollen Deutung entziehen.

Dennoch sind gewisse Aussagen über die Ausstattung der Unterkirche mit Inschriften möglich. Offensichtlich ist zwischen zwei Gruppen von Inschriften zu unterscheiden: den Texten auf Spruchbändern und den Inschriften, die über oder unter den Darstellungen (meist an Gurtbögen und Ge- wölbekappen) auf schmalen Streifen angebracht sind.22) Erstere bilden einen Bestandteil des Bildes, stehen für direkte Rede der dargestellten Person und sind – soweit feststellbar – wörtliche Bibelzitate. Letztere stehen außerhalb des Bildes wohl mit der Funktion, die Darstellung zu erläutern. Die wenigen Schriftreste, die von den erläuternden Inschriften übriggeblieben sind, lassen erkennen, daß die Texte offenbar die entsprechenden Bibelstellen nicht wörtlich, sondern in Paraphrase aufgreifen. Daraus ergibt sich, daß eine Rekonstruktion des Textes, die bei den wörtlichen Zitaten auf den Spruchbändern zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unternommen werden kann, in diesen Fällen nicht möglich ist. Auch aus’m Weerths Vermutung, daß die Inschriften auf den Randstreifen in Hexametern abgefaßt waren, läßt sich nicht belegen.

Die Frage nach der Originalität der Inschriften stellt sich in besonderer Weise bei den Inschriften E und F. Beide sind weder in den frühen Abzeichnungen und Kopien noch in der Literatur an irgendeiner Stelle erwähnt. Bei aus’m Weerth und Clemen werden vielmehr beide Spruchbänder als leer bezeichnet. Heute jedoch sind einzelne Buchstaben deutlich, wenn auch schwach erkennbar. Gegen eine freie Erfindung der Schriftreste spricht hier nicht nur der fehlende Sinnzusammenhang, sondern auch der Umstand, daß die Buchstaben auf dem Spruchband der rechten Figur (F) der imaginären Sprechrichtung folgend spiegelverkehrt ausgeführt sind. Das entspricht der Schriftanordnung auf dem Spruchband eines der Händler im Tempel (O), dessen Text ebenfalls spiegelverkehrt zum Angesprochenen weist. Wenn die Buchstaben tatsächlich bei einer späteren Restaurierung freigelegt wurden, widerlegen sie die Rekonstruktionsversuche aus’m Weerths, Pfeiffers und Clemens, die übereinstimmend für das Spruchband des Propheten den Klageruf „heu, heu, heu, Domine, Deus!“ (nach Ez 9,8) und für das Spruchband des Schreibers das Zitat „Feci, sicut praecepisti mihi“ (nach Ez 9,11) annehmen.23)

Als besonders unsicher muß auch die Überlieferung der Inschrift G bewertet werden. Pfeiffers Lesungsversuch (G1) geht zwar auf den Zustand vor der Restaurierung durch Hohe zurück, wird aber von ihm selbst als unsicher qualifiziert.24) Hohe hat sich bei der Restaurierung für eine andere Version des Textes entschieden (G2). In Übereinstimmung mit Pfeiffer schlägt aus’m Weerth vor, die „von der Restauration angenommenen Wortreste“ [...]I[.] DOMINO PONE COR T[VVM IN] OMNIA CORDES anders zu lesen und in dem von Pfeiffer vorgeschlagenen Wortlaut nach Ez 40,4 zu ergänzen. Aus aus’m Weerths Formulierung ist zu schließen, daß er selbst die Inschrift erst in restauriertem Zustand gesehen hat. Clemen folgt aus’m Weerth und Pfeiffer in der Wiedergabe der „heute fast ganz verschwundenen“ (von der Restauration festgestellten) Inschrift ebenso wie im Wiederherstellungsversuch nach Ez 40,4. Für die von Pfeiffer vorgeschlagene Lesung spricht die Feststellung, daß die Spruchbänder offenbar wörtliche Bibelzitate trugen. Andererseits bietet das Spruchband bei weitem nicht genügend Platz für einen so langen Text, es sei denn, er wäre stark gekürzt ausgeführt gewesen.

Der Buchstabenbestand der Inschrift R wurde „von der Restauration“ (also wohl von Hohe) festgestellt.25) Da die Evangelien keine entsprechende Textstelle enthalten, vermutet aus’m Weerth, daß die Inschrift verlesen wurde und richtig DEI [ET IN] TRID[VO ILLVD REAEDIFICAS, SALVA TEMETIPSVM] heißen muß. Clemen merkt dazu zutreffend an, daß das Spruchband für einen so langen Text viel zu kurz ist.26) Ebenfalls zu Recht weist Clemen darauf hin, daß die dem Spruchband zugeordnete Person nicht als einer der lästernden Juden, sondern als der römische Hauptmann zu deuten ist. Die Vorlage für den Text auf dem Spruchband ist daher wohl am ehesten bei Mc 15,39 zu suchen, wonach der Hauptmann zu seinem Gefolge sagte: „Filius Dei erat“. Eine Verlesung von ERAT zu TRAD ist leichter denkbar als eine Verwechslung von I und A.

Ein paläographischer Kommentar zu den Wandmalerei-Inschriften muß sich darauf beschränken, Tendenzen festzuhalten. Soweit die Überlieferung überhaupt Rückschlüsse auf die Schrift der Inschriften zuläßt, ist festzustellen, daß für die Majuskelschrift fast ausschließlich kapitale Formen verwendet wurden. Nur an wenigen Stellen überliefern Hohe oder Lambris ein unziales E, das in der Zeichnung sogar geschlossen erscheint. Ob dieses geschlossene E als Schöpfung des 12. oder des 19. Jh. zu bewerten ist, muß dahingestellt bleiben.

Textkritischer Apparat

  1. Der Buchstabe nach dem S ist bei Hohe nur schwach gezeichnet. Es könnte sich um ein N oder ein V gehandelt haben.
  2. Lücke von ca. 13 Buchstaben.
  3. I[GNI] Clemen. Hohe überliefert nur wenige Buchstaben, die mit dem von aus’m Weerth und Clemen wiedergegebenen Zustand nicht in Übereinstimmung zu bringen sind: [- - -] [- - -]T[- - -]NO.
  4. Lücke von ca. 17 Buchstaben.
  5. Clemen vermerkt zu dieser Wiedergabe bei Hohe: „Die offenbar unverstanden aufgenommenen Buchstaben sind heute nicht mehr zu deuten.“ (S. 286, Anm. 25).
  6. Bei Hohe, Skizzenbuch, in der entsprechenden Zeichnung nicht überliefert.
  7. In der Literatur werden keinerlei Schriftreste überliefert. Clemen gibt vielmehr ausdrücklich an, das Spruchband sei „ohne Schriftspuren“. Der Buchstabe ist heute zwar schwach, aber deutlich erkennbar. Vermutlich wurden die Schriftspuren bei einer späteren Restaurierung freigelegt (oder hinzugefügt?).
  8. Inschrift spiegelverkehrt ausgeführt. In der Literatur werden keinerlei Schriftreste überliefert. Clemen gibt an, das Spruchband sei leer. Die Buchstaben sind heute zwar schwach, aber deutlich erkennbar. Vermutlich wurden die Schriftspuren bei einer späteren Restaurierung freigelegt (oder hinzugefügt?). Siehe dazu den Kommentar.
  9. O ins C eingeschrieben.
  10. Kürzungsstrich über dem M.
  11. Heutiger Zustand: I · DOMINO PONE · CORTOMA ORDES (mit Kürzungsstrich über dem M). Zur Überlieferungsproblematik dieser Inschrift siehe den Kommentar.
  12. Angabe der Fehlstellen nach Clemen.
  13. Danach Clemen. Im dazugehörigen Tafelband gibt Joseph Winkel die Inschrift geringfügig anders wieder: [- - -] SI [- - -] IOR [..] S [.....] FALB [.....] N [.....] N [......] (Roman. Wandmalereien, Tf. 19). Clemen (Roman. Monumentalmalerei, S. 291) gibt an, die Schriftreste seien bei Hohe nicht erwähnt. Tatsächlich aber überliefert Hohe OR S (Skizzenbuch).
  14. So auch bei Clemen. Heutiger Zustand: [- - -] BI [- - -] (erste Lücke ca. 15 Buchstaben; zweite Lücke ca. 35 Buchstaben).
  15. Heutiger Zustand: [- - -] MAT [- - -] (erste Lücke ca. 30, zweite Lücke ca. 15 Buchstaben).
  16. Auch bei aus’m Weerth und Clemen überliefert, heute nicht mehr vorhanden.
  17. Lücke von ca. 15 Buchstaben.
  18. Heute zweites S in weißer Farbe dicht, aber etwas tiefer an das erste gesetzt.
  19. Lücke von ca. 30–35 Buchstaben.
  20. VF[.]BT Hohe; in seinen Zeichnungen ist vom dritten Buchstaben ein Schaft erkennbar, von dem aus in halber Höhe ein Balken nach rechts führt. VERB[ERAVIT] Pfeiffer, Clemen. Heutiger Zustand: AVFERTE.
  21. MGNV(M) Hohe, Skizzenbuch und RAD, Fotoarchiv Bl. Nr. 29861, 20359.
  22. Endbuchstabe hochgestellt.
  23. Nach Hohe unziales H, E schräg auf das C gesetzt.
  24. Heutiger Zustand: SIGNV(M) OSTENDIS · NOB OA [.]C F. Kürzungszeichen bei NOBIS fehlt, statt Q als Kürzung für QVIA ist O ausgeführt. Vor dem C im vorletzten Wort sind zwei Hasten erkennbar.
  25. Lücke von ca. 15 Buchstaben.
  26. GLORIA MVNDI?
  27. Lücke von ca. 15 Buchstaben.
  28. Clemen bezeichnet die Inschrift als fast erloschen (S. 307). Tatsächlich ist auf dem Foto im zugehörigen Tafelband nur der Rest eines Buchstabens schwach zu erkennen (Roman. Wandmalereien, Tf. 22). Siehe zu dieser Inschrift den Kommentar.
  29. Möglich ist auch SANG[- - -].
  30. Zwischen D und O sind bei Hohe ein Schaft und unverbunden daneben ein schwach ausgeprägter Bogen angedeutet (D?). Davor ist Platz für einen weiteren schmalen Buchstaben. Clemen liest Hohes Zeichnung als CEDICO.
  31. Lücke von ca. 15 Buchstaben.
  32. So auch der heutige Zustand. Letzter Buchstabe sehr schwach.
  33. Die Schriftreste wurden auf Veranlassung aus’m Weerths in den 70er Jahren des 19. Jh. aufgedeckt (aus’m Weerth, S. 13). Heutiger Zustand: [- - -] NO [......] ONE · NEC · TA[.....] R [....] E [..........].
  34. Lücke von ca. 15 Buchstaben.
  35. Lücke von ca. 12 Buchstaben.
  36. Heutiger Zustand: [- - -]E · EI[- - -]. Erste Lücke ca. 30 Buchstaben, zweite Lücke ca. 20 Buchstaben.
  37. Erste Lücke ca. 15 Buchstaben. Zweite Lücke ca. 25–30 Buchstaben.

Anmerkungen

  1. Verbeek, Schwarzrheindorf, S. XXXVI.
  2. Zur Aufdeckung der Malereien und zu den Restaurierungen bis 1935 siehe Simons, Farbenschmuck, S. 153ff.; den bei Clemen (Roman. Monumentalmalerei, S. 274ff., Anm. 14) abgedruckten Bericht Hohes über die Instandsetzung; F. Graf Wolff Metternich, Die romanischen Monumentalmalereien in Schwarzrheindorf, JRD 14/15, 1938, S. 511–528; Verbeek, Schwarzrheindorf, S. XXXVIII; S. Gierschner, Zur Authentizität der romanischen Wandmalereien von Schwarzrheindorf. Versuch einer immanenten Quellenkritik, in: Paul Clemen zur 125. Wiederkehr seines Geburtstages = JRD 35, Köln 1991, S. 115–148; R. Poppen, Die Wandmalereien in der Unterkirche der Doppelkapelle von Schwarzrheindorf, Diss. phil. Bonn (im Druck). Das Apsisgewölbe wurde ganz neu ausgemalt.
  3. G. Bauer, Neue Beobachtungen zur Technik an der Triumphbogenausmalung in der ehem. Stiftskirche zu Bad Münstereifel und an den Wand- und Gewölbemalereien in der Unterkirche von St. Klemens zu Bonn-Schwarzrheindorf, JRD 37, 1996, S. 13–42 (27–42).
  4. Die Beschreibung der Ikonographie wird an dieser Stelle auf knappe Angaben beschränkt. Eine ausführliche Beschreibung liefert Clemen, Roman. Monumentalmalerei, S. 278–325.
  5. Diese Deutung schlug Pfeiffer erstmals 1863 vor (Bonner Zeitung 1863, Nrn. 203, 209, 215, 221, 227, 239, 285). Die Auseinandersetzung der Kunstwissenschaft mit dem Bildprogramm und seinen theologischen und geistesgeschichtlichen Zusammenhängen kann an dieser Stelle nicht aufgegriffen werden. Siehe dazu W. Neuss, Das Buch Ezechiel in Theologie und Kunst bis zum Ende des 12. Jh. (Beiträge zur Geschichte des alten Mönchstums und des Benediktinerordens H. 1–2), Münster 1912, S. 286ff.; E. Beitz, Rupertus von Deutz – seine Werke und die bildende Kunst (Veröffentlichungen des Kölnischen Geschichtsvereins 4), Köln 1930, S. 61f., 71ff.; J. Minn, Der Gemälde-Cyklus der Schwarzrheindorfer Doppelkirche, eine gemalte Kyriologie, BGbll. 1, 1937, S. 176–199; J. Kunisch, Konrad III., Arnold von Wied und der Kapellenbau von Schwarzrheindorf (Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein Bd. 9), Düsseldorf 1966, S. 93ff.
  6. Hinweise auf Clemen beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf den Textband Roman. Monumentalmalerei.
  7. Bonner Zeitung 1863, Nr. 209.
  8. Clemen (S. 306) und aus’m Weerth (S. 13) vermuten, daß sich darauf ursprünglich die Worte „crucificatur“ nach Mt 27,23 oder „Sanguis eius super nos et super filios nostros“ nach Mt 27,25 befunden haben.
  9. Vgl. Ez 5,1–2: „et tu fili hominis sume tibi gladium acutum radentem pilos adsumes eum et duces per caput tuum et per barbam tuam et adsumes tibi stateram ponderis et divides eos tertiam partem igni conbures in medio civitatis ...“.
  10. Bonner Zeitung 1863, Nr. 285. Vgl. auch aus’m Weerth, S. 12, Clemen, S. 291.
  11. RAD, Fotoarchiv, Bl. Nr. 1694.
  12. Vgl. Is 6,2 und Apc 4,8; als liturgische Akklamation auch Bestandteil der Präfation, die das eucharistische Hochgebet eröffnet.
  13. Vgl. Io 2,16: „et his qui columbas vendebant dixit auferte ista hinc“.
  14. Io 2,18: „Quod signum ostendis nobis quia hec facis?“
  15. RAD, Fotoarchiv, Bl. Nr. 29878 und aus’m Weerth, Tf. XXVII.
  16. Nach Io 19,19.
  17. Siehe dazu demnächst ausführlich Poppen (wie Anm. 2).
  18. Verbeek urteilt: „Schon die ersten Nachbildungen in Hohes Skizzenbuch sind schönlinige, in lichten Farben angelegte Zeichnungen nazarenischer Art, die über den vorgefundenen Bestand nicht zuverlässig aussagen.“ (Schwarzrheindorf, S. LXIX).
  19. Bonner Zeitung 1863, Nr. 209.
  20. Bonner Zeitung 1863, Nr. 221. Dem Geist der damaligen Zeit entspricht Pfeiffers Vorschlag, wie mit dem Gefundenen vorzugehen sei: „... nachdem jetzt ihre [d. h. der Bilder] Bedeutung gefunden ist, können wir mit Gewißheit sagen: hier muß diese Inschrift gestanden haben, und ist sie nicht mehr zu erkennen, so kann sie unbedenklich hingeschrieben werden.“
  21. aus’m Weerth, S. 12, Anm. 2, 13.
  22. Einige dieser Inschriftreste wurden im 19. Jh. durch aufschablonierte Sterne und Vierpässe ersetzt, 1935/36 freigelegt, die Schriftreste wurden konserviert. Vgl. Metternich, wie Anm. 2, S. 526.
  23. Pfeiffer, Bonner Zeitung 1863, Nr. 239; aus’m Weerth, S. 11; Clemen, S. 291.
  24. Bonner Zeitung 1863, Nr. 285.
  25. aus’m Weerth, S. 13.
  26. S. 307.

Nachweise

  1. A. Simons, Farbenschmuck mittelaltriger Bauwerke, BJbb. 10, 1847, S. 147–185 (159) (N, O).
  2. ARAD, Skizzenbuch Hohe (A, B, C, H, L, N, O, Q).
  3. RAD, Fotoarchiv, Kopien Hohe.
  4. Pfeiffer, Bonner Zeitung 1863, Nr. 209 (N, O), 285 (G, L).
  5. RAD, Fotoarchiv, Kopien A. Lambris.
  6. aus’m Weerth, Wandmalereien, S. 9–13 und Tf. XVII–XXX.
  7. Clemen, Roman. Wandmalereien, Tf. 19–22.
  8. Clemen, Roman. Monumentalmalerei, S. 278–325.
  9. RAD, Fotoarchiv, Kopien A. Bardenhewer.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 15(†) (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0001504.