Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 14 Rhein. Landesmuseum 1.H. 12. Jh.

Beschreibung

Gedenkstein (Grabstein oder Grabplatte?) mit Grab- bzw. Memorialinschrift für eine Gerlint (Inv.-Nr. D 40. 15). 1895 beim Abbruch der romanischen Kirche in Dottendorf gefunden. Fundsituation nicht überliefert. 1940 für das Museum erworben.1) Kalkstein. Der querrechteckige Stein ist auf halber Höhe unter Verlust einer Zeile des Inschriftentextes quer durchgeschnitten worden. Beide Hälften wurden im Zuge einer Zweitverwendung auf der Unterseite zu Gesimsen zugerichtet. Am rechten Rand wurde ein Stück in Form eines gleichschenkligen Dreiecks mit einer Grundlinie von ca. 20 cm Länge ebenfalls herausgeschnitten. Vermutlich beim Zerschneiden des Steines kam es zu weiteren Beschädigungen: Das rechte Drittel der unteren Hälfte des Steines ist abgebrochen, heute aber – bei Verlust eines kleineren Bruchstückes – wieder angesetzt. Auch die obere Hälfte weist an der Schnittfläche zwei kleinere Ausbrüche auf, die zu Rissen im Stein geführt haben. Die Oberfläche wurde an mehreren Stellen beschädigt. Am Rand läuft eine 7 cm breite Ornamentleiste mit Doppelschlingen zwischen Blattfächern in Flachrelief um. Das davon eingerahmte Schriftfeld wird durch eine eingehauene Linie begrenzt. Die Inschrift ist zeilenweise angeordnet, z. T. mit Spatien, z. T. in Scriptura continua. Buchstabenhöhe schwankend, am größten in der letzten Zeile.

Maße: H. (34), B. 73, Bu. 1–3,5 cm.

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

  1. QVIS QVISa) SISb) LECTORc) SVME PIETATI[S]d) AMATORc)2)CERNEREe) / Q(VO)Df) DOLEAS TE MONEAT PIETAS ·NAM T[E]NET E[XI]GVAMg)3) MVLIFRh) PIA / PVLVERIS HAVST(VM)i)MORIB(VS)k) INS[IG]NIS AC VENER[A]NDA DO/NI[S]l)CORPOREm) TV(M)n) VIXITo) GE[..]LINTp) HEC NOME[Nq) .....]r)[- - -][- - -]s) IANV(ARIAS)t) NEMPEu) K(A)L(ENDAS)v) ·SPILVIw) PLACIDA(M)x) P[....]EREy) T[.]z) / VENIA(M)INTIMA SI CORDIS MISERANT FORT[..]OLORISaa) ·TEbb) / HAVDcc) P(RE)CIB(VS)dd) CESSESee) Q(VO)Dff) PETOc) TE SV(P)PL(ICE)gg)

Übersetzung:

Wer du auch seist, Leser, Liebhaber der höchsten Pietas [d. h. Gottes], dich will die Pietas mahnen zu erkennen, was du betrauern sollst: denn (selbst) eine fromme Frau, die ausgezeichnet ist aufgrund ihrer Lebensweise und verehrungswürdig wegen ihrer Stiftungen, hält (nur) eine kleine Menge Staub (in der Hand) [d. h. hat nur eine geringe Lebensspanne]. Solange sie im Körper lebte, trug sie den Namen Gerlint....an den Kalenden (oder: am..Tag vor den Kalenden) des Januar...Ich bitte dich demütig, daß du nicht mit deinen Bitten säumen mögest!

Versmaß: Elegische Distichen mit einsilbigem leoninischen Reim.4)

Kommentar

Ergänzt man das Ornament der Zierleiste am linken Rand, so wird deutlich, daß die beim Durchschneiden des Steines zerstörte Zeile in recht kleinen Buchstaben ausgeführt gewesen sein muß. Demzufolge hat sie (wie die zweite oder die vorletzte Zeile) etwa anderthalb Verse Text getragen. Das entspricht der Feststellung, daß IANV(ARIAS) NEMPE K(A)L(ENDAS) den zweiten Halbvers eines Hexameters gebildet haben muß.5)

Die Schäfte und Bögen der sorgfältig gestalteten Schrift enden in deutlich ausgeprägten Sporen, die teilweise aus einer Verbreiterung der Schäfte und Bögen zu den Enden hin herauswachsen. Die kräftigen Sporen und die Bogenverstärkungen lassen die Schrift flächig wirken. Eckige und runde Formen werden bei D, E, G, H und M variiert. Das A ist trapezförmig mit geradem oder gebrochenem Mittelbalken, in einem Fall (bei PIETAS in der zweiten Zeile) auch pseudounzial mit schrägem, nicht durchgezogenem Mittelbalken. Formenreichtum zeigt sich vor allem beim M: Es ist sowohl spitz mit parallelen Außenhasten und kurzem oder langem Mittelteil ausgeführt als auch als offenes, symmetrisches unziales M, wobei im Wort NEMPE die Bögen verkürzt sind und oberhalb des unteren Endes der Mittelhaste enden. Das N hingegen kommt nur eckig vor, allerdings gelegentlich mit leicht eingezogenem Schrägbalken. Auch bei B und R wird die Lust an der Variation deutlich: Der untere Bogen bzw. die Cauda setzt entweder außen am (oberen) Bogen an, oder die beiden Bögen bzw. Bogen und Cauda berühren sich nicht. Der Bogen des P wird an seinem unteren Ende in leicht spitzem Winkel an den Schaft geführt. Beim H in HAVST(VM) ist der niedrig angesetzte Balken über den linken Schaft hinaus verlängert. Doch nicht nur die Formenvielfalt bestimmt das Schriftbild, sondern ebenso die zahlreichen Ligaturen, Verschränkungen und vor allem 13 verschiedene Formen der Buchstabeneinstellung.6) Neben den verbreiteten Ligaturen von N und E, T und E sowie N und T weist die Inschrift eine Reihe ungewöhnlicher Verbindungen auf: In der ersten Zeile bei LECTOR sind L und E ligiert, indem über dem Balken des L drei weitere Balken gehauen wurden. Im nächsten Wort bildet die Mittelhaste des unzialen M zugleich die Haste des E. Eine andere ME-Verbindung finden wir in der vierten Zeile bei NOMEN: Der linke Bogen des unzialen M ist gleichzeitig der Bogen eines unzialen E. Jeweils einmal sind die Balken eines E an die obere Hälfte des Schaftes eines unzialen H (in der vierten Zeile bei HEC) bzw. eines P (in der letzten Zeile bei PETO) gesetzt. Ein proklitisches A, das durch Ligatur mit dem darauffolgenden V verbunden ist, findet sich in der dritten Zeile bei HAVSTVM. Die Versenden sind entweder durch besonders große Spatien (hinter V. 1, 3, 4, 8) oder durch halbkugelig vertiefte Punkte (V. 2, 7, 9) gekennzeichnet. Der große Reichtum der Schrift an Formen, Ligaturen und Enklaven ebenso wie der offensichtlich beabsichtigte, zuweilen erhebliche mehrfache Wechsel der Buchstabengröße verdeutlichen, in welch hohem Maße hier Schrift als Ornament verstanden und eingesetzt wurde. In dieser Hinsicht steht der Dottendorfer Stein in einer Reihe mit zahlreichen anderen Inschriftenträgern vor allem des 12. Jh. Neben der Flächigkeit der Buchstaben sind es einige Einzelbuchstaben, insbesondere das pseudounziale A sowie B und R, deren Bögen bzw. Bogen und Cauda sich nicht berühren, die aus paläographischer Sicht eine Datierung des Steines ins 12. Jh. stützen. Die oben beschriebene Form des P und das (nur einmal verwendete) H mit nach links verlängertem Balken als archaisierende Elemente sprechen aber ebenso wie der einsilbige Reim dafür, daß die Inschrift bereits in der ersten Jahrhunderthälfte entstanden ist.

Der Textzusammenhang der ersten beiden Verse legt nahe, PIETAS (V. 1, 2) hier nicht im Sinne von ‚Frömmigkeit‘, sondern eher als Bezeichnung für Gott zu verstehen.7) Im dritten Vers rezipiert die Inschrift offenbar eine Stelle aus den Metamorphosen des Ovid, in der die cumaeische Sybille, der Phoebus die Erfüllung eines Wunsches versprochen hat, ihm eine Handvoll Staub entgegenhält und sich eine der Zahl der Staubkörner entsprechende Anzahl von Lebensjahren wünscht.8) Während bei Ovid der „pulveris hausti cumulum“ für eine sehr große Zeitspanne steht, verweist EXI[GV]AM(!) ...PVLVERIS HAVST(VM) in der Inschrift im Gegensatz dazu aber gerade auf die sehr begrenzte Lebensdauer der MVLIER PIA. Als rein klangliche Anspielung könnte DONIS am Versende gewählt worden sein, das bei Ovid zwei Verse zuvor ebenfalls das Ende des Verses bildet. Es ist allerdings nicht auszuschließen, daß die erwähnte Ovid-Stelle hier nur formal, nicht aber gedanklich aufgenommen wurde. Dann könnte „tenere“ hier auch im Sinne von ‚umfassen‘ zu verstehen und demnach folgende Übersetzung des dritten Verses vorzuziehen sein: „Denn die fromme Frau besteht nur noch aus einer winzigen Menge Staub.“9)

Der ausgeprägte ornamentale Charakter der Schrift, ihr ungewöhnlicher Variantenreichtum sowie die aufwendige Randverzierung tragen ebenso zur Ausnahmestellung des Steines bei wie die anspruchsvolle sprachliche Gestaltung der Inschrift. Beides unterstreicht die zweifellos herausgehobene soziale Stellung der verstorbenen Gerlint, die sich bereits aus dem Umstand schließen läßt, daß sie in der Kirche beigesetzt wurde.

Textkritischer Apparat

  1. V in Q eingestellt.
  2. Erstes S und I verschränkt.
  3. O kleiner in der Mitte der Zeile.
  4. I in P eingestellt; I kleiner unter den Balken des T gestellt.
  5. Erstes E in C, letztes E in den Bogen des R eingestellt.
  6. Kürzung durch Durchstreichen des oberen Bogenabschnitts des unzialen D.
  7. EXIGVAM bezieht sich auf das in der Endsilbe gekürzte HAVST(VM). Es muß daher sowohl aus grammatischen Gründen als auch wegen des Reimes richtig EXIGVVM heißen.
  8. Sic!
  9. Aufgrund der Beschädigung der Steinoberfläche an dieser Stelle ist nicht feststellbar, ob auf das T noch ein kleineres V folgte.
  10. Kürzung durch Häkchen.
  11. BONIS Effmann.
  12. Erstes O in C eingestellt, zweites O unter den Bogen des P gestellt.
  13. DU(M) Clemen, KDM.
  14. I in V eingestellt; zweites I kleiner ausgeführt.
  15. I kleiner über den Balken des L gesetzt.
  16. N und O verschränkt; unziales E an den linken Bogen, spitzes N an die Mittelhaste des unzialen M gesetzt.
  17. HABEBAT ergänzt Effmann. Siehe dazu den Kommentar.
  18. Fehlstelle von einer Zeile.
  19. Oder IANV(ARIIS), sofern die Kalenden selbst gemeint sind.
  20. Auf das kapitale E folgt ohne Verbindung zur Haste der Bogen des P.
  21. Oder K(A)L(ENDIS), sofern die Kalenden selbst gemeint sind. Kürzung durch Durchstreichen des L.
  22. I in V eingestellt. Der Sinn bleibt unklar. Effmann liest S(E)P(ELIVI) IL(L)IV(S).
  23. I in C, zweites A in D eingestellt.
  24. Fehlstelle von 3 – 4 Buchstaben. Vor dem E ist auf der Höhe der Grundlinie der Sporn am Ende eines Balkens oder eines Bogen erkennbar. Die Lesung POSCERE ist möglich. POSEERE Effmann. Nach seiner Ansicht für POSCERE verhauen.
  25. T[V] Effmann.
  26. FORTE DOLORIS Effmann.
  27. Fehlt bei Effmann.
  28. A unter den Balken des H gestellt.
  29. I in C eingestellt. Kürzungszeichen fehlt.
  30. E in C eingestellt.
  31. Unziales D in Q eingestellt.
  32. Mit L verbundenes P in V eingestellt.

Anmerkungen

  1. BJbb. 146, 1941, S. 220.
  2. Zu Belegen für die in der mittellateinischen Dichtung, besonders bei Alkuin, sehr beliebte Junktur „pietatis amator“ vgl. Hex.-Lex. 4, S. 253 f.
  3. Vgl. Ov., Met. 14, 136 (siehe Anm. 8); Stat. Theb. 10,0427: „...angusti puero date pulveris haustus / exiguamque facem!“ (vgl. auch Ov., Fast. 3. 274: „saepe, sed exiguis haustibus, inde bibi“; und Stat., Silv. 5 3,223: „pulveris haustu“).
  4. Im 5. Vers ergänzt Effmann HABEBAT. Das würde bedeuten, daß dieser Hexameter – im Unterschied zu allen anderen Versen – reimlos wäre.
  5. Abweichend davon läßt Effmann den Vers mit IANVARIIS beginnen und mit S(E)P(ELIVI) enden.
  6. Siehe die Buchstabenanmerkungen.
  7. Vgl. Blaise, Vocabulaire latin, S. 138 f., Par. 22; S. 272 f., Par. 148 f.; Blaise, Auteurs chrétiens, S. 625.
  8. Ov. Met. 14,136: „...ego pulveris hausti / ostendi cumulum: quot haberet corpora pulvis, / tot mihi natales contingere vana rogavi“.
  9. Vgl. Georges, Bd. II, Sp. 3062, ‚teneo‘ VI).

Nachweise

  1. Effmann, Inschriftsteine, Sp. 335 f.
  2. Clemen, KDM, S. 267.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 14 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0001407.