Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 11(†) Rhein. Landesmuseum 2.H. 10.–11. Jh. (eher 11. Jh.), später

Beschreibung

Vier Fragmente einer Steinplatte mit sechszeiliger Inschrift, vermutlich einer Grab- bzw. Memorialinschrift (A), sowie einer Namen-(Meister-?)Inschrift (B). Stammt aus dem Münster. Drei Bruchstücke (II – IV) sind erhalten (Inv.-Nr. 3300, 3301, ohne Nr.), drei weitere, von denen nur eines einen Teil der Inschrift trug (I), verschollen. Nur die Fragmente II und III sind im Zugangsinventar des Museums verzeichnet.1) Die Steine waren spätestens seit dem 16. Jh. in der Galerie über dem Kreuzgang als Fensterbänke verbaut2) und wurden 1868 oder wenig später von dort entfernt und ins Museum gebracht.3) Rotsandstein, an den Rändern z. T. stark behauen. In Fragment IV wurden zudem eine senkrechte Rille und ein Loch eingehauen. Profilierter Rahmen. Inschrift A mit doppelter Lineatur, Scriptura continua. Das verlorene Fragment I soll den Beginn der letzten vier Zeilen getragen haben; die Fragmente II und III haben jeweils sechs Textzeilen, Fragment IV heute nur noch zwei (Zeile 3 + 4?).4) Zwischen den erhaltenen Fragmenten fehlen weitere Bruchstücke unbekannter Größe, die Reihenfolge der Fragmente II und III ist zudem nicht gesichert. Inschrift B am rechten Rand des Fragments IV, um 90° nach links gedreht.

Text des Fragments I nach Kraus.

Maße:
Fragment I: Maße unbekannt.
Fragment II: H. 68,5, B. 42, Bu. 4,5–5 cm.
Fragment III: H. 70, B. 43, Bu. 4,5–5,5 cm.
Fragment IV: H. 44, B. 35, Bu. 4,5–5 (A) / 2,3 (B) cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 50, Nr. 11 - Bonn,  Rhein. Landesmuseum - 2. H. 10. - 11. Jh.

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/4]

  1. A
    I†  II  III  IV  
    […....] ONARVE IM ET Q[V]E[.]a)  
    […....] MEA FATA EGO·QV  
    HEVM […] PRODVCEREb) [R](N)Ac) · PRECIB ITAM  
    CLER[..] POPVLWSd) TVITNE [.]e) [M]ERITf) 
    LVCI[...] ORSg) NEC[..]h) V MARTISQi) [....]k) 
    RED[O...] DONA[.]l) [M]ODEB[..]m) [...]n) 
  2. B

    OTTO ·

Kommentar

Die sorgfältig gestaltete Schrift besteht fast ausschließlich aus kapitalen bzw. spitzen Formen, die überwiegend breit ausgeführt sind. C, O und Q sind kreisrund, das G ist eingerollt. Die Cauda des R setzt weit rechts am Bogen an, ist weit ausgezogen und geschwungen. Die Balken des E sind gleich lang. Beim M reicht der Mittelteil bis auf die Grundlinie. Die Schäfte des A und des M sind schräggestellt und laufen nicht in spitzem Winkel zusammen, sondern sind durch kurze Balken verbunden.5) Schäfte und freie Bogenenden tragen kleine, kaum ausgearbeitete Sporen. Bogen- oder Linksschrägenverstärkungen sind nicht feststellbar. Bei DONA in der letzten Zeile des Fragments II wird ein unziales A mit Balken verwendet, dessen linke Haste am oberen Ende der rechten Haste ansetzt. Beim M von MEA in der zweiten Zeile ist die rechte äußere Schräghaste leicht geschwungen. Die in MARTIS verwendete Form der MA-Ligatur findet sich auch in einer Haaner Weiheinschrift aus der Mitte des 10. Jh.6) Für alle Buchstabenformen lassen sich auch vereinzelte Parallelbeispiele aus dem 10. Jh. beibringen, das daher als Entstehungszeit nicht auszuschließen ist. Der gesamte Schriftcharakter jedoch, die mehrfachen Verschränkungen und Einstellungen sowie einzelne Formen wie A und R weisen auf das 11. Jh.

Eine Ergänzung und Übersetzung der Inschrift A ist nicht möglich, und jeder Deutungsversuch muß unter größtem Vorbehalt erfolgen, zumal der Umfang der verlorenen Textstücke nicht bekannt ist.7) In der zweiten Zeile des Fragments II ist MEA FATA wohl als sicher anzunehmen, vielleicht von einer Verbform in der 1. Person Singular gefolgt (- EGO). „Fatum“ wird hier im Sinne von ‚Tod‘ zu verstehen sein, wie es gelegentlich in Grabinschriften verwendet wird.8) In der 3. Zeile dürfte auf Fragment III PRECIB[VS] zu lesen sein. Vielleicht ist das ITAM auf Fragment IV zu VITAM zu ergänzen und in Verbindung mit dem Verb als Junktur PRODVCERE VITAM9) zu verstehen. Einigermaßen klar scheint die Junktur CLERVS [ET] POPVLVS in der vierten Zeile zu sein, die in Grabinschriften hochrangiger Persönlichkeiten vielfach überliefert10) und im allgemeinen Bestandteil von Wendungen ist, die die Wertschätzung des Klerus und der Bevölkerung für den Verstorbenen ausdrücken.11)

In derselben Zeile scheinen zwei Verbformen in der 3. Person Singular zu folgen ([...]TVIT NEC [...M]ERIT). In der 5. Zeile des Fragments III liest man MARTIS, davor ein V, das in Verbindung mit dem Monatsnamen als Ziffer, vielleicht aber auch als letzter Buchstabe eines gekürzten IDV(S) gedeutet werden kann. Aus diesen recht dürftigen Ergebnissen kann man wohl am ehesten auf eine Grab- bzw. Gedenkinschrift für einen im März verstorbenen Mann schließen. Dabei ist aufgrund der Länge der Inschrift sicherlich an eine Person in herausgehobener Stellung zu denken, etwa einen der im fraglichen Zeitraum allerdings schlecht belegten Pröpste des Cassiusstiftes. Der Text bietet keine Anhaltspunkte dafür, daß die Inschrift in Versen abgefaßt war, doch läßt sich das aufgrund der Textverluste nicht mit hinreichender Sicherheit feststellen.

Inschrift B dürfte im Zuge der Zweitverwendung ausgeführt worden sein, mithin deutlich jünger sein als Inschrift A; vermutlich nennt sie den Steinmetzen.

Textkritischer Apparat

  1. Eine Haste als linker Buchstabenbestandteil ist erkennbar.
  2. V in D, E in C eingestellt.
  3. Von dem Buchstaben vor dem A ist eine weit ausgezogene, geschwungene Schräghaste oder Cauda erkennbar, die von der Zeilenmitte zur Grundlinie verläuft. Vermutlich handelt es sich um die Cauda eines R. Allerdings sind keine Spuren eines R-Bogens oder eines oberen Schrägbalkens erkennbar. Rechts oben neben dem Buchstabenrest ein Kürzungsstrich.
  4. Ursprünglich wurde hinter dem L ein einfaches V gehauen. Ein zweites V wurde – leicht verkürzt und recht ungelenk – offenbar nachträglich hinzugefügt, um ein verschränktes W zu bilden.
  5. Auf den letzten sicher lesbaren Buchstaben folgt zunächst eine Lücke, dann der linke Teil eines kreisrund angelegten Buchstabens, also eines C, O oder Q.
  6. AEI[.]T Kraus. Kraus gibt vor dem A den unteren Teil einer Schräglinkshaste oder einer Cauda wieder, die den unteren Ansatzpunkt der linken Haste des A berührt.
  7. R in O eingestellt.
  8. Nisters-Weisbecker überliefert im Anschluß an ORSNEC eine TE-Ligatur, die sie zu ET auflöst.
  9. Bei der MA-Ligatur bilden die rechte der beiden mittleren Schräghasten und die rechte äußere Schräghaste des M zugleich die beiden Hasten des spitzen A. I und S verschränkt.
  10. Nach Kraus war am linken Rand des letzten Fragments ein heute jedenfalls nicht mehr vorhandenes C zu lesen (danach bei Nisters-Weisbecker).
  11. Nach dem A ein Buchstabe, der aus einem Balken auf der Grundlinie und einem links an diesen ansetzenden, nach rechts oben geführten Bogen sowie einer die Mitte des Balkens durchkreuzenden, leicht linksschrägen Haste gebildet wird. Aufgrund der Buchstabenelemente weist er entfernte Ähnlichkeit mit einem G auf. Er erreicht allerdings nicht die Größe der übrigen Buchstaben.
  12. [M]ODEBIS Kraus. Erkennbar ist der obere Ansatz einer Haste.
  13. Nach Kraus war am linken Rand des letzten Fragments ein heute nicht mehr sichtbares T zu lesen (danach bei Nisters-Weisbecker).

Anmerkungen

  1. Rhein. Landesmuseum, Zugangsinventar 2, S. 86.
  2. Helman, S. 66: „supra ambitum ecclesiae maioris“.
  3. Kraus II, Nr. 503. Rosbach gibt wohl irrtümlich an, die beiden ihm bekannten Fragmente seien „unter altem Baumaterial, das aus der Krypta herrühren soll“, gefunden worden (S. 217 f.).
  4. Kraus überliefert unter diesen beiden Zeilen zwei weitere Zeilen mit jeweils nur einem gelesenen Buchstaben (siehe Anm. k) und n)). Davon ist heute nichts mehr erkennbar.
  5. Vgl. das M in Nr. 9.
  6. Funken, Bauinschriften, S. 70.
  7. Ein durch Rosbach 1884 unternommener Deutungsversuch ist stark spekulativ und setzt zudem eine andere Reihenfolge der Fragmente voraus.
  8. Vgl. z. B. CIFM 7, 51; CIFM 12, H 49.
  9. Vgl. CLE 2071, 1: „speravi ... vitam producere longam“.
  10. Dieselbe Junktur kommt auch in Weiheinschriften vor (vgl. DI 29 [Worms], Nr. 10; DI 2 [Mainz], Nr. 651). Der Textbestand der Inschrift bietet aber keine Hinweise darauf, daß es sich um eine solche handelt.
  11. Vgl. CIFM 13, V 10; CIFM 15, 132; CIFM 15, 141; Ligurinus 5, 330.

Nachweise

  1. UB Halle, Helman, S. 66.
  2. Rhein. Landesmuseum, Zugangsinventar Bd. 2, S. 86.
  3. Rosbach, Mittelalterliche Inschrift, BJbb. 77, 1884, S. 217–219.
  4. R. Pick, Bonner mittelalterliche Inschrift, BJbb. 78, 1884, S. 238 f.
  5. Kraus II, Nr. 503.
  6. Clemen, KDM, S. 90 f.
  7. Nisters-Weisbecker, S. 294, Nr. 119.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 11(†) (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0001106.