Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 9 Rhein. Landesmuseum 11. Jh.?

Beschreibung

Gedenkstein (Grabstein oder „Memorienstein“?)1) mit Memorialinschrift für eine Waltburg (Inv.Nr. 40. 12). 1869 in der romanischen Kirche St. Quirin in Dottendorf entdeckt,2) als Spolie im Sockel des Hochaltars vermauert.3) Nach dem Abbruch der romanischen Kirche 1895 in den Neubau übertragen,4) 1939 für das Museum erworben.5) Kalkstein. Der untere Teil (ca. ein Drittel) der hochrechteckigen Platte wurde abgeschlagen, im oberen Viertel eine tiefe Rille quer fast über die ganze Breite der Platte eingehauen. Die Ränder wurden im Zuge der Zweitverwendung bearbeitet, in den abgestuften rechten Rand Eisenhaken eingesetzt. Breiter Rahmen aus vier eingehauenen Linien und Hohlkehle. Im Mittelfeld ein schwach erhabenes lateinisches Kreuz, das im Schnittpunkt der Kreuzarme zu einem Kreis erweitert ist. In den beiden erhaltenen Ecken große Muschelornamente. Inschrift auf dem Kreuz: Todestag in den Querbalken, Name der Verstorbenen in den Längsbalken eingehauen.

Maße: H. (69,5), B. 51, Bu. 2,2–3,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 50, Nr. 9 - Bonn, Rhein. Landesmuseum - 11. Jh.?

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/1]

  1. II K(A)l(ENDAS)a) MAIb) / OBIIT WAALTBV[....]c)

Übersetzung:

Am 2. Tag vor den Kalenden des Mai starb Waltb(urg).

Datum: 30. April.

Kommentar

Durch den variierenden, z. T. recht großen Abstand zwischen den Buchstaben erweckt die Schrift einen nachlässigen Eindruck. Sie weist aber trotz des geringen Buchstabenbestandes einige bemerkenswerte Buchstabenformen auf, die durchaus einen Gestaltungswillen erkennen lassen: Der obere Schrägbalken des K berührt den unteren nicht; das W besteht aus zwei aneinandergesetzten V; der Mittelteil des M reicht bis auf die Grundlinie, die schrägen Hasten laufen oben nicht im spitzen Winkel zu, sondern sind durch kurze Balken miteinander verbunden;6) im Eigennamen wird nicht, wie in MAI, ein spitzes, sondern ein unziales A mit schrägem Mittelbalken verwendet, wie es auch auf einer der zweiten Hälfte des 10. oder dem 11. Jh. angehörenden Steinplatte zu finden ist (vgl. Nr. 11). Ein Bogen vor der Haste des L ist vielleicht als proklitisches A zu deuten, mag aber auch versehentlich gehauen worden sein. Dem eher „modernen“ unzialen A stehen als ältere Schriftelemente die Formen von M und W sowie die kaum erkennbaren Sporen gegenüber. Sie sprechen dafür, daß die Schrift im 11. Jh. entstanden ist.7)

Textkritischer Apparat

  1. Durchstrichenes L ohne Balken, also wohl als Minuskelbuchstabe gemeint, vor das K gesetzt. Kraus liest L und K ligiert, doch sind die beiden Hasten deutlich getrennt.
  2. MAI(I) Nisters-Weisbecker. Es ist aber kein Kürzungszeichen erkennbar.
  3. WALTRU(DIS) Clemen, KDM; Nisters-Weisbecker. Das B ist jedoch zweifelsfrei erkennbar, so daß die bereits von Kraus vorgeschlagene Lesung WALTBV(RGIS) zutreffen dürfte. Zweites A proklitisch.

Anmerkungen

  1. Die Funktion des Steins ist nicht mit Sicherheit zu klären. Siehe dazu die Einleitung, S. XXXI ff.
  2. Pick, Bonner Zeitung 1869, Nr. 173; Kraus II, Nr. 502; ders., Dottendorf, S. 213.
  3. Laut Pick wurde er „als Seitenstein für einen in die Rückwand des Hauptaltartisches eingelassenen Schrank benutzt“.
  4. Effmann, Sp. 321.
  5. BJbb. 146, 1941, S. 220.
  6. Vgl. das M in Nr. 11.
  7. Nisters-Weisbecker: 10. Jh.

Nachweise

  1. Pick, Bonner Zeitung 1869, Nr. 173.
  2. F. X. Kraus, Dottendorf, BJbb. 57, 1876, S. 213 u. Tf. I, Fig. 3.
  3. Kraus II, Nr. 502.
  4. Effmann, Inschriftsteine, S. 21.
  5. Clemen, KDM, S. 266.
  6. Nisters-Weisbecker, S. 266, Nr. 62 u. Abb. 33.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 9 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0000903.