Inschriftenkatalog: Stadt Bonn

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 50: Bonn (2000)

Nr. 4 Münster, Kreuzgang 2. H. 10.–1. H. 11. Jh.

Beschreibung

Gedenkstein (Grabstein oder „Memorienstein“?)1) mit Memorialinschrift für eine Fritheburhc (?) und einen Gutuupho. Beim Bau der Krypta (um 1060/70) als Spolie unter einer Säule vermauert. Seit Mitte des 19. Jh. in die Südmauer des Kreuzgangs eingelassen.2) Kalkstein, an mehreren Stellen durch Risse und Abblättern beschädigt, in der Mitte durchgebrochen und wieder zusammengesetzt. Über die gesamte Fläche der durch eingravierte Linien, Bänder und eine Hohlkehle aufwendig gerahmten Platte ist ein lateinisches Kreuz eingeritzt, auf dessen Balken die Inschrift A verteilt ist (Sterbedatum auf dem Quer-, Name des Verstorbenen auf dem Längsbalken). Rechts neben dem Längsbalken wurde durch Gravur einer zusätzlichen parallelen Linie ein weiteres Schriftband geschaffen, das die heute weitgehend unlesbare Inschrift B trägt. In allen vier Ecken Fächerblattornamente. Inschrift A stark abgewittert.

Inschrift B nach aus’m Weerth ergänzt.

Maße: H. 104, B. 55, Bu. 3,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 50, Nr. 4 - Bonn, Münster - 2. H. 10. - 1. H. 11. Jh.

 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften [1/1]

  1. A

    XIa) [KA]L(ENDAS)b) OCT(O)BR(IS) / [O]BIIT FR[.....]BV[..]c)

  2. B

    [NON(IS) SEPT(EM)BR(IS)] OBIIT [GVTVVPHOd)]

Übersetzung:

Am 11. Tag vor den Kalenden des Oktober starb ... (A)

An den Nonen des September starb Gutuupho. (B)

Datum: 21. (20., 19.?) September; 5. September.

Kommentar

Der nur sehr fragmentarisch erhaltene Name in Inschrift A dürfte anhand früherer Lesungen zu FRITHEBVRHC zu ergänzen sein. Förstemann führt zahlreiche Belege für diesen weiblichen Vornamen mit seinen Abwandlungen an.3) Der zweite, nicht sicher überlieferte Name könnte als eine Variante des männlichen Vornamens Guadulf/Cuotolf zu deuten sein.4) Aus der Anordnung der Inschriften kann man schließen, daß Fritheburhc früher verstarb als Gutuupho, dessen Memorialinschrift wohl nachgetragen wurde. Es könnte sich bei den Verstorbenen um ein Ehe- oder ein Geschwisterpaar gehandelt haben.

Der schlechte Zustand der Inschriften erschwert es, aus der Schriftform annähernd zuverlässige Rückschlüsse auf die Entstehungszeit der Inschriften zu ziehen. Offenbar ist die Schrift rein kapital bestimmt und hat noch keinerlei unziale bzw. runde Formen aufgenommen. Das O im Monatsnamen der Inschrift A ist oval, nicht – wie etwa bei der Inschrift auf dem Gedenkstein für Godescalc (Nr. 2) – kreisrund ausgeführt, das darauf folgende C ist eckig. B und V sind recht schmal gehalten, so daß insgesamt eine Tendenz zu einem eher gedrängten Schriftbild sichtbar wird, das nicht mehr am Ideal Höhe = Breite der Buchstaben orientiert ist. Beim O, B und R in OCTOBRIS sind ansatzweise Bogenverstärkungen erkennbar. Eine Entstehung der Schrift noch im 10. Jh. ist nicht auszuschließen. Wahrscheinlich aber dürfte sie dem 11. Jh. zuzuordnen sein, wobei wegen der Wiederverwendung des Steines nur die erste Hälfte, eher jedoch der Beginn des Jahrhunderts in Frage kommt.5)

Textkritischer Apparat

  1. Vielleicht auch XI[I] oder XI[II].
  2. Über dem L ein Kürzungsstrich. Schon aus’m Weerth konnte die ersten beiden Buchstaben nicht mehr erkennen.
  3. FRITHEBVBHC aus’m Weerth, Kraus, Clemen, KDM; FRIT[..]HEBVRHC Nisters-Weisbecker. Ernst aus’m Weerth deutet seine Lesung als FRITHEBVBH C(ANONICVS).
  4. G[.]VTVVPHO Nisters-Weisbecker.

Anmerkungen

  1. Die Funktion des Steines ist nicht mit Sicherheit zu klären. Siehe dazu die Einleitung, S. XXXIff.
  2. aus’m Weerth, Altchristl. Inschriftsteine, S. 115.
  3. Altdeutsches Namenbuch I, Sp. 531 f. Zur sprachgeschichtlichen Einordnung des Namens vgl. Tiefenbach, passim.
  4. Förstemann, a. a. O., Sp. 663. Zur sprachgeschichtlichen Einordnung der Form Gutuupho vgl. Tiefenbach, S. 1271 f. und passim.
  5. Conrad datiert die Platte ins späte 9. Jh. (Niederrhein. Epigraphik, S. 49), aus’m Weerth ins 9. oder 10. Jh. (Altchristl. Inschriftsteine, S. 118), Nisters-Weisbecker in die 1. Hälfte des 11. Jh.

Nachweise

  1. aus’m Weerth, Münsterkirche, S. 6.
  2. Ders., Altchristl. Inschriftsteine, S. 115.
  3. Kraus II, Nr. 507.
  4. Clemen, KDM, S. 107 und Fig. 55.
  5. Nisters-Weisbecker, S. 263 f., Nr. 58 und Abb. 33.

Zitierhinweis:
DI 50, Bonn, Nr. 4 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di050d004k0000401.