Die Inschriften der Stadt Bonn

[Druckseite XIII]

2. Inschriften im Kontext der Stadtgeschichte

„Hier siehst du, mitleidiger Leser, nicht ohne bedauernde Thränen, die weyland berühmte und prächtige Stadt und Vestung Bonn in ihren Aschen und unter ihren eigenen Steinhaufen vergraben.“3)

Diese Klage über die Zerstörung Bonns bezieht sich auf die Folgen der Beschießung der Stadt durch schwedische Truppen im Jahre 1689. Tatsächlich stellt das Jahr 1689 aus stadthistorischer Sicht einen gravierenden Einschnitt dar, zumal mit der Zerstörung der Bausubstanz der Verlust eines großen Teils der archivalischen Überlieferung einherging.4) Doch schon die kriegerischen Auseinandersetzungen und Katastrophen des 16. Jahrhunderts haben, wie später die Besetzung durch die Franzosen Ende des 18. Jahrhunderts, dazu geführt, daß im Bereich der alten Stadt Bonn eine Vielzahl alter Gebäude und der überwiegende Teil der ursprünglichen Kirchenausstattung geplündert oder zerstört wurde, darunter zahlreiche Inschriftenträger. Zu den Verlusten beigetragen hat jedoch auch das fehlende Interesse an der Erhaltung historischer Baudenkmale und ihrer Ausstattung. Bereits um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert beklagt Hüpsch, daß „bei Wiederherstellung und Verzierung der Kirchen die Grabschriften und andere Denkmäler entweder gänzlich zernichtet oder mit Kalk zugeschmiert worden“ seien.5)

Von den 118 greifbaren Inschriftenträgern im heutigen Innenstadtbereich sind zwar nur 36, also weniger als ein Drittel, verloren. Das scheint auf den ersten Blick ein hoher Anteil an erhaltenem Material zu sein. Doch wird dieser Eindruck relativiert, wenn man den Hinweisen auf weitere verlorene Objekte nachgeht, deren Inschriften nie dokumentiert wurden.6) Der heute bekannte Bestand, der sich aus erhaltenen und verlorenen, aber kopial überlieferten Inschriften zusammensetzt, macht zweifellos nur einen kleinen Teil des tatsächlich einmal vorhandenen inschriftlichen Materials aus. Zu den Verlusten zählen neben anderem Hunderte von Grabinschriften auf den Grabkreuzen der innerstädtischen Friedhöfe und auf Grabplatten in den ehemaligen Pfarr- und Klosterkirchen sowie annähernd die gesamten alten Kirchenschätze, allen voran der des Münsters. Da die nicht-originale Überlieferung der Inschriften sehr begrenzt ist (siehe dazu unten Kap. 3), ist der verhältnismäßig hohe Anteil im Original vorliegender Inschriften eher auf eine besonders schlechte als auf eine ungewöhnlich gute Überlieferungssituation zurückzuführen.

In den heute eingemeindeten Orten außerhalb des engeren Innenstadtbereichs sieht die Überlieferungslage insofern besser aus, als dort eine große Zahl alter Grab- und Wegekreuze des 17. Jahrhunderts erhalten geblieben oder wenigstens vor ihrem Zerfall dokumentiert worden ist.7)Charakteristisch für die Unterschiede zwischen der Stadt und den umliegenden Dörfern ist auch, daß in den Ortsteilen immerhin zehn Glocken aus dem Bearbeitungszeitraum die Jahrhunderte überstanden haben, während in dem mehrfach von Bränden heimgesuchten alten Stadtbereich nur zwei Glocken erhalten sind, deren Provenienz zudem ungeklärt ist (Nrn. 65, 405). Insgesamt sind von 367 erfaßten Inschriftenträgern in den Ortsteilen 61 verloren, also nur etwa 17 %. Auch hier gilt natürlich wieder die Einschränkung, daß die Dunkelziffer nicht dokumentierter Verluste unkalkulierbar hoch ist.

Dennoch erweist sich die inschriftliche Überlieferung als wertvolle Quelle zur Geschichte Bonns und seiner Umgebung. Der umfangreichste Bestand an Inschriften im Innenstadtbereich befindet sich im Münster. Über einem christlichen Saalbau, von Kremer neuerdings ins 6. Jahrhundert datiert,8) wurde um 780 ein karolingischer Kirchenbau errichtet, der Mitte des 11. Jahrhunderts durch einen Neubau ersetzt wurde. Das einzige inschriftliche Zeugnis dieser karolingischen Kirche ist ein Stück Wandputz mit Resten einer Inschrift in kleinen Buchstaben (Nr. 4a). Ist eine sinnvolle Lesung des Fragments auch nicht möglich, so beweist es immerhin, daß bereits die karolingische Cassiuskirche mit Inschriften ausgestattet war. Ebenfalls bis ins 10./11. Jahrhundert reichen mehrere sogenannte Memoriensteine zurück, die vermutlich in der Kirche angebracht waren, um die liturgische Feier des Jahrgedächtnisses zu sichern (siehe dazu unten Kap. 4. 1. 3.). Wohl seit dem ausgehenden 8. Jahrhundert [Druckseite XIV] bestand an der Cassiuskirche ein Kanonikerstift.9) In inschriftlichen Quellen sind die Kanoniker und Pröpste des Cassiusstiftes seit dem 12. Jahrhundert belegt. Mehrere Inschriften dokumentieren eine Blütezeit des Stifts unter dem Propst Gerhard von Are (1126–1169): die Kirche wurde erweitert, Kreuzgang und Kapitelsaal errichtet, die Gebeine der Stiftspatrone Cassius, Florentius und Mallusius erhoben und die Ausstattung und der Schatz der Kirche vermehrt (vgl. Nrn. 1720 und unten die Kap. 4.1., 4.3., 4.4.). Die zunehmende Loslösung des Propstes vom Stiftskapitel seit dem 12. Jahrhundert10) spiegelt sich auch in den Inschriften wider: Nur zwei der Nachfolger Gerhards von Are, Heinrich von Nassau († 1477, Nr. 48) und Jakob von Croy († 1516, Nr. 63) erhielten Grab- bzw. Memorialinschriften im Münster. Die Kanoniker hingegen sind seit dem 14. Jahrhundert überwiegend durch Inschriften auf Grabplatten bezeugt. Die Grabplatten, die in den Fußboden eingefügt waren, gehören zu den inschriftlichen Zeugnissen, die die Zerstörungen des 16. und 17. Jahrhunderts überstanden haben – wenn auch in unterschiedlichem Maße abgetreten (siehe dazu unten Kap. 4.1.1.). Altäre und Kirchenschätze hingegen wurden 1587 geplündert und zerstört,11) die Glocken zerschmolzen bei einem Brand des Kirchendachs 1590.12) An die Zerstörungen und Verluste erinnert eine Memorialinschrift für den Stiftsscholaster Leonard Mestorff d. Ä. (Nr. 94). Doch auch die große Hilfsbereitschaft, die das Stift in den folgenden Jahren in Form großzügiger Schenkungen erfuhr,13) ist durch eine Stiftungsinschrift auf einer Hostienmonstranz dokumentiert, die der Mainzer Stiftsklerus 1589 der bis depraedatae ecclesiae sancti Cassii Bonnensis („der zweimal geplünderten Kirche des hl. Cassius zu Bonn“) schenkte (Nr. 86). Mehrere Altäre14) und das Sakramentshaus (Nr. 124) wurden ebenfalls in den Jahrzehnten nach den Zerstörungen gestiftet.

Die Dietkirche, die älteste Pfarrkirche Bonns, an der Stelle des alten Römerlagers errichtet, lag seit dem hohen Mittelalter nach einer Verlagerung des Siedlungsschwerpunktes am Rande des vicus Bonnensis. Eine Inschrift aus dem 17. Jahrhundert überliefert ihre angebliche Weihe im Jahr 96 und ist damit Ausdruck eines ausgeprägten – wenn auch unhistorischen – Traditionsbewußtseins (Nr. 219). Als Mittelpunkt einer Pfarre war die Dietkirche sowohl Taufkirche (vgl. Nr. 30) als auch Bestattungsort (vgl. Nrn. 37, 51) und zudem Kirche eines Kanonissenstiftes. Das Stift wurde 1673 in den Bereich innerhalb der Stadtmauern an die Stelle der heutigen Stiftskirche verlegt, die Kirche und die Stiftsgebäude wurden von den französischen Besatzungstruppen gesprengt.15) Die übrigen Pfarrkirchen der Stadt, St. Martin, St. Gangolph und St. Remigius, haben kaum inschriftliche Spuren hinterlassen. Ihre Kirchhöfe waren die Begräbnisstätten der städtischen Bevölkerung, wurden aber 1787 abgeräumt und durch den damals neu angelegten Alten Friedhof ersetzt. Die Grabkreuze wurden überwiegend als Baumaterial für das Fundament der Friedhofsmauer verwendet. Nur wenige der Grabinschriften, die die archivalischen Quellen zu personen- und familiengeschichtlichen Daten hätten ergänzen können, konnten 1975 dokumentiert werden (siehe dazu unten Kap. 4. 1. 1.). Über die städtische Bevölkerung, die Kaufleute und Handwerker, über die Selbstverwaltungsorgane der Stadt, über zünftische oder religiöse Vereinigungen geben die Inschriften bis 1689 daher recht dürftige Auskünfte. Immerhin zeugen die inschriftlich bezeichneten Figuren der heiligen Crispin und Crispinian (Nrn. 438 f.), die Amtslade des Schuhmacheramtes von 1671 (Nr. 315) und die Amtskanne der Bonner Metzger (Nr. 429) von den Zusammenschlüssen der Bonner Handwerker. Wenn Matthias Keuffer sich 1664 als Burger und glaswerker zu Bonn bezeichnet, kann dies durchaus als Ausdruck eines gewissen Bürgerstolzes verstanden werden (Nr. 256). Mit Heinrich Knipping wurde um 1630 ein Schöffe und Rathsverwanter in der Minoritenkirche beigesetzt (Nr. 161).

Bonn spielte seit dem 9. Jahrhundert eine wichtige Rolle im Kölner Erzbistum. Im 12. und frühen 13. Jahrhundert bekleidete der Propst des Cassiusstiftes die führende Position im Kölner Priorenkolleg (vgl. Nr. 21).16) Vier Pröpste wurden zu Erzbischöfen gewählt; allerdings konnten sowohl Gerhard von Are (vgl. Nr. 19) als auch Lothar von Hochstaden sich nicht gegen ihre Gegenkandidaten durchsetzen.17) Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts hielten sich die Erzbischöfe häufig in Bonn auf – auch wegen der zuweilen heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der Stadt Köln. Diese sind [Druckseite XV] auch der Grund dafür, daß Erzbischof Engelbert von Falkenburg († 1274, Nr. 39) und Erzbischof Siegfried von Westerburg († 1297, Nr. 31) im Bonner Münster begraben wurden. Die Grabinschrift für Engelbert rühmt nachgerade triumphierend die Verona fidelis filia („treue Tochter Verona“), die sich – im Unterschied zur metropolis Köln ‒ im Besitz der erzbischöflichen Gebeine befindet (Nr. 39). Erzbischof Ruprecht von der Pfalz wurde im Zusammenhang mit der sog. ,Kölner Stiftsfehde’ exkommuniziert und gefangengenommen, nach seinem Tode (1480) aber im Bonner Münster beigesetzt (vgl. Nr. 50).18)

1597 verlegte der Erzbischof und Kurfürst Ferdinand seine Residenz offiziell nach Bonn.19) In Inschriften treten Ferdinand (1612–1650) und sein Nachfolger Max Heinrich (1650–1688) vor allem in Zusammenhang mit Klostergründungen in den Vordergrund. Kirche und Kloster der Kapuziner (Nrn. 145 f., 148) und das Franziskanerkloster (Nr. 199) sind in Grundsteinlegungs- und Bauinschriften als Gründungen Ferdinands dokumentiert, während Max Heinrich als Förderer der Jesuiten hervortritt (Nrn. 396398). Beide Kurfürsten bemühten sich somit vor allem um diejenigen Orden, die als Stützen der Gegenreformation galten. Mit dem Kurfürsten siedelte auch seine Administration nach Bonn über, der Geheime Rat, der Hofrat und die Hofkammer. Enge Mitarbeiter des Kurfürsten hinterließen in Bonn inschriftliche Spuren, etwa Peter Buschmann, Geheimer Rat, Kanzler und erster Hofrat, der in der ehemaligen Minoritenkirche (heute St. Remigius) bestattet wurde (vgl. Nr. 322). Auch Ignatius von Widmann, Geheimer Rat und Hofkammerpräsident, fand dort seine letzte Ruhestätte (Nr. 394). Ihre Wahl belegt die große Beliebtheit der Minoritenkirche als Grabstätte. Die Minoriten unterhielten bereits seit dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts eine Niederlassung in Bonn. Ihre erste, 1689 zerstörte Kirche wurde in der verlorenen Bau- und Weiheinschrift wegen ihrer außerordentlichen Schönheit gelobt (Nr. 32).

Ebenfalls zum Bonner Stadtgebiet gehörte das Graurheindorfer Oberdorf bis zur Brücke. Die der heiligen Margaretha geweihte Kirche war zugleich Pfarr- und Klosterkirche der dortigen Niederlassung der Zisterzienserinnen (vgl. Nr. 314). Aus Graurheindorf sind nicht nur umfangreiche Quellen zum Verlauf der Pest im Jahr 1666 überliefert,20) sondern auch eine Totenglocke aus demselben Jahr, die von der Gemeinde aus Dankbarkeit über das Ende der Todesfälle durch die Epidemie im Dorf gestiftet wurde (Nr. 279).

Eine Reihe weiterer Orte gehörte zum Amt Bonn und wurde 1904 eingemeindet. Dazu zählt Endenich als Mittelpunkt einer Pfarre, von der 1624 Lengsdorf und Ippendorf abgetrennt und zur Pfarre Lengsdorf zusammengefaßt wurden.21) 1888 ließen sich bei der 1721 geweihten Marter- oder Mordkapelle in Endenich die Benediktinerinnen von der Ewigen Anbetung nieder und erhielten wenige Jahre später eine größere Kirche, die den alten Kapellenraum integrierte.22) Der Kreuzberg oberhalb von Endenich war spätestens im 15. Jahrhundert Ziel von Wallfahrten.23) Dort bestand eine kleine Kapelle unbekannten Alters, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts bereits verfallen war. Zur Belebung der Wallfahrten und als Gebetsstätte zur Pestabwehr ließ Erzbischof Ferdinand in den Jahren 1627/28 eine neue Kirche auf dem Kreuzberg errichten und siedelte dort wenige Jahre später Servitenmönche an.24) Inschriften an mehreren Bildstöcken (Nrn. 119, 123) und auf einer Votivtafel (Nr. 188) bezeugen den Aufschwung, den die Wallfahrten zum Kreuzberg im 17. Jahrhundert nahmen. Die Lessenicher Kirche St. Laurentius, die auch Pfarrkirche für die Bewohner Duisdorfs und der Burg Medinghoven war (vgl. Nr. 162), wurde 1645 durch hessische Truppen zerstört und 1651 wieder aufgebaut (vgl. Nr. 216). Kessenich gehörte kirchlich zur Pfarre St. Martin in Bonn und beherbergte im 17. Jahrhundert den Pfarrer von St. Martin, der durch die Zerstörungen im Truchsessischen Krieg wohnungslos geworden war (vgl. Nr. 125). Wie in Endenich, Lessenich und Lengsdorf, so überliefern auch in Kessenich einige Grabkreuze aus dem 17. Jahrhundert Namen und Lebensdaten damaliger Einwohner. Ein Taufstein mit (verlorener) Datierung in das Jahr 1573 steht im Einklang mit der Überlieferung, daß die Kessenicher Kirche 1571 das Taufrecht verliehen bekommen habe (vgl. Nr. 77). Eine Hostienmonstranz (Nr. 96) und eine Glocke (Nr. 113) dürften ebenfalls aus dieser Zeit stammen, in der die Kessenicher Pfarrkirche eine deutliche Aufwertung erfuhr. Die Pfarrkirche in Dottendorf besitzt eine bis ins hohe Mittelalter zurückreichende Tradition; beim Abbruch der [Druckseite XVI] romanischen Kirche 1895 wurden einige Grab- und Gedenksteine aus dem 11. bis 12. Jahrhundert gefunden, die heute im Rheinischen Landesmuseum aufbewahrt werden.25) Um 1650 erhielt die Kirche Reliquien des heiligen Quirin, der den heiligen Stephan als Patron bald verdrängte.26) Ein Dokument aus der Phase des Übergangs vom einen zum anderen Patrozinium ist die Inschrift auf einer 1653 von Claudius Lamiral gegossenen Glocke, die beiden Patronen geweiht war (Nr. 220). Beim erwähnten Abriß der alten Kirche wurden zahlreiche alte Grabkreuze vom Kirchhof auf einen separaten Friedhof an der Dottendorfer Straße versetzt,27) 37 davon aus dem Bearbeitungszeitraum. Unter ihnen befinden sich die beiden ältesten Grabkreuze des Bonner Raumes, die sowohl hinsichtlich ihrer Schrift (frühhumanistische Kapitalis) als auch der Sprache (lateinisch mit deutschen Elementen) Besonderheiten aufweisen (Nrn. 78, 79 von 1575). In Friesdorf, das ebenfalls Pfarrort war, sind hingegen nur wenige Inschriften aus dem 17. Jahrhundert überliefert. Immerhin belegt die Inschrift auf einem Türsturz des sogenannten Romanischen Hauses, daß ein Peter Wolff 1613 dessen Besitzer und als solcher Lehnsträger der Abtei Siegburg war (Nr. 111).

Südlich an das Amt Bonn schloß sich das Amt Godesberg bzw. Godesberg-Mehlem an, das Lannesdorf, Mehlem, Muffendorf, Plittersdorf, Rüngsdorf, Schweinheim sowie einige heute nicht zum Bonner Stadtgebiet gehörige Dörfer umfaßte.28) Pfarrorte waren Mehlem, Muffendorf und Rüngsdorf. Godesberg selbst wurde überragt von der seit Beginn des 13. Jahrhunderts in mehreren Abschnitten erbauten Godesburg, die der Absicherung der südlichen Grenze des Erzbistums diente (vgl. Nr. 29). Im Truchsessischen Krieg war sie ein Stützpunkt des abgesetzten Erzbischofs Gebhard Truchseß und wurde von den katholischen Belagerungstruppen zerstört.29) Die dabei an die Oberfläche gesprengte Tafel mit der Grundsteinlegungsinschrift wurde vom Sieger offenbar als Symbol der Niederlage des Gebhard Truchseß begriffen und auf der Rückseite mit einer weiteren Inschrift versehen, die ausführlich den Sieg der katholischen Partei dokumentiert (Nr. 29 B). Kirchlich gehörte Godesberg (ebenso wie Plittersdorf und Schweinheim) bis 1804 zur Pfarre Rüngsdorf, wo mehrere Grabkreuze sowohl die kirchlichen (Nrn. 166, 177) als auch die verwaltungsmäßigen Strukturen (Nr. 383) bezeugen. Als die romanische Rüngsdorfer Kirche 1644 durch einen Neubau ersetzt wurde, ließ man den alten Kirchturm stehen.30) In seiner unmittelbaren Umgebung sind heute die Grabkreuze des 1890 geschlossenen Friedhofs aufgestellt. Eine von vier Personen gemeinsam gestiftete Hostienmonstranz aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und mehrere Wegekreuze aus dem Jahr 1684 (Nrn. 385, 389, 390) sind Ausdruck der Frömmigkeit der Bevölkerung. In Plittersdorf bestand bis zum 19. Jahrhundert zwar nur eine dem hl. Georg geweihte Kapelle, doch wurden dort bereits Bestattungen vorgenommen, von denen heute eine Reihe alter Grabkreuze zeugt.31) Auch um die alte Pfarrkirche St. Martin in Muffendorf herum sind mehrere Grabkreuze des 17. Jahrhunderts aufgestellt. In der neuen Pfarrkirche hängen zwei Glocken von 1514 (Nr. 62) und 1607 (Nr. 103), eine weitere Glocke von 1633 wurde später umgegossen (Nr. 170). Stifter der letztgenannten Glocke war der Abt zu Siegburg, der in Muffendorf einen Hof besaß.32) Daß sich in Muffendorf auch eine Deutschordenskommende befand, hat sich in den Inschriften nicht niedergeschlagen. Im Unterschied zu den Pfarrorten Rüngsdorf und Muffendorf sind in Mehlem keine Grabkreuze aus frühneuzeitlicher Zeit erhalten. Sie wurden beim Neubau der Kirche 1861 zerschlagen und in die Fundamente eingefügt.33) Mit der Kapelle zu den Sieben Schmerzen Mariens besitzt aber auch Mehlem einen kirchlichen Bau des 17. Jahrhunderts mit einem Altar, der von einem in Mehlem ansässigen ehemaligen französischen Soldaten gestiftet worden war (Nr. 379). 1633 war Mehlem von schwedischen Truppen weitgehend zerstört worden.34) Vom Wiederaufbau zeugt eine heute verlorene Inschrift von 1634 an einem Haus auf der Mainzer Straße (Nr. 173). Die Inschriften der 1633 beim Brand geschmolzenen Glocken und auch der vier 1635 neu angeschafften Glocken der Gießer Nicolaus Gomon und Claudius Lamiral, die ihrerseits 1860 bei einem erneuten Brand untergingen, sind nicht überliefert.35) In Mehlem besteht mindestens seit 1620 eine Männerbruderschaft, die zwar Schützenbruderschaft war, sich aber [Druckseite XVII] vorwiegend karitativen und religiösen Zielen widmete.36) Der jeweilige Schützenkönig war „zur ahnhangung seines Schilds ahn die Silberne Kette“ verpflichtet,37) und 18 dieser Schilder mit dem Namen des Schützenkönigs und Jahresangabe legen bis heute Zeugnis ab von der großen Tradition der Bruderschaft.38)

Im rechtsrheinischen Bereich des heutigen Bonner Stadtgebietes wurde das Ende des 10. Jahrhunderts gegründete Kanonissenstift Vilich früh zum kirchlichen und verwaltungsmäßigen Zentrum. Die erste Äbtissin Adelheid wurde schon im 11. Jahrhundert als heilig verehrt, und auch die Grabstätte ihrer Eltern, der Gründer des Stiftes, war ein Anziehungspunkt für Pilger (vgl. Nr. 1). Vilich war Mittelpunkt eines ursprünglich sehr großen, im Norden bis zur Sieg und im Süden bis Königswinter reichenden Pfarrbezirks, der jedoch im Laufe der Jahrhunderte immer mehr Zuständigkeiten an die Kirchen in Schwarzrheindorf, Oberkassel, Küdinghoven und anderen Dörfern außerhalb des heutigen Stadtgebietes verlor.39) Mit Ausnahme der Grabinschrift für die Gründer des Kanonissenstiftes (Nr. 1) und den Beischriften auf Kreuz und Stab einer Kasel aus dem 15. Jahrhundert (Nr. 58) stammen die Vilicher Inschriften trotz der langen Tradition des Ortes erst aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Mit hundert Inschriftenträgern findet sich in Vilich aber der mit Abstand umfangreichste Bestand an Inschriften außerhalb der alten Stadt Bonn. Darunter sind 77 Grabkreuze des 16. und 17. Jahrhunderts – etliche von ihnen allerdings in beklagenswertem Zustand (vgl. unten Kap. 4. 1. 1.). Sie wurden nicht nur für die Vilicher Bevölkerung angefertigt, sondern – der Ausdehnung der Pfarrei entsprechend – auch für Einwohner von Schwarzrheindorf,40) Geislar (Nr. 458) und (Holzlar-)Kohlkaul (Nr. 227). Die Herrlichkeiten Vilich und Schwarzrheindorf gehörten zum kurkölnischen Territorium. Schultheißen und Schöffen beider Unterherrschaften werden inschriftlich auf Grabkreuzen, Wegekreuzen41) und Glocken42) genannt. Vilich wurde Ende des 16. Jahrhunderts durch das gemein Kriegswesen mit dem brant zersteurt (Nr. 91) und in den folgenden Jahrzehnten wieder aufgebaut (Nrn. 91, 101). Neue Zerstörungen 1632 durch schwedische Truppen erforderten wiederum einen Neuaufbau vieler Gebäude, der sich teilweise viele Jahre hinzog.43) Die Kanonissen und Kanoniker des Stiftes sind kaum in Inschriften belegt. Die Äbtissin Lucia von Broich wird auf einem Gedenkstein, der heute über dem Eingang des Adelheidisstiftes in die Mauer eingefügt ist, als Erneuerin des Stiftes nach den Zerstörungen im Truchsessischen Krieg gelobt (Nr. 91). Die Inschrift auf ihrer heute verlorenen Grabplatte konnte schon 1870 nur teilweise gelesen werden (vgl. Nr. 153), und auch die Grabplatte für die Äbtissin Amöna Margaretha von Burdtscheid († 1653) ist weitgehend abgetreten (Nr. 218). Ihre Nachfolgerin, Elisabeth Helena von Haeften, ließ 1662 ein Wegekreuz errichten, dessen Inschrift heute vollständig abgewittert ist (Nr. 247). Auch einer der Kanoniker, zugleich Pfarrer in Vilich, stiftete 1679 ein Wegekreuz (Nr. 361). Wenig nördlich der Stiftskirche St. Peter stand seit dem 12. Jahrhundert die Pfarrkirche St. Paul, die 1765 wegen baulicher Schäden abgerissen wurde. Neuere Grabplattenfunde belegen, daß auch in der Pfarrkirche Bestattungen stattfanden (vgl. Nr. 158).

In der Schwarzrheindorfer Doppelkirche befindet sich die wohl bekannteste Inschrift des Bonner Raumes, die Weiheinschrift aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts (Nr. 21). Sie dokumentiert die Weihe des gesamten Baus, dreier Altäre in der unteren und eines Altars in der oberen Kapelle im Jahre 1151 in Anwesenheit hoher kirchlicher Würdenträger, König Konrads III. und seines Gefolges. Der Bauherr, Arnold von Wied, war zu diesem Zeitpunkt gerade zum Kölner Erzbischof und somit in eines der wichtigsten Ämter des Reiches gewählt worden. Auch die Beischriften zu den Malereien, die Wände und Gewölbe der Unterkirche und den Chor der Oberkirche schmücken, stammen aus dem 12. Jahrhundert, sind allerdings zum Teil nur sehr fragmentarisch überliefert (vgl. Nrn. 15, 22). Der Konvent des seit dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts in Schwarzrheindorf bestehenden Kanonissenstifts hat kaum inschriftliche Spuren hinterlassen. Lediglich drei Grabplatten des 17. Jahrhunderts bewahren das Andenken an Konventualinnen.44)

Anders als Schwarzrheindorf und Vilich gehörten die übrigen rechtsrheinischen Bereiche des heutigen Bonn nicht zum kurkölnischen Gebiet, sondern zum Amt Löwenburg und somit seit dem 15. Jahrhundert zum Herzogtum Berg. Küdinghoven und Oberkassel als Kirchspielorte umfaßten [Druckseite XVIII] jeweils mehrere Dörfer, sogenannte Honschaften.45) In beiden Orten bestand mindestens seit dem 12. Jahrhundert eine Kapelle, die sich im Laufe der Jahrhunderte zur Pfarrkirche entwickelt hatte.46) Ein schlecht erhaltenes Altarretabel des 14. Jahrhunderts aus der ursprünglich den Thebäischen Märtyrern, seit 1680 aber dem heiligen Gallus geweihten Pfarrkirche in Küdinghoven47) wird heute im Rheinischen Landesmuseum aufbewahrt (Nr. 34). Daß die Verbindungen zum Vilicher Stift auch im 17. Jahrhundert – wenn auch gelockert – noch bestanden, belegt die Inschrift auf einer Glocke von 1673, in der die Vilicher Äbtissin, die Inhaberin des Kollations- und Zehntrechts, als Auftraggeberin genannt wird (Nr. 328). Auch der bergische Amtmann und der Abt von Siegburg nahmen als Vertreter des Landesherrn bzw. des kirchlichen Oberhirten am Weiheakt teil. Auf dem Kirchvorplatz erinnern elf Grabkreuze aus dem Bearbeitungszeitraum an frühere Bewohner Küdinghovens und Ramersdorfs (Nr. 95). Ramersdorf, Sitz einer Deutschordenskommende (vgl. Nr. 417), war ebenso eine Honschaft des Kirchspiels Küdinghoven wie Beuel, Pützchen, Limperich, Nieder- und Oberholtorf und die Hälfte von Bechlinghoven.48) Pützchen war spätestens seit dem 17. Jahrhundert Ziel von Wallfahrten zum St. Adelheidisbrunnen, dem „Pützchen“.49) 1684 ließ der Herzog von Jülich und Berg als Landesherr das Kreuz über dem Brunnen erneuern (Nr. 388). Das Kirchspiel Oberkassel umfaßte Berghoven (Nr. 226) und Oberkassel selbst. Zahlreiche alte Fachwerkhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert prägen bis heute das Ortsbild,50) und einige von ihnen lassen sich anhand inschriftlicher Datierungen zeitlich genau zuordnen.51) Im Turm der katholischen Pfarrkirche St. Cäcilia hängen zwei der ältesten Glocken des Bonner Stadtgebietes aus den Jahren 1464 (Nr. 46) und 1500 (Nr. 52). Um die Kirche herum ist eine Vielzahl alter Grabkreuze aufgestellt, darunter 35 aus dem Bearbeitungszeitraum. Neben der katholischen gab es in Oberkassel im 17. Jahrhundert auch eine reformierte Gemeinde, die zur Mülheimer Klasse der Bergischen Synode gehörte.52) Von der Errichtung der kleinen evangelischen Kirche in Oberkassel im Jahr 1683 zeugen zwei Inschriften am ehemaligen Hauptportal bzw. über einer kleinen Tür an der Giebelwand (Nrn. 380, 381). Die Kirche wurde bereits 1689 zerstört und unter großen Mühen in den folgenden Jahren wieder aufgebaut.

Zitationshinweis:

DI 50, Bonn, Einleitung, 2. Inschriften im Kontext der Stadtgeschichte (Helga Giersiepen), in: inschriften.net,  urn:nbn:de:0238-di050d004e002.

  1. Erläuterung unter dem Hamburger Kupferstich von F. Ladomin, 1689 (siehe Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, Abb. S. 167). »
  2. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 174. »
  3. Hüpsch, Epigrammatographie I, Sp. 7. »
  4. Siehe dazu die entsprechenden Abschnitte in Kap. 4 der Einleitung. »
  5. Die Dokumentation der Grab- und Wegekreuze erfolgte in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg zumeist durch engagierte Heimatforscher, die der lokalen Geschichtsforschung und der Epigraphik damit einen unschätzbaren Dienst geleistet haben. »
  6. J. Kremer, Studien zum frühen Christentum in Niedergermanien, Diss. phil. Bonn 1993, S. 229–280, bes. S. 258. Siehe dazu auch J. Engemann, Epigraphik und Archäologie des spätantiken Rheinlands, in: Inschriften bis 1300, S. 11–45 (bes. S. 35 f.). »
  7. Höroldt, St. Cassius, S. 45 f. »
  8. Ebd., S. 81–88. »
  9. Siehe H. Preuß, Martin Schenk von Nideggen (1540–1589) und der truchsessische Krieg, in: RhVjbll. 49, 1985, S. 117–138 (131); Ennen/Höroldt, S. 108. »
  10. Pick, Bonner Zeitung 1869, Nr. 167.  »
  11. Eine ausführliche Auflistung der Schenkungen enthält HStAD, Cassiusstift, A. 16. Vgl. dazu Pick, AHVN 42, S. 71 ff. »
  12. Vgl. Nrn. 94 (Maria-Magdalena-Altar), 126 (Dreifaltigkeitsaltar), 133 (Geburt-Christi-Altar). »
  13. Ennen/Höroldt, S. 133. »
  14. Groten, Priorenkolleg, S. 62–71, bes. 70 f. »
  15. Höroldt, St. Cassius, S. 86 f.; Rheinische Geschichte 1, 3, S. 238. »
  16. Auch Erzbischof Heinrich von Virneburg († 1332) wurde dort bestattet, seine Grabinschrift ist jedoch nicht überliefert. »
  17. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 20. »
  18. K. Hoch, Die Pest in Grau-Rheindorf, in: BGbll. 12, 1958, S. 184–202. »
  19. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 57. »
  20. Ebd., S. 438. »
  21. Schulten, Hl. Stiege, S. 10. »
  22. Ebd., S. 14 f., 18. »
  23. Vgl. Nrn. 7, 9, 14, 16»
  24. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 61.  »
  25. Müller-Hengstenberg, Grabkreuze, S. 47. »
  26. Wiedemann, S. 433. »
  27. Siehe dazu A. Schulte, Die Zerstörung der Godesburg 1583 in Wort und Bild der Zeit, in: GodHbll. 17, 1979, S. 130–190. »
  28. Wiedemann, S. 464–467. »
  29. Ebd., S. 244–248. »
  30. Ebd., S. 74 ff. »
  31. Müller-Hengstenberg, GodHbll. 24, S. 56. »
  32. Wiedemann, S. 486. »
  33. H. Kleinpass, Neue Glocken für Mehlem anno 1635, in: GodHbll. 28, 1992, S. 92 f. »
  34. Festschrift 375 Jahre St. Sebastianus-Schützen-Bruderschaft von 1620 Mehlem 1620–1995 (o. O., o. J.), S. 19.  »
  35. Ordnung der löblichen Bruderschaft Sankt Sebastiani Martiris zu Mielheim (Jubiläumsschrift der St. Sebastianus-Männerbruderschaft Mehlem am Rhein, hrsg. anläßlich ihres 350jährigen Bestehens [o. O., o. J.], S. 17). »
  36. Nrn. 130, 154, 157, 163 f., 193, 233, 235, 245, 253, 257, 265, 280, 296, 304, 309, 375, 386»
  37. Giersiepen, Vilich, S. 127–133. »
  38. Nrn. 214, 294, 317, 326, 341, 348, 427, 456.  »
  39. Nrn. 238, 249, 294, 299, 348.  »
  40. Nrn. 185, 186, 205»
  41. Nrn. 203, 210, 236»
  42. Nrn. 102, 127, 231»
  43. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 76. »
  44. Giersiepen, Vilich, S. 127–133. »
  45. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 78. »
  46. Ebd., S. 76 f.  »
  47. Herborn, Wallfahrt, S. 128. »
  48. Vgl. Großjohann, Fachwerkhäuser. »
  49. Vgl. Nrn. 72, 75, 76, 85, 107, 191»
  50. Geschichte der Stadt Bonn, Bd. 3, S. 366–368; vgl. Hörning, Alltag und Konfession, und die Nrn. 224, 225, 232, 358, 367»