Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Nagelkapelle im Dom zu Bamberg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 5: Die Inschriften der Nagelkapelle am Bamberger Dom (2015)

Nr. 3 Dom, Nagelkapelle 1472

Beschreibung

Figurale Metallplatte mit Sterbevermerk für den Domscholaster Johann Marschalk von Ebneth. Westwand, in einem verputzten Ziegelrahmen als siebtes Denkmal von Norden. Bestattung ursprünglich in der 25. Gruft der vierten Reihe1). In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts fehlte, wie Heller berichtet, die untere Schriftzeile mit den beiden Agnatenwappen2). Sie wurde im Zuge der 1870 abgeschlossenen Restaurierungsmaßnahme ergänzt3). Eine Reinigung und Restaurierung wurde zuletzt 1986 durchgeführt4).

Das Bildfeld zeigt die Ganzfigur eines Kanonikers nach links gewendet unter einem Rundbogen, in den Zwickeln je eine Tiergestalt. Der Domherr trägt Pellicea, Superpelliceum und Almutia, dazu eine hohe, birettartige Kopfbedeckung auf dem Haupt. Im linken Arm hält er ein geschlossenes Buch, das er mit der rechten Hand stützt. Zu seinen Füßen ein Vollwappen.

Die auf vier Seiten umlaufende, links oben beginnende Inschrift wird an den Ecken durch Agnatenwappen in Vierpässen unterbrochen.

Metall.

Maße: H. 179 cm, B. 74 cm, Bu. 5,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DIO 05, Nr. 3 - Dom, Nagelkapelle - 1472

 © Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege [1/1]

  1. Anno d(omi)ni mo. cccco. // lxxij. die iouis xijoa) k(a)l(endas) iunij obijt venerabilis dominus iohannes marschalk ⟨ // de Ebnetb). ca(n)o(nicus)c) sch(o)l(asticus)d). // ⟩ huius ecclesie bambergensis cuius anima requiescat in sancta pace amen

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1472 am Donnerstag, den 12. Tag vor den Kalenden des Juni, verstarb der ehrwürdige Herr Johann Marschalk von Ebneth, Kanoniker und Scholaster dieser Bamberger Kirche, dessen Seele in heiligem Frieden ruhe. Amen.

Datum: 1472 Mai 21.

Wappen:
Marschalk von Ebneth5).
Marschalk von Ebneth5)Künsberg?6)
falsch ergänzt: Herbilstadt7)falsch ergänzt: Rotenhan8)

Kommentar

Die Auflage wird von Hauschke der Vischer-Werkstatt unter Hermann d. Älteren zugeschrieben9). Ein auffälliger Bestandteil der Schrift ist der, im Vergleich zu den übrigen Buchstaben, weitaus flächiger gestaltete A-Versal mit stark geschwollenem linkem Schrägschaft, an dessen rechtem Rand sich ein paralleler Zierstrich befindet. Die Serifen laufen stark nach links aus, ebenso der Deckbalken, dessen Ansatz ein tropfenförmiges Zierelement aufweist. Ein nahezu identischer A-Versal ist in den Umschriften der Auflagen der Domherren Berthold Graf von Henneberg-Schleusingen († 1495, Nr. 7), Johann von Stein zu Ostheim († 1505, Nr. 9), Friedrich von Redwitz († 1510, Nr. 13) und Wolfram von Redwitz († 1521, Nr. 21) und in der Inschrift auf der Grabtafel des Domherrn Heinrich von Rabenstein († 1473, Nr. 4) zu sehen, die der Vischer-Werkstatt zugeschrieben werden können. Auch die Umschriften der Auflagen der Bischöfe Heinrich Groß von Trockau (1487-1501) und Georg Marschalk von Ebneth (1503-1505)10), die für die Vischer-Werkstatt gesichert sind, weisen diese spezifische A-Form auf. Das doppelstöckige a hat einen auffallend kleinen oberen Bogen auf, dessen als Haarstrich ausgeführter linker Teil meist zum Schaft führt. Die Enden der Bögen des runden s sind mit einem schrägen Zierstrich verbunden, dieser Zierstrich endet entweder mit den Bögen, wie im Wort venerabilis, oder weist ein Stück darüber hinaus wie im Wort johannes.

Die ergänzte untere Zeile fällt auf Grund der flächigeren Ausführung der Buchstaben aus dem schmalen und gedrängten, gitterförmigen Gesamtduktus der Inschrift heraus.

Die genealogische Einordnung des Johann Marschalk von Ebneth bereitet einige Schwierigkeiten. Zum einen gibt es im 15. Jahrhundert mehrere Bamberger Domherren aus der Familie der Marschalken von Ebneth namens Johannes, die oft nicht klar geschieden bzw. verwechselt werden, zum anderen ist die Überlieferung der Agnatenwappen unvollständig und teilweise fehlerhaft. Ein Johann Marschalk von Ebneth wird von Kist als Bruder des Andreas, der ebenfalls Domherr und Domkustos in Bamberg war, genannt11). Bereits am 10. Januar 1407 soll er in Bamberg aufgeschworen worden sein. Hauschke wies zu Recht darauf hin, dass dieses Aufschwördatum für einen 1472 verstorbenen Domherrn außerordentlich früh ist, er wäre dann 65 Jahre Domherr gewesen12). Johann studierte in Erfurt und Wien und ist ab 1464 als Domscholaster belegt. Außerdem ist er als Archidiakon von Hollfeld nachgewiesen13). Nach den Wappen der Nagelkapelle zu schließen, entstammte die Mutter des Johann einer Familie, die eine Spitze im Wappen führte. Unter dem Adel Frankens finden sich mehrere Familien, für die dies zutrifft14). Die weiteren Agnaten des Johann Marschalk von Ebneth können auf Grund der Überlieferungslage nicht ermittelt werden. Die untere Leiste der Auflage ist eine Ergänzung des 19. Jahrhunderts. Sie zeigt als Wappen der Großmutter väterlicherseits das Familienwappen der Herbilstadt und als Wappen der Großmutter mütterlicherseits das Wappen der Rotenhan15). Kist schlug als Mutter des Vaters eine Wiesenthau, als Mutter der Mutter eine Streitberg vor16). Zusätzlich verkompliziert wird die Überlieferungslage noch durch die schon von Kist monierte, mehrfach belegte Verwechslung mit einem weiteren, bereits 1466 verstorbenen Bamberger Domherrn Johann Marschalk von Ebnet, Sohn eines Konrad17). Biedermann nennt einen Hans Marschalk von Ebneth, Domherr in Bamberg und Regensburg, verstorben 1473, als Sohn des Wolfram und der Elisabetha, geb. von Herbilstadt18). Gegen eine Identität mit dem hier behandelten Domherren Johann spricht das mütterliche Wappenbild der Auflage. Ein Johann Marschalk von Ebneth, dessen Mutter eine Herbilstadt war, starb 1500 als Domherr zu Regensburg und wurde dort im Domkreuzgang bestattet19). Seine Agnatenwappen entsprechen genau denen des Bamberger Bischofs Georg Marschalk von Ebneth (1503-1506), dessen Bruder er demzufolge gewesen sein muss20). Dies widerspricht den Angaben bei Biedermann, der Johann, Domherr zu Bamberg und Regensburg († 1473), für einen Bruder des Nikolaus, des Vaters des Bischofs Georg, hielt21). Kist wiederum nennt einen dritten Domherren Johann Marschalk von Ebnet, der auch ein Kanonikat in Regensburg innehatte, aber nach den Angaben Kists erst 1506 verstarb, er dürfte wohl mit dem 1500 verstorbenen Regensburger Johann Marschalk von Ebent zu identifizieren sein, da das Tagesdatum des Todes Mai 16 übereinstimmt22).

Der 1472 verstorbene Johann Marschalk von Ebneth stiftete die Marienkapelle in der Judengasse in Bamberg, die anstelle der Synagoge errichtet wurde23)

Textkritischer Apparat

  1. x ohne linkes oberes Quadrangel.
  2. de Ebneth fehlt bei StA Ba B 73, Nr. 1 Schr. 1, BNM Bibl. 1088 fol. 63v, SB Ba HV.Msc. 456 p. 222.
  3. et bei StA Ba B 86, Nr. 250 p. 256, BNM Bibl. 1088 fol. 63v, AEB Rep. I, Nr. 1309 p. 17, SB Ba HV.Msc. 456 p. 222.
  4. ab Ebneth, Canonicus Senior et Scholasticus bei SB Ba HV.Msc. 195 p. 14.

Anmerkungen

  1. StA Ba B 86, Nr. 250 p. 256.
  2. SB Ba JH.Msc.hist. 10c Beilage.
  3. AEB Rep. 2, Nr. 2213, Sitzung vom 31. Dezember 1867; AEB Rep. 2, Nr. 2213, Sitzung vom 24. März 1868.
  4. Zur Restaurierung vgl. Jung, Vorwort 5f.; Baumgärtel, Nagelkapelle 19-22; Restaurierungsbericht 1986.
  5. BayA1 162.
  6. Bay 43.
  7. BayA1 43.
  8. Bay 20.
  9. Hauschke, Grabdenkmäler 206, Nr. 30.
  10. Hauschke, Grabdenkmäler 220f., Nr. 42; a.a.O. 243ff., Nr. 58.
  11. Andreas verstarb nach Kist 1467, vgl. Kist, Matrikel Nr. 4181.
  12. Vgl. Hauschke Grabdenkmäler 207, Nr. 30.
  13. Kist, Matrikel Nr. 4189.
  14. Beispiele zeigt Schöler, Familienwappen Tf. 21. Seit Graff wird das Wappen als Wappen der Familie Künsberg (Bay 43) identifiziert.
  15. Vielleicht verdanken sich diese Wappen dem Vorbild der Auflage für Bischof Georg Marschalk von Ebnet (1503-1505), vgl. unten Anm. 20, allerdings handelt es sich dort um die mütterlichen Agnatenwappen, so dass der Übernahme bereits ein Missverständnis zu Grunde liegen müsste.
  16. Also:  
    Marschalk von EbnethKünsberg
    Wiesenthau (BayA1 62)Streitberg (BayA1 184)
    Er beruft sich auf Rothlauf, Verzeichnis I 70.
  17. Vgl. Kist, Domkapitel 226f.; Kist Matrikel Nr.4190.
  18. Vgl. Biedermann, Gebürg Tf. 329.
  19. Vgl. DI 74 (Stadt Regensburg 2, Dom 1) Nr. 324.
  20. Agnatenwappen auf der Auflage des Bischofs Georg Marschalk von Ebneth im Bamberger Dom vgl. Kdm NF OF IV, II, 1 (Domstift 2) 1293f.:  
    Marschalk von EbnethHerbilstadt
    KünsbergRotenhan
    Vgl. auch Guttenberg, Bistum Bamberg 279.
  21. Vgl. Biedermann, Gebürg Tf. 329 und 331.
  22. Kist, Matrikel Nr. 4191.
  23. Kdm NF OF VI, IV,1 (Bürgerliche Bergstadt 1) 353. Vgl. dazu auch Röver, Marienkapelle 50f.

Nachweise

  1. StA Ba B 73, Nr. 1 Schr. 1; StA Ba B 86, Nr. 250 p. 256; SB Ba HV.Msc. 195 p. 14; AEB Rep. I, Nr. 1309 p. 17; BNM Bibl. 1088 fol. 63r; SB Ba HV.Msc. 456 p. 222; SB Ba HV.Msc. 212 fol. 6r; SB Ba JH.Msc.hist. 10c Nr. 7.
  2. Rothlauf, Verzeichnis I 70; Pfister, Dom 53; Stierling, Beiträge 185ff.; Riederer, Metallanalysen Nr. 59; Hauschke, Grabdenkmäler 206f., Nr. 30, Abb. 153; Bellendorf, Grabplatten 2 BaNk07; Kdm NF OF IV, II, 1 (Domstift 2) 1517f.

Zitierhinweis:
DIO 5, Die Inschriften der Nagelkapelle am Bamberger Dom, Nr. 3 (Julia Karg, Christine Steininger, Ramona Baltolu, Tanja Kohwagner-Nikolai.), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio005m001k0000309.