Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Nagelkapelle im Dom zu Bamberg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 5: Die Inschriften der Nagelkapelle am Bamberger Dom (2015)

Nr. 2 Dom, Nagelkapelle 1466

Beschreibung

Metallplatte mit Sterbevermerk für den Dompropst Albert Graf von Wertheim. Nordwand, erstes Denkmal von Westen. Die Bestattung ursprünglich in der dritten Gruft der zweiten Reihe, neben der des Georg Grafen von Löwenstein und somit auch vor dem Marienaltar1). Mit der Lage direkt vor den Stufen des Altars ist auch der schlechte Erhaltungszustand der Inschrift zu erklären. Im 18. Jahrhundert fehlte schon die untere Schriftzeile mit den beiden Wappen2). Nach der Neuanbringung der Grabplatten 1809 war die gesamte Inschrift mit den Agnatenwappen verschwunden3). Bei der 1870 abgeschlossenen Restaurierung konnten die beiden Langzeilen, die vermutlich zwischenzeitlich an einer anderen Grabplatte angebracht waren, wieder eingefügt werden, so dass nur die obere und die untere Zeile mit jeweils zwei Agnatenwappen ergänzt werden mussten4). Eine Reinigung und Restaurierung wurde zuletzt 1986 durchgeführt5).

Im Bildfeld ein Vollwappen6). Die auf den vier Seiten umlaufende, links oben beginnende Inschrift wird an den Ecken durch gravierte Agnatenwappen in Vierpässen unterbrochen.

Metall.

Maße: H. 188 cm, B. 105 cm, Bu. 8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

DIO 05, Nr. 2 - Dom, Nagelkapelle - 1466

 © Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (E. Lantz) [1/1]

  1. ⟨A(nn)oa) . a . nat(ivit)ateb) . do(mini) . M . cccc . lxvi . //⟩ decimaoctauac) . die mensis augusti . Obijt venerabilis . et g(e)n(er)os(us)d) ⟨// vir albertus . comes dee) //⟩ Wertheim . P(re)posit(us)f) . ecc(les)ie . Bamb(er)g(e)n(sis) . cui(us)g) a(n)i(m)a . requiescat in pace

Übersetzung:

Im Jahre nach der Geburt des Herrn 1466, am 18. Tag des Monats August, verstarb der ehrwürdige und wohlgeborene Mann Albert Graf von Wertheim, Propst der Bamberger Kirche, dessen Seele in Frieden ruhe.

Wappen:
Wertheim7).
Wertheim7)Schwarzburg8)
Erbach9)Nassau10)

Kommentar

Die wohlproportionierte Schrift weist, bis auf die Versalien, die für die Gotische Minuskel typische gitterförmige Gesamtgestaltung sowie zumeist kurze Ober- und Unterlängen auf. Auffällig ist die große Formenvielfalt, wobei der Buchstabe a durch besondere Heterogenität hervorsticht. Eine erste Form zeigt einen nahezu waagerechten rechten Teil des oberen Bogens und einen daran ansetzenden runden linken Teil, der als Haarstrich ausgeführt ist. Eine zweite Gestaltung weist einen mehrfach gebrochenen oberen Bogen auf, wobei der untere Teil fast bis zum Schaft reicht und die volle Strichstärke aufweist, eine weitere Form zeigt einen mehrfach gebrochenen oberen Bogen, der nach rechts in einen Zierstrich ausläuft (alle drei Formen im Wort decimaoctaua). Im Wort augusti findet sich eine a-Form mit ebenso mehrfach gebrochenem oberem Bogen, wobei hier der Bogen nochmals nach rechts abknickt und den Schaft als Haarstrich überschneidet. Das runde s tritt zweimal in sehr unterschiedlicher Ausprägung auf, im Wort mensis wird der abgeknickte obere Teil des oberen Bogens mit dem abgeknickten unteren Teil des unteren Bogens durch einen an beiden Enden eingerollten schrägrechten Zierstrich verbunden. Im Mittelteil setzt der obere Bogen versetzt zum unteren Bogen an diesem Zierstrich an. Im Wort venerabilis hingegen sind oberer und unterer Bogen mehrfach gebrochen, so dass die Bögen nahezu geschlossen sind. Zum Teil weisen die Ober- und Unterlängen Verzierungen auf. So wurden die Unterlängen des langen s bei mensis, des langen i bei obijt und der Bogen des h in geschwungenen Zierstrichen gestaltet, die in die Rahmung der Schriftzeile reichen. Die Schäfte des b und des h sind oben gespalten und reichen ebenso in die Rahmung, auch der Schaft des q ist gespalten und reicht in die untere Rahmung. Der Buchstabe t bei requiescat und et wurde mit einem rechtwinklig nach unten ansetzenden Zierstrich versehen, wobei letzterer zusätzlich vegetabile Verzierungen aufweist. Die Versalien zeigen bestimmte Gemeinsamkeiten, so ist sowohl der Schaft des B als auch der linke und der mittlere Schaft des W gezackt, in die Bögen des P, B und O sind schrägrechte Zierstriche eingestellt und Schäfte und Bögen weisen tendenziell Schwellzüge auf.

Die Worttrenner sind entweder als zwei Quadrangeln, die durch einen vegetabilen Zierstrich verbunden sind, oder als Quadrangel mit unten ansetzendem eingerollten Zierstrich auf der Grundlinie gestaltet.

Die Ergänzungen von 1870 geben sich zunächst durch ihre flächige, eher plumpe Ausführung zu erkennen, auch die für diesen Bestand untypische Kontraktionskürzung von Anno, die ungewöhnliche Kürzung von domini und das auffällige sogenannte Epigraphische Kürzungszeichen lassen den Nachguss aus dem 19. Jahrhundert erkennen. Doch bemühte man sich bei der Gestaltung der Buchstaben sichtlich um eine Imitation des vorhandenen Materials, vor allem bei dem mehrfach gebrochenen oberen Bogen des a, der als Haarstich bis zum Schaft reicht, der Form des runden s mit abgeknicktem oberen und unteren Bogen und Zierstrich, der Gestaltung der Worttrenner und des Versals A.

Albert Graf von Wertheim war der Sohn des Johann und der Mechthildis, geb. von Schwarzburg. Er studierte in Leipzig, Heidelberg und Köln. Zunächst war er seit 1420 Domherr in Bamberg. Ab 1451 hatte er das Amt des Domdekans inne, ab 1459 ist er als Dompropst nachgewiesen. Zudem war er Domherr in Köln und Würzburg sowie Propst bei St. Stephan in Bamberg und des Neumünsters in Würzburg11).

Albert Graf von Wertheim scheint ein besonderer Förderer des Baues von Sepultur und Domkreuzgang gewesen zu sein, da sein Wappen sowohl auf einem Schlussstein der Nagelkapelle als auch zweimal auf Schlusssteinen im Domkreuzgang zu sehen ist.

Textkritischer Apparat

  1. Worttrenner nur in dieser Zeile in Form eines auf der Grundlinie stehenden Quadrangels mit unten ansetzendem Zierstrich.
  2. nativite bei SB Ba HV.Msc. 212 fol. 30a, SB Ba HV.Msc. 456 p. 111; Anno Nativite bei BNM Bibl. 1088 fol. 66v.
  3. Dieser und alle nachfolgenden Worttrenner in Form zweier Quadrangeln, die durch ein vegetabiles Zierelement verbunden sind.
  4. Vergrößerter us-Haken.
  5. vir albertus comes durchgestrichen bei SB Ba HV.Msc. 212 fol. 30a; fehlt bei SB Ba HV.Msc. 456 p. 111, SB Ba HV.Msc. 610 fol. 59r.
  6. Doppel-P durch verdoppelten Schaft dargestellt; us-Haken hochgestellt; die beiden nachfolgenden Worttrenner in Form eines auf der Grundlinie stehenden Quadrangels mit oben und unten ansetzenden Zierstrichen.
  7. us-Haken hochgestellt.

Anmerkungen

  1. StA Ba B 86, Nr. 250 p. 153.
  2. Schramm machte bereits auf ihr Fehlen aufmerksam, vgl. SB Ba HV.Msc. 456 p. 111.
  3. Diesen Zustand hält eine Federzeichnung von Landgraf in seinem Handexemplar fest, vgl. SB Ba HV.H.Bbg. 261a Nr. 25. Beschrieben wird dieser Zustand von Heller, der vermerkt, dass „nur Fragmente von diesen Wappen ... noch übrig“ sind, vgl. SB Ba JH.Msc.hist. 10c Nr. 74.
  4. AEB Rep. 2, Nr. 2213, Sitzung vom 31. Dezember 1867; AEB Rep. 2, Nr. 2213, Sitzung vom 24. März 1868.
  5. Zur Restaurierung vgl. Jung, Vorwort 5f.; Baumgärtel, Nagelkapelle 19-22; Restaurierungsbericht 1986.
  6. Ein Teil des Oberwappens abgebrochen.
  7. FstA 146.
  8. FstA 246.
  9. Bay 10.
  10. BayA1 50.
  11. Zur Person Kist, Matrikel Nr. 6583; Wendehorst, Stift Neustift 304f. mit der älteren Literatur.

Nachweise

  1. StA Ba B 86, Nr. 250 p. 153; SB Ba HV.Msc. 195 p. 7; AEB Rep. I, Nr. 1309 p. 7; SB Ba HV.Msc. 610 fol. 59r; BNM Bibl. 1088 fol. 66v; SB Ba HV.Msc. 456 p. 111; SB Ba HV.Msc. 212 fol. 30a; SB Ba HV.H.Bbg. 261a Nr. 25 (mit Abzeichnung).
  2. Rothlauf, Verzeichnis I 74f.; Pfister, Dom 46; Stierling, Beiträge 184; Bellendorf, Grabplatten 2 BaNk41; Kdm NF OF IV, II, 1 (Domstift 2) 1516f.

Zitierhinweis:
DIO 5, Die Inschriften der Nagelkapelle am Bamberger Dom, Nr. 2 (Julia Karg, Christine Steininger, Ramona Baltolu, Tanja Kohwagner-Nikolai.), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio005m001k0000200.