Inschriftenkatalog: Die Inschriften der Nagelkapelle im Dom zu Bamberg

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 5: Die Inschriften der Nagelkapelle am Bamberger Dom (2015)

Nr. 1 Dom, Nagelkapelle 1464

Beschreibung

Figurale Metallplatte mit Sterbevermerk für den Domherrn Georg Graf von Löwenstein. Westwand, erstes Denkmal von Norden, in einem Sandsteinrahmen. Die Bestattung ursprünglich in der zweiten Gruft der zweiten Reihe und damit genau vor dem 1456 geweihten Marienaltar1). Eine Reinigung und Restaurierung wurde zuletzt 1986 durchgeführt2).

Im gravierten Bildfeld steht unter einem Rundbogen mit dreiblättrigem Maßwerkornament in den Zwickeln die nach links gewendete Figur eines Kanonikers vor einem textilen Behang mit Granatapfelmuster und Fransenborte als Hintergrund. Der Domherr ist in Pellicea, Superpelliceum und Almutia gekleidet und trägt eine birettartige Kopfbedeckung auf dem Haupt. Die Hände umschließen ein geschlossenes Buch. Zu Füßen ein Vollwappen, die angedeutete untere Rahmenleiste überschneidend.

Die auf drei Seiten umlaufende, links unten beginnende Inschrift wird an den Ecken durch gravierte Agnatenwappen in Vierpässen unterbrochen.

Die Auflage ist besonders in der Gesichtspartie leicht abgetreten. Metall.

Maße: H. 215 cm, B. 100 cm, Bu. 5,5 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Schrift.

DIO 05, Nr. 1 - Dom, Nagelkapelle - 1464

 © Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (E. Lantz) [1/1]

  1. ANNO ∙ D(OMI)NI ∙ Moa) ∙ CCCCoa) ∙ LXIIIIoa) ∙ DIE ∙ S(AN)C(T)I ∙ LAVRENCIb) ∙ OBIJT ∙ VEN(ERABI)LIS ∙ NOBILIS ∙ D(OMI)N(V)S ∙ GEORIVSb) // COMES ∙ DE ∙ LEWENSTEIN ∙ // CAN(ONI)CVS ∙ ECC(LESI)E ∙ HVIVS ∙ AC ∙ S(AN)C(T)I ∙ IACOBI ∙ P(RE)P(OSI)T(V)S ∙ CVIVS ∙ A(N)I(M)A ∙ IN PACE ∙ QVIESCAT ∙

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1464 am Tag des Hl. Laurentius verstarb der ehrwürdige, edle Herr Georg Graf von Löwenstein, Kanoniker dieser Kirche und Propst von St. Jakob, dessen Seele in Frieden ruhe.

Datum: 1464 August 10.

Wappen:
Löwenstein3).
Löwenstein3)Werdenberg4)
Kirchberg5)Wertheim6)

Kommentar

Bei der Grabschrift des Georg Graf von Löwenstein handelt es sich um die einzige Inschrift der Nagelkapelle, die in frühhumanistischer Schrift gefertigt wurde. Sie zeigt die typischen Merkmale der Mischschrift mit kapitalen Formen, wie dem konischen M mit bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil, dem N mit auffallend dünnem Schrägschaft, aber auch die unziale Form des D und das eingerollte G. Das ansonsten kapital ausgeführte E tritt im Wort ECCLESIE in unzialer Form auf. Der Buchstabe A ist in doppelstöckiger Minuskelform zu sehen, auch B wird als Minuskel ausgeführt. Eine auffallende Form zeigt das P, das einen verkleinerten eingezogenen Bogen aufweist und in die Unterlänge reicht. Das R im Wort LAVRENCI zeigt eine Sonderform, bei der der schräggestellte Schaft oben direkt in den Bogen übergeht und nicht wieder an den Schaft anschließt; die kräftig geschwungene Cauda setzt getrennt darunter an. Eine weitere Auffälligkeit ist der Buchstabe Q im Wort QVIESCAT: er besitzt eine sehr kleine, nicht ganz geschlossene Bogenlinie, die im oberen Drittel der Zeile platziert wurde, mit einer geschwungenen Cauda, die bis auf die Grundlinie reicht. Das I wurde mit Nodi oder Halbnodi verziert. Insgesamt zeigt die Schrift erhebliche Bogenschwellungen und Serifen.

Nach Breuer könnte der Entwurf der qualitätvollen Grabplatte von dem Bamberger Maler Hans Pleydenwurff stammen, für den ein Porträt Löwensteins als rechter Flügel eines Diptychons gesichert ist7), Hauschke bezweifelt diesen Zusammenhang zwischen dem Porträt und der idealisierten Darstellung des Domherrn auf seiner Grabplatte8).

Zu beiden Seiten des Familienwappens befindet sich eine für die Vischer-Werkstatt unter Hermann d. Älteren belegte Signatur in Form einer Hausmarke und eines Fisches, die beide bereits im Guss angelegt waren9). Somit ist diese Grabplatte nicht nur die älteste erhaltene der Nagelkapelle, sondern auch die älteste signierte der Nürnberger Vischer-Werkstatt überhaupt.

Georg Graf von Löwenstein war der Sohn des Albrecht und der Udelhild, geb. von Werdenberg. Er studierte in Wien und Heidelberg, seit 1399 ist er als Mitglied des Domkapitels nachweisbar. Er war außer in Bamberg auch Domherr in Würzburg, Mainz, Speyer und Worms sowie Propst bei St. Jakob in Bamberg und in Öhringen10).

Obwohl Kist bei der Ahnenfolge Vorbehalte hatte und Löwenstein – Werdenberg – Wertheim – Kirchberg vorschlug, ist die auf der Grabplatte angegebene Ahnenfolge glaubhaft, da sie der auf dem Rahmen des Basler Schmerzensmannes entspricht11).

Textkritischer Apparat

  1. Hochgestelltes o in den Rahmen der Leiste graviert.
  2. Sic!

Anmerkungen

  1. StA Ba B 86, Nr. 250 p. 150; Löwenstein stattete den Altar mit einer Vikarie aus und hatte ihn wahrscheinlich auch gestiftet, vgl. Baumgärtel, Altäre 51f.; Hauschke, Grabdenkmäler Nr. 3, 165.
  2. Zur Restaurierung vgl. Jung, Vorwort 5f.; Baumgärtel, Nagelkapelle 19-22; Restaurierungsbericht 1986.
  3. FstA 146.
  4. NÖ2 542.
  5. Si2 21.
  6. FstA 146.
  7. Dehio Franken 107; Diptychon verteilt auf Basel, Kunstmuseum (Inv. Nr. 1651) und Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum (Inv. Nr. Gm 128), vgl. Nürnberg 1300–1550 83, 170, Nr. 41.
  8. Hauschke, Grabdenkmäler 165, Nr. 3.
  9. Hauschke, Grabdenkmäler 16, 165, Nr. 3.
  10. Zur Person vgl. Rothlauf, Verzeichnis I 69f.; Wachter, Schematismus Nr. 6284; Kist, Domkapitel 222f.; Kist, Matrikel Nr. 4065; Fritz, Geschichte 201-209.
  11. Vgl. dazu oben Anm. 7, zu der von Kist vorgeschlagenen Ahnenfolge vgl. Kist, Domkapitel 222f.

Nachweise

  1. StA Ba B 86, Nr. 250 p. 150; SB Ba HV.Msc. 195 p. 13; AEB Rep. I, Nr. 1309 p. 16; BNM Bibl. 1088 fol. 61v; SB Ba HV.Msc. 456 p. 110; SB Ba HV.Msc. 212 fol. 30r; SB Ba HV.H.Bbg. 261a Nr. 24 (mit Zeichnung).
  2. Rothlauf, Verzeichnis I 69f.; Landgraf, Dom 24; Pfister, Dom 53; Weimar, Monumental-Schriften Tf. XI, 15; Stierling, Beiträge 183f., Tf. 31, Abb. 1; Norris, Schools 42; Norris, Brasses I 113; Norris, Brasses II 71; Riederer, Metallanalysen Nr. 57; Hauschke, Grabdenkmäler 165, Nr. 3, Abb. 2, 106, 107; Bellendorf, Grabplatten 2 BaNk01; Kdm NF OF IV, II, 1 (Domstift 2) 1515f.

Zitierhinweis:
DIO 5, Die Inschriften der Nagelkapelle am Bamberger Dom, Nr. 1 (Julia Karg, Christine Steininger, Ramona Baltolu, Tanja Kohwagner-Nikolai.), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-dio005m001k0000101.