Die Inschriften der Nagelkapelle im Dom zu Bamberg

6. Domherrenmode

Die Sepultur des Bamberger Domkapitels in der Nagelkapelle umfasst einen sehr einheitlichen Bestand mit 34 figuralen Platten von der zweiten Hälfte des 15. bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts, anhand dessen die modische Entwicklung gut abzulesen ist. Denn trotz der innerhalb einer Domherrengrablege selbstverständlichen Uniformität der Bekleidung fällt eine zeitliche Abfolge auf.

Die Domherren der frühen Denkmäler, beginnend bei Georg Graf von Löwenstein († 1464, Nr. 1) bis einschließlich Reimar von Streitberg († 1541, Nr. 29), tragen – soweit sichtbar – ohne Ausnahme eine Pellicea42), die bis auf die letzten sieben Denkmäler dieses Zeitraums am unteren Saum mit Pelz besetzt ist. Zum Teil ist auch an den eng geschnittenen Ärmeln ein Pelzbesatz zu erkennen (Georg Graf von Löwenstein, † 1464, Nr. 1; Hertnid von Stein zu Ostheim, † 1491, Nr. 6). Die Pellicea fällt stets gerade bis zum Knöchel herab und lässt die Füße sichtbar. Nur bei Wilhelm Schenk von Limpurg († 1517, Nr. 20) erkennt man eine bis zum Saum reichende, vertikale Öffnung in der vorderen Mitte.

Über der Pellicea befindet sich ein etwas kürzeres, meist bis Mitte Unterschenkel reichendes, weiter geschnittenes Superpelliceum43), das am Halsausschnitt enge Fältelung und zum Teil Stickerei (Wolfram von Redwitz, † 1521, Nr. 21) zeigt. Die Weite der Ärmel unterliegt modischer Varianz mit der Tendenz zu immer größerem Ausmaß. Bei Daniel von Redwitz († 1537, Nr. 25) hängen extra weite Ärmel des Superpelliceums in enger Fältelung bis knapp über dem Saum des Gewandes herab. An den Handgelenken sind die vergleichsweise weiten Ärmel des Pelliceums sowie die enganliegenden eines darunter getragenen Gewandes erkennbar.

Als Obergewand fungiert immer eine etwa hüftlange, pelzgefütterte Almutia44) mit einem Saumabschluss aus mehr oder weniger dicht nebeneinander befestigten Fellschwänzen. Bei den frühen Abbildungen hat die Almutia ein V-förmig verlaufende Schlupföffnung mit breitem Umlegekragen, dessen Pelzbesatz bei Georg Graf von Löwenstein († 1464, Nr. 1) deutlich sichtbar ist. Diese Kragenform nimmt in der Folge kapuzenartige Züge an (z.B. Johann Marschalk von Ebneth, † 1472, Nr. 3), wobei diese Tendenz bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts wieder rückläufig ist (z.B. Berthold Graf von Henneberg-Schleusingen, † 1495, Nr. 7). Eberhard von Rabenstein († 1505, Nr. 10) trägt als einziger eine in der vorderen Mitte durchgehend geöffnete Almutia, die am Halsausschnitt durch eine weit über die Brust herabhängende, mehrfach geknotete Kordel verschließbar ist. Das Durchrutschen der Kordel verhindern Quasten an allen vier Enden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wird die schlitzförmige Schlupföffnung der Almutia meist durch einen Knopf (z.B. Karl von Seckendorff, † 1505, Nr. 11) oder Schnüre (z.B. Gebrüder Schaumberg, Nr. 15-17) verschlossen. Ab den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts verschwinden Verschlüsse und die Öffnung wird stetig runder und weiter (Reimar von Streitberg, † 1541, Nr. 29).

Zu dieser Garderobe gehört immer eine birettartige Kopfbedeckung, wobei Form, Höhe und Ausstattung ebenso wie ein Ansatz über den Ohren zeittypisch variiert.

Nur zwei Domherren, Paul von Schwarzenberg († 1535, Nr. 23) und Willibald von Redwitz († 1540, Nr. 27), tragen am rechten Zeigefinger jeweils einen Ring, ohne dass sich eine Begründung dafür findet.

Die drei zeitlich folgenden Domherrendarstellungen unterscheiden sich deutlich in der Bekleidung vom bisher beschriebenen Typus. Philipp Albrecht vom Stain († 1549, Nr. 32), Wolfgang Theodor Marschalk von Pappenheim († 1559, Nr. 34) und Kaspar von Berg, genannt Schrimpf († 1559, Nr. 35), tragen eine – so weit sichtbar – sehr lange, auf dem Boden aufstehende Albe mit weiten, durch Manschetten zusammengefassten Ärmeln. Am linken Arm hängt der Manipel mit Fransenabschluss. Um den Hals liegt das reich gefältete und mit Parura besetzte Amikt. Die abschließende Kasel fällt weich auf etwas über Knielänge herab und ist bei den beiden jüngeren Darstellungen vorne kürzer. Der Schnitt zeigt in allen Fällen die zeittypische, in der Breite schmalere Form. Bei Philipp Albrecht vom Stain besitzt die Kasel ein Gabelkreuz. Während Philipp Albrecht vom Stain barhäuptig dargestellt ist, tragen die beiden anderen eine Kopfbedeckung, die einem Lutherbarett gleicht. Dies zeigt deutlich, wie wenig festgelegt liturgische Kleidung zu diesem Zeitpunkt war und wie fließend die Übergänge sind.

Der Wechsel zum Messornat kann darin begründet liegen, dass für die drei Herren nach Albert Graf von Wertheim († 1466, Nr. 2 – ohne figurale Darstellung) erstmals die Priesterweihe belegt ist. Philipp Albrecht vom Stain wurde am 10. April 154645), Wolfgang Theodor Marschalk von Pappenheim am 1. Mai 154646) und Kaspar von Berg, genannt Schrimpf, am 14. März 155147) zum Priester geweiht.

Die übrigen zehn Domherrendarstellungen wechseln wiederum innerhalb der Bekleidung den Typus. Beginnend mit der Metallplatte für Konrad, Georg und Kaspar von Würtzburg (1571, Nr. 37) besteht die Kleidung aus einer stets mindestens bodenlangen Albe mit Parura, darüber die Dalmatik. Der Fransenbesatz ist meist deutlich zu sehen. Die Musterung der Stoffe entspricht dem Zeitgeschmack, wobei die Tendenz zu kleinteiligerem Rapport zu beobachten ist. Um den Hals liegt das Amikt und zusätzlich meist eine Krause. Daran lässt sich am besten die modische Entwicklung vom gekräuselten Hemdabschluss (Johann Philipp von Seckendorff, † 1573, Nr. 38) über die spanische Krause (Johann Heinrich von Nanckenreuth, † 1591, Nr. 42) und die flache Halskrause (Martin von Schaumberg, † 1613, Nr. 50) hin zum flachen Kragen (Wolfgang Heinrich von Redwitz, † 1616, Nr. 52) nachvollziehen. Zusätzlich kann ein Manipel zum Ornat gehören. Ohne Ausnahme tragen die Domherren eine Kopfbedeckung, die zusehends eckigere Ausformungen erhält und schließlich bei Sebastian Schenk von Stauffenberg († 1626, Nr. 54) in der typischen Form des Biretts endet.

Auffällig ist, dass zunächst alle Domherren zeittypisch bartlos dargestellt werden. Ab der Metallplatte für Konrad, Georg und Kaspar von Würtzburg (1571, Nr. 37) tragen die Kanoniker bis zu Simon von Berg, genannt Schrimpf († 1580, Nr. 40), Vollbart, in den 90er Jahren nur einen Oberlippenbart (Johann von Redwitz, † 1591, Nr. 41) und ab Martin von Schaumberg († 1613, Nr. 50) erneut Voll- bzw. Kinn- und Oberlippenbart.

  1. Braun, Liturgische Gewandung 139f. Damit wird deutlich, dass der bei Braun angegebene Datierungsansatz für die Verwendung der Pellicea bis ins 16. Jahrhundert erweitert werden muss. »
  2. Braun, Liturgische Gewandung 143-148; Kühnel, Bildwörterbuch 256. »
  3. Braun, Liturgische Gewandung 355-357. »
  4. Braun, Domkapitel Eichstätt 498f. »
  5. Braun, Domkapitel Eichstätt 357. »
  6. Weiß, Bischofsreihe 1522-1693 609f. »