Die Inschriften der Nagelkapelle im Dom zu Bamberg

2. Historischer Überblick über die Nagelkapelle1)

Die Nagelkapelle trägt diesen Namen erst seit 1823, seit die Verehrung des Hl. Nagels als Hauptzweck des Raumes galt. Vorher wurde der Raum – entsprechend seiner Funktion – capitolium oder auch capitulum genannt. Das Kapitelhaus befand sich seit ottonischer Zeit als Anbau am südlichen Seitenschiff des Domes. Es diente als Versammlungsraum der Domkanoniker und gleichzeitig als deren Sepultur. Für diesen ersten Kapitelsaal liegen uns keine Grabungsbefunde vor, jedoch schriftliche Belege. Wohl bereits für den ersten Dom gesichert ist das Ossarium und der darüber liegende Altarbereich. Bei den Dombränden des Hochmittelalters war das südliche Querhaus und damit auch der angebaute Kapitelsaal nur wenig betroffen und diente daher in den beiden Neubauphasen vermutlich weiterhin als Ort der Liturgie. Beim Neubau des Kapitelhauses im Zusammenhang mit dem 1237 neugeweihten sog. Ekbert-Dom wird daher mutmaßlich sowohl die Form des Vorgängerbaus als auch einige Bauteile übernommen, dafür spricht nicht zuletzt, dass das Kapitelhaus nun gegenüber dem längeren Dom zum Querhaus nach Westen verschoben erscheint. Dieser Bau der Mitte des 13. Jahrhunderts war dreischiffig angelegt und umfasste zwei Joche, wie der Dom war der Raum im Gegensatz zur heutigen Anlage geostet.

Durch die Aufgabe der vita communis des Domkapitels und damit des Domklosters und den Neubau eines Kapitelsaales um 1400 wurde der Weg frei für die Umgestaltung des vorhandenen Raumes zur reinen Sepulturkapelle; sie ging einher mit einer Erweiterung des Raumes um vier Joche, die wohl 1456 mit der Weihe eines ersten Altars abgeschlossen sein musste. Im Boden der Kapelle befanden sich 86 gemauerte Grüfte. Vorgesehen war die Bestattung mehrerer Domherren – vorzüglich Verwandter – in einer Gruft. Die Stifter der neuen Sepultur sind durch ihre Wappen-Schlusssteine in den Gewölbejochen nachweisbar. Dieser Bau bestimmt bis heute die äußere Gestalt der Kapelle. Die zunehmende Verehrung des Hl. Nagels, der ab 1743 den Gläubigen jeden Freitag präsentiert wurde, und die Schwierigkeiten beim Begehen des Sepulturbodens durch die zahlreichen Grabdenkmäler führten Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer Neukonzeption des Raumes. Eine Liste der im 18. Jahrhundert in der Kapelle vorhandenen Bestattungen liefert Subkustos Graff2). Dabei wurden 1762/63 die im Boden befindlichen Denkmäler gehoben und an die Wand verbracht, in diesem Zusammenhang wurden für die Metalldenkmäler Formziegel bzw. Sandsteinrahmen einheitlicher Höhe, aber den Denkmälern angepasster Breite geschaffen. Die Fensterbrüstung musste in diesem Zusammenhang erhöht werden, da die Denkmäler sonst in der Höhe nicht an die Wände gepasst hätten. Es erfolgte eine Blankverglasung, die Maßwerkrahmungen der Fenster wurden entfernt, ein neuer Fußboden wurde gelegt, wobei das Bodenniveau vereinheitlicht wurde. Für die Nagelverehrung wurde der Hauptaltar zweckmäßig umgestaltet. Im Anschluss daran fanden nur mehr wenige Bestattungen in der Kapelle statt. 1808 wurden die Kapelle im Zuge der Säkularisation profaniert, die Altäre abgebrochen, die Epitaphien von der Wand genommen. Der so entstandene Saal sollte der Versammlung der Kreisstände als Sitzungssaal dienen. Erst ein Einspruch König Max I. Josephs (1809) führte zu einer Wiederherstellung der Kapelle, bei der jedoch einige Verluste bei der Ausstattung, so die Zerstörung sämtlicher Altarsteine, zu beklagen waren. Im Zuge der Rückführung des Domes in seine mittelalterliche Form wurde 1840/41 auch eine Rückführung der Nagelkapelle in die Form der Bauzeit des 15. Jahrhunderts beschlossen. Die Putze wurden abgenommen, um die vermeintlich originale Steinsichtigkeit wiederherzustellen. Türen wurden im neugotischen Stil aufgedoppelt. Neugotische Ausstattungsteile wie Altarretabel und Beichtstühle wurden geschaffen, um ein einheitliches „mittelalterliches“ Raumbild zu erreichen. Die Aufstellungskonzeption der Domherrendenkmäler aus dem 18. Jahrhundert wurde jedoch beibehalten, so dass sich heute nur noch im Bereich der Rahmungen originale Putzteile der Vorpurifizierungszeit feststellen lassen. Zwei weitere Renovierungen erfolgten 1929 und 1984. Bei der letzten Renovierung wurde ein neuer Fußboden gelegt und die Grüfte wurden komplett entfernt. Seit 1992 dient die Nagelkapelle als Andachtsraum und Aussetzungsort des Hl. Nagels.

  1. Diese kurze Einführung nimmt die Nagelkapelle nur im Hinblick auf die Sepulturfunktion in den Blick, für eine ausführliche Darstellung von Bau- und Ausstattungsgeschichte und heutiger Gestalt vgl. Kriewitz, Bauforschung, dort besonders Baumgärtel, Nagelkapelle und Kdm NF OF IV, II, 1 (Teil 2) 1456-1591. »
  2. StA Ba B 86, Nr. 250 (1735). Die Liste enthält auch verlorene Denkmäler und Bestattungen ohne Denkmal. »