Inschriftenkatalog: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 78: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt (2009)

Nr. 525 Baden-Baden, Stadtmuseum (Lichtentaler Allee 10) vor 1648

Beschreibung

Reiterstandarte. Im Jahre 1648 von Markgraf Wilhelm von Baden-Baden den Jesuiten in der Stadt Baden geschenkt.1 1843 im Bericht der „Allgemeinen Badzeitung“ über das 15. Stiftungsfest der bürgerlich-freiwilligen Reiterschar bezeugt.2 Nach Auflösung der Bürgerwehr 1849 im Magazin des Rathauses aufbewahrt.3 Am 7. November 1892 in die Grundausstattung der Stadtgeschichtlichen Sammlungen aufgenommen.4 Metall- und Seidenstickerei mit Applikationen, ehemals auf zwei Lagen aus beigen Seidenrips, dazwischen eine Mittelschicht aus blau-schwarzem Leinen.5 Auf der Vorderseite der querrechteckigen Standarte die Himmelskönigin im Strahlenkranz, wie sie eine Schlange und einen Basilisken zertritt. Auf ihrem linken Arm trägt sie den Christusknaben, der die Rechte segnend erhoben hat und in der andern Hand die Weltkugel hält. Mit der Linken führt sie das Szepter. Vor den oberen Strahlen erkennt man geringfügige Reste des aufgestickten Bibelzitats, das sich in schwarzen Buchstaben halbkreisförmig um die Figurengruppe zieht. Auf der Rückseite der hl. Georg, wie er zu Pferd den Drachen niederreitet. Die Spitze der zerbrochenen Lanze steckt bereits in dessen weit aufgerissenen Rachen. Der Brustpanzer des Heiligen ist vorn mit einer Wappenzeichnung und sein Helm mit der entsprechenden Helmzier versehen. Vorder- und Rückseite der Standarte werden durch eine etwa 5 cm breite Bordüre aus Waffen, Kanonen, Rüstungsteilen und Zierwappen gerahmt. Die Ränder sind ringsum mit Fransen versehen. Letztmalig 1987 von Corina Herzberg-Rebel (Ebersbach/Fils) restauriert, dabei die Reste des Seidenrips auf Baumwolle aufgenäht.5

Maße: H. ca. 40, B. ca. 55, Bu. ca. 3 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 78, Nr. 525 - Baden-Baden, Stadtmuseum (Lichtentaler Allee 10) - vor 1648

 Stadtmuseum Baden-Baden [1/3]

  1. ṢṾP̣ẸṚ [AS]P̣[I]Ḍ[E]Ṃ Ẹ[T] BASILISC̣Ṿ[M] Ạ[MBVLABIS]a)6)

Wappen:
Baden-Sponheim.7

Kommentar

Die Reste der Buchstaben lassen noch deutliche Bogenverstärkungen und Sporen erkennen.

Die Darstellung der Überwindung eines Basilisken und einer Schlange durch Maria unter Bezugnahme auf Ps 90,13 ist nicht häufig bezeugt. In der Bibelstelle wird dem vom Herrn Behüteten versichert: „super aspidem et basiliscum ambulabis et conculcabis leonem et draconem.“ Die frühen Bibelexegeten identifizierten den Basilisken mit dem Tod und die Schlange mit der Sünde; das Bedeutungsspektrum verschmolz jedoch später mit verschiedenen Aspekten des Bösen.8 Der Überlieferung nach kann das Untier aus Hahnenrumpf und Schlangenschwanz entweder durch einen Spiegel, der dessen giftigen Atem auf es selbst zurückwirft, oder durch ein Wiesel getötet werden.9 Nach Pseudo-Melito sei dieses das einzige Tier, das den Basilisken zu überwinden vermag, dabei aber selbst den Tod finde.10 Auf jener Vorstellung beruht die allegorische Identifizierung von Wiesel und Christus.11 Mit der Orientierung auf seine Abkunft von Maria wurde zunehmend auch auf sie die Fähigkeit übertragen, den Basilisken zu bezwingen.12 Allein ihr Sinnbild „speculum sine macula“ rief eine entsprechende Assoziation hervor.13 Dieser gedankliche Konnex fand bereits 1588 in einer kolorierten Federzeichnung aus dem Kloster Salem seine bildliche Umsetzung.14 In der Plastik spiegelt er sich wohl erstmals in der 1638 geweihten Mariensäule in München wieder, an deren Sockel bewaffnete Putti die vier im Psalmvers genannten Tiere niederkämpfen.15

Der Umstand, daß Markgraf Wilhelm die Reiterstandarte zum Ende des Dreißigjährigen Krieges an die Jesuiten verschenkte,1 läßt vermuten, daß sie zuvor in Gebrauch war und deshalb wohl älter ist. Andererseits ist die Idee, daß neben Christus auch die Gottesmutter den Basilisken besiegen könne, kaum vor dem Konzil von Trient (1563 beendet) denkbar, das den Anstoß zu einer verstärkten Marienverehrung gab.16 Innerhalb dieser weiten Zeitspanne finden sich jedoch kaum Anhaltspunkte für eine präzisere Datierung, vor allem, weil damit zu rechnen ist, daß man die Stickerei nach einer älteren Vorlage anfertigte. Dazu kommt, daß die Rüstung des hl. Georg wohl bewußt in historisierender Form wiedergegeben wurde.17 So läßt sich lediglich festhalten, daß die ovalen Schilde, die zylinderförmigen Trommeln und die Geschütze auf der Bordüre für die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts gut bezeugt sind.18

Textkritischer Apparat

  1. Ergänzungen nach PsG 90,13.

Anmerkungen

  1. Vgl. Kast, Mittelbadische Chronik 153.
  2. Vgl. Allgemeine Badzeitung 4 (1843) nr. 103 (Ausg. v. 23. Nov.), 571. Hier ist von der ältesten Standarte der Stadt die Rede, die der Bürgerschaft einst von Markgräfin Sibylla Augusta überreicht worden sei.
  3. Vgl. Stadtgesch. Slg. Baden-Baden o. Sig., Informationsblatt „Restaurieren“, o. S.
  4. Vgl. Stadtgesch. Slg. Baden-Baden Inventarbuch 1a, 4 (Inv.-nr. 33).
  5. Technische Beschreibung nach Stadtgesch. Slg. Baden-Baden o. Sig., Herzberg-Rebel, Restaurierungsprotokoll, fol. 2r.
  6. PsG 90,13.
  7. Geteilt: vorn Baden, hinten Sponheim. Als Helmzier ein Pfauenfedernbusch zwischen zwei Bockshörnern.
  8. Vgl. zur Bedeutungsgeschichte des Basilisken mit entsprechenden Quellenangaben Marianne Sammer, Der Basilisk. Zur Natur- und Bedeutungsgeschichte eines Fabeltieres im Abendland, München 1998, 40–102, hier insbes. 42, 63; s. a. Florence McCulloch, Mediaeval Latin and French Bestiaries, Chapel Hill [1960], 93, 199f.; LCI, Bd. 1, Sp. 251–253 (Lit.); RDK, Bd. 1, Sp. 1488–1492 (Lit.); LMA, Bd. 1, Sp. 1529f. (Lit.).
  9. Vgl. LCI, Bd. 1, Sp. 251 (mit Quellenangaben); Sammer (wie Anm. 8) 64, 70; Debra Hassig, Medieval bestiaries. Text, image, ideology, Cambridge 1995, 29–39.
  10. Vgl. Sancti Melitonis Sardensis episcopi liber qui dicitur clavis, pars 1, cap. 9: De bestiis et caeteris animantibus, lxiii (Mustela) nr. 6, in: Spicilegium Solesmense complectens sanctorum patrum scriptorumque ecclesiasticorum anecdota hactenus opera (…), ed. Jean Baptiste Pitrà, tom. 3, Parisiis 1855, 80.
  11. Vgl. Sammer (wie Anm. 8) 64; Hassig (wie Anm. 9) 32 mit Anm. 21.
  12. Vgl. Sammer (wie Anm. 8) 68–74. S. a. Salzer, Sinnbilder 65f.
  13. Vgl. Sammer (wie Anm. 8) 70; Salzer, Sinnbilder 549f.
  14. Vgl. Renaissance, Bd. 1, 433 G 4, 434 G 4 (Abb.).
  15. Vgl. Sammer (wie Anm. 8) 71–74; Dorothea Diemer, Die Münchner Mariensäule, in: Um Glaube und Reich. Kurfürst Maximilian I. Katalog der Ausstellung in der Residenz in München 12. Juni – 5. Oktober 1980, hg. v. Hubert Glaser (Wittelsbach und Bayern 2.2), München 1980, 457.
  16. Vgl. Marienlexikon, Bd. 6, 464–466 (Lit.).
  17. Vgl. dazu den Wandteppich „Tod des Absalom“ (1556) in Renaissance, Bd. 2, 816f. Q 11 (Abb.); die Radierungen „Göttin Cypris und Amor mit ihren Rittern“ sowie „Wagen des Priamus“ (1616) in Fleischhauer, Renaissance, o. S. (Abb. 161, 163). Siehe im Vergleich dazu die historischen Rüstungen im 17. Jahrhundert in Christian Beaufort-Spontin, Harnisch und Waffe Europas. Die militärische Ausrüstung im 17. Jahrhundert (Bibliothek für Kunst- und Antiquitätenfreunde 57), München 1982, 33–142 passim.
  18. Vgl. zu den Trommeln Beaufort-Spontin (wie Anm. 17) 114 (Abb. 62; 1668); die Radierung Merians zum Aufzug des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum Fußturnier (1616), in Fleischhauer, Renaissance, o. S. (Abb. 164); zu den Geschützen vgl. Heinrich Müller, Alte Geschütze. Kostbare Stücke aus der Sammlung des Museums (Museum für Deutsche Geschichte Berlin), Berlin 1980, passim; Beaufort-Spontin (wie Anm. 17) 46 (Abb. 12), 59 (Abb. 21) und zu den Schilden ebd. 110 (Abb. 59).

Nachweise

  1. Ludwig Moser, Die Standarte der berittenen Bürgerwehr von Baden-Baden aus dem Jahre 1648, in: Werke und Wege. Eine Festschrift für Dr. Eberhard Knittel zum 60. Geburtstag, dargebracht von Freunden und Mitarbeitern, Karlsruhe 1959, 1–5, o. S. (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 525 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di078h017k0052504.