Inschriftenkatalog: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 78: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt (2009)

Nr. 476 Gernsbach, Hauptstr. 11 (Altes Rathaus) 1617, 1618

Beschreibung

Altes Rathaus. Am südöstlichen Ende des Marktplatzes. Dreigeschossiger Renaissancebau mit Eckerker und Zwerchhaus. Außen am Hauptportal (I) und innen an zwei Zugängen zum Treppenhaus im Erdgeschoß (III) sowie im zweiten Obergeschoß (IV) je eine Jahreszahl. An den Fensterbrüstungsplatten des Erkers (II) eine Bauinschrift und zwei Sonnenuhren. Restaurierungsmaßnahmen am Gebäude sind für die Jahre 1886, 1906, 1959 und 1975–79 bezeugt.1

I. Hauptportal. An der nordöstlichen Straßenfront. Rötlicher Sandstein. Rustiziertes Rundbogenportal, flankiert von zwei vorgesetzten Säulen. Im Fries des Gebälks eine querovale, von Beschlagwerk gerahmte Kartusche mit der eingemeißelten Jahreszahl (A), unterbrochen durch eine plastisch ausgearbeitete und von unten in den Spiegel hineinragende Lilie (?), die den überhöhten Schlußstein des Rundbogens bekrönt. Links davon innerhalb der Beschlagwerkverzierung das Stz. nr. 66.2 Über dem Gebälk zwischen den Giebelvoluten zwei plastisch ausgearbeitete Vollwappen, die offenbar erst später mit einem Rahmen aus barockem Knorpelwerk versehen und deren Schildbilder nachträglich abgeändert wurden. Den oberen Abschluß des Portals bildet ein Dreiecksgiebel.

Maße: H. ca. 540, B. ca. 400, Zi. 6–7 cm.

DI 78, Nr. 476 - Gernsbach, Hauptstr. 11 (Altes Rathaus) - 1617, 1618

 Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/8]

  1. A

    · 16 · // · 17 ·

Wappen:
[Kast]3, [Vogler?]4.

II. Erker auf achteckigem Grundriß. An der östlichen Gebäudeecke in Höhe des ersten und zweiten Obergeschosses. Rötlicher Sandstein. Die Fensterbrüstungsplatten sind außen mit querrechteckigen Beschlagwerkkartuschen versehen, die unterschiedlich ornamentiert sind. Im ersten Obergeschoß enthält der Spiegel der mittleren die eingemeißelte und golden nachgezogene Bauinschrift (B). Unter dem südlichsten der oberen Fenster eine Sonnenuhr, deren Ziffern (C) auf dem Kartuschenrand links oben beginnen und sich gegen den Uhrzeigersinn umlaufend fortsetzen. Auf dem oberen Randabschnitt rechts neben dem Schattenstab das Stz. nr. 67. Im Spiegel der sich östlich davon anschließenden Kartusche eine weitere Sonnenuhr, flankiert von den Ziffern der Jahreszahl (D). Die sieben strahlenartigen Monatslinien entspringen der linken oberen Ecke; an ihren Enden die Tierkreiszeichen für Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion und Schütze.5 Quer darüber gelegt die Stundenlinien, die jeweils links mit den Stundenzahlen (E) bezeichnet sind. Sämtliche Ziffern der Sonnenuhren eingemeißelt und schwarz nachgezogen. Über dem Strahlennetz das Stz. nr. 67.

Maße: H. ca. 800, B. ca. 300, Bu./Zi. ca. 10 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. B

    IOHANNES · IACOBVS · / KAST · HAS · AEDES · / FIERI · FECIT · ANNO (ET CETERA)a) / · 16 · 17 ·

  2. C

    5 · 6 · 7 · 8 · / 9 · 10 · 11 · 12 · 1 · 2 / · 3

  3. D

    1 · 6 // 1 · 8

  4. E

    5 6 7 8 9 10 11

Übersetzung:

Johann Jakob Kast hat dieses Gebäude im Jahre usw. 1617 errichten lassen. (B)

III. Treppenhausportal im Erdgeschoß. Im Inneren des Gebäudes der Zugang zur Wendeltreppe, die das gesamte Gebäude in der Achse des nordöstlichen Zwerchhauses erschließt. Sandstein, farbig gefaßt. Der Durchlaß wird von zwei kannelierten Pilastern flankiert und von zwei verschränkten Dreiviertelbögen überfangen. Über deren Schnittpunkt ragt eine stumpfe Spitze in den Architrav und unterbricht hier rechts neben dem Stz. nr. 67 die eingemeißelte und golden nachgezogene Jahreszahl (F). Zwei weitere Stz. nrr. 68 und 69 an den Innenseiten der Türpfosten. Im Fries des Gebälks reliefiertes Beschlagwerk. Als Bekrönung eine leere, von einem Lorbeer umkränzte Beschlagwerkkartusche.

Maße: H. 386,5, B. 198,5, Zi. 6–7,5 cm.

  1. F

    · 16 · // · 17 ·

IV. Treppenhausportal im zweiten Obergeschoß. Durchgang vom Festsaal zur Wendeltreppe. Sandstein, farbig gefaßt. Dem Portal im Erdgeschoß (III) sehr ähnlich, hier jedoch mit vorgesetzten Säulen ausgestattet. An den Innenkanten der Gewände durchsteckte Stabprofile, die oben einen Kielbogen andeuten, der mit stumpfer Spitze in den Architrav hineinragt und dort die eingemeißelte sowie golden nachgezogene Jahreszahl (G) unterbricht. Im Fries und als Bekrönung des Gebälks reliefiertes Beschlagwerk. Hier, am Gesims und am rechten Säulenpostament das Stz. nr. 69, an beiden Innenseiten der Türpfosten das Stz. nr. 70 und am linken Säulenpostament das Stz. nr. 67.

Maße: H. ca. 380, B. 198,5, Zi. 8–10 cm.

  1. G

    · 1 · 6 · // · 1 · 8 ·

Die Buchstaben tragen deutliche Sporen. Das A hat einen gebrochenen Balken, das D ist offen. Der Schaft des I ist oben nach dem Vorbild der Gotischen Minuskel umgebrochen, während er unten überwiegend stumpf auf der Grundlinie endet. Das N erscheint retrograd, das O spitzoval. Der Schaft der 1 ist unten gespalten und links kreisförmig nach oben umgebogen. Nach einer erneuten Spaltung rollt sich der untere Abzweig ein und der obere durchschneidet den Schaft. Eine Ausnahme bilden hier die jeweils dritten Ziffern in (A) und (G), deren Schaftenden lediglich umgebrochen sind. Die Bögen der 8 und der offene Bogen der 6 sind spitz ausgezogen. Als Wort- bzw. Zifferntrenner dienen Quadrangel auf halber Zeilenhöhe.

Johann Jakob Kast war der älteste Sohn des wegen seines enormen Vermögens bekannten Murgschiffers Jakob Kast in Hörden.6 Im Jahre 1589 heiratete er in Selbach Klara Nebel, die Tochter des Bürgermeisters von Bingen (Lkr. Mainz-Bingen). Da diese bereits kurze Zeit später verstarb, vermählte er sich am 31. August 1596 mit Maria Vogler aus Heilbronn. Die beträchtliche Hinterlassenschaft seines Vaters ermöglichte es ihm, in den Jahren 1617/18 das neue Wohnhaus am Gernsbacher Markt zu errichten. Der unbekannte Architekt – möglicherweise handelt es sich um Hans Schoch – bezog sich in seinen Plänen stark auf Wendel Dietterlins Werk „De architectura“ und setzte viele der hier vorgebildeten manieristischen Formen um.7 Kast scheint den Bau nur kurze Zeit genutzt zu haben, denn bereits im Jahre 1623 erhielt er das Bürgerrecht in Straßburg. Dort wurde er Mitglied der protestantischen Gemeinde Temple Neuf. Am 11. Dezember 1627 heiratete er ein drittes Mal und nahm die Straßburgerin Katharina Berner zur Frau. Seine Todesdaten sind unbekannt.

Die Überlieferung, Hans Jakob Kast habe das neu errichtete Wohnhaus bei seiner Übersiedelung nach Straßburg der Stadt Gernsbach geschenkt, trifft nicht zu.8 Wahr ist lediglich, daß es bereits vor 1754 in Ermangelung geeigneter Räumlichkeiten von der Gemeinde als Rathaus genutzt wurde.9 Wie der Renovierungsinschrift von 1886 zu entnehmen ist, muß sich das Gebäude aber noch zu dieser Zeit im Besitz der Familie Kast befunden haben.1 Erst 1890 gelangte das Haus im Zuge eines Ausschlußverfahrens in die Hände der Stadt, weil es damals offenbar niemand mehr beanspruchte.10 Vermutlich wurden die Schilde der ursprünglichen Eheallianzwappen über dem Hauptportal erst zu dieser Zeit abgeändert und bezeichnen seither Eberstein und die Stadt Gernsbach.

Textkritischer Apparat

  1. Als Kürzungszeichen ein Quadrangel auf der Grundlinie, dem eine im Bogen zurückgeführte und unterhalb der Grundlinie endende Zierlinie entspringt.

Anmerkungen

  1. Die Renovierung von 1886 bezeugt eine Inschrift am Architrav des Hauptportals: Aeuszeres liesz erneuern // Casimir Kast 1886. Im Jahre 1906 hat Hermann Baumeister den Festsaal im zweiten Obergeschoß im Stil des einsetzenden 17. Jahrhunderts ausgemalt, vgl. Dessau, Gernsbach (wie unten) 173; Kunitzki, Gernsbach 79. Aus dieser Zeit stammt über dem mittleren Fenster des Erkers eine gemalte Beschlagwerkkartusche mit der Jahreszahl 1618. Zu den Renovierungen von 1959 und 1975–79 vgl. Kdm. Rastatt 173 bzw. Kieser u. a., Kunst- u. Kulturdenkmale RA/BAD 212; Kunitzki, Gernsbach 77.
  2. Am Portal befinden sich weitere, hier nicht berücksichtigte Steinmetzzeichen.
  3. Linksgewendet. Identifizierung erschlossen aus der Helmzier: ein wachsender Löwe, der eine Kiefer in den Pranken hält. Im nachträglich abgeänderten Schild heute eine Rose (Eberstein). Zum Wappen Kast vgl. Scheifele, Jacob Kast 740 (Abb.).
  4. Erschlossen aus der überlieferten Eheverbindung Johann Jakob Kasts mit Maria Vogler, vgl. Dessau, Gernsbach (wie unten) 56, und der redenden Helmzier: auffliegender Vogel. Zum Wappen der Heilbronner Familie Vogler vgl. DI 73 (Hohenlohekreis) nr. 589 Anm. 5. Im nachträglich abgeänderten Schild heute ein Doppelhaken (Stadt Gernsbach).
  5. Bei dieser Sonnenuhr zeigt der Schattenendpunkt – je nachdem, in welches Feld des Strahlennetzes er fällt – neben der Uhrzeit auch das entsprechende Tierkreiszeichen an; vgl. hierzu Schumacher, Sonnenuhren (wie unten) 184; ders., Gernsbach (wie unten) 851.
  6. Vgl. zu den biographischen Angaben Dessau, Gernsbach (wie unten) 54–61; Hoffmann, Frühe Kast 174 nr. 29; zum Vater Jakob Kast vgl. ebd. 46–53; Scheifele, Jacob Kast 738–746; s. a. nr. 391.
  7. Vgl. Dessau, Gernsbach (wie unten) 102; Kieser u. a., Kunst- u. Kulturdenkmale RA/BAD 212. Zu Hans Schoch vgl. Albin Michel, Dictionnaire des Architectes (Encyclopaedia Universalis), Paris 1999, 615f.; zu Wendel Dietterlin ebd. 214.
  8. Vgl. Dessau, Gernsbach (wie unten) 54; Landkreis Rastatt, Bd. 2, 101. Zur irrtümlichen Annahme vgl. u. a. Hartmann, Bruchstücke 14; Kdm. Rastatt 173; Kieser u. a., Kunst- u. Kulturdenkmale RA/BAD 211f.; Ambrus (wie unten) 28.
  9. Vgl. Landkreis Rastatt, Bd. 2, 101.
  10. Vgl. Dessau, Gernsbach 59.

Nachweise

  1. Beust, Geschichte Eberstein 127f. (erw.).
  2. GLA Karlsruhe N Mone 108, Mone, Aufzeichnungen Murgthal, fol. 24r (A, D).
  3. Deutsche Renaissance, Abt. 39, Bl. 6 (G).
  4. August Grisebach, Das deutsche Rathaus der Renaissance, Berlin 1907, 20 (G).
  5. RP Karlsruhe (Denkmalpflege), Photoarchiv, Neg.-nrr. 6595 (nur A; Aufn. ca. 1950), 02796 (nur F; Aufn. 1910), 02798 (nur G; Aufn. 1910).
  6. Lübke, Renaissance, Bd. 1, 267 (nur A, G).
  7. StdtA Gernsbach o. Sig., Langenbach, Stadtchronik Gernsbach, Bd. 2, fol. 131r (erw.).
  8. Kdm. Rastatt 174 (Abb. 103 zu A), 175 (A), 176 (B, D, F, G; C, E erw.).
  9. Heinz Schumacher, Gernsbach, eine Stadt der Sonnenuhren aus Stein, in: Naturstein 33 (1978) 850–852, hier 851 (C, D, E erw.).
  10. John, Wappen 52 (Abb. zu A).
  11. Kappler, Renovierung 142 (Abb. zu A), 144 (Abb. zu F).
  12. Heinz Schumacher, Sonnenuhren im Landkreis Rastatt, in: Heimatbuch Lkr. Rastatt 7 (1980) 180–190, hier 183f. (Abb. zu C, D, E).
  13. Manuela Dessau, Gernsbach und sein Altes Rathaus, Moos 1984, 80 (A), 95 (Abb. zu B), 96 (B), 100 (C–E), 101 (Abb. zu D, E), 180 (D).
  14. Kunitzki, Gernsbach 77 (Abb. zu A), 78 (B), 79 (Abb. zu C).
  15. Ambrus u. a., Kennzeichen RA, BAD 28f. (Abb. zu A).
  16. Schwarzmaier u. a., Geschichte 110 (A, B).

Zitierhinweis:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 476 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di078h017k0047606.