Inschriftenkatalog: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 78: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt (2009)

Nr. 164 Rastatt, Stadtmuseum (Herrenstr. 11) um 1509?

Beschreibung

Schnitzfiguren einer Anna Selbdritt. Im Treppenaufgang der ersten Etage. Leihgabe des Badischen Landesmuseums Karlsruhe, das die Skulptur 1904 von Adelheid Gimbel, Baden-Baden, erworben hatte.1 Ursprünglich soll sie aus Sandweier stammen.1 Linden(?)-Holz, polychrom gefaßt. Maria und Anna sitzen schräg einander zugekehrt auf einer Bank. Beide strecken ihre Hände nach vorn, mit denen sie offenbar die verlorene Figur des Jesusknaben hielten bzw. berührten. Die jeweils linken Unterarme fehlen. Das Haupt Marias trug anscheinend eine Krone und ist nach deren Verlust ausgebessert worden; Annas Kopf bedecken eine Hulle und der übergeworfene Umhang. Auf den Gewandsäumen beider Figuren sind noch Reste von in Kreidegrund gepreßten und ehemals vergoldeten Inschriften erkennbar. Auf dem Abschnitt, der sich an Marias Mantel von ihrer rechten Schulter zum linken Knie erstreckt, Inschrift (A). Auf dem Saumstück, das schräg vor ihren Beinen herabhängt, das Hymnenzitat (B). Zwischen der linken Schulter und der linken Armbeuge Inschrift (C). Auf dem Umhang der hl. Anna Inschrift (D), von der sich nur der Abschnitt vom Haupt über ihre linke Schulter zu den Füßen erhalten hat. Der Schriftgrund ist durch Punktpunzen gemustert. Die letzte Restaurierung der Figurengruppe wurde 2003 vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe vorgenommen.2

Maße: H. 86, B. 64, Bu. 2,5–3,5 cm.

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis.

DI 78, Nr. 164 - Rastatt, Stadtmuseum (Herrenstr. 11) - um 1509?

 Heidelberger Akademie der Wissenschaften; Badisches Landesmuseum Karlsruhe [1/6]

  1. A

    IẠa) /b) [M]ẠRIA · MATERc) · [DEI – – –]d)

  2. B

    ẠVEe) DIVINA [· VE]RITASf) ·g)3)

  3. C

    [. . .]/IAh) HIOḶ[– – –]i)

  4. D

    [– – –]k) MEI AṂ[E]Ṇ [– – – A]ṆNAl) PIẠ · ṂAṚ[– – –]m)

Übersetzung:

Fromme Maria, Mutter (Gottes …). (A) – Sei gegrüßt, göttliche Wahrheit. (B) – (Heilige Anna, erbarme dich) meiner, amen. (…) fromme Anna, (Mutter) Marias (…). (D)

Versmaß: Iambischer Dimeter (B).4

Kommentar

Die geraden Schäfte sind in der Mitte meist leicht eingeschnürt, die freien Schaftenden keilförmig verbreitert. Der gebrochene Mittelbalken des A, das in der Regel mit einem beiderseits überstehenden Deckbalken ausgestattet ist, sowie die Schrägschäfte von M und N wurden hingegen äußerst schmal ausgeführt. Das E kommt sowohl epsilonförmig als auch als Kapitalbuchstabe vor. Das D erscheint in unzialer, geschlossener Ausformung. Als Worttrenner dienen Quadrangel auf halber Zeilenhöhe.

Einige Merkmale der Schrift, vor allem die starke Einschnürung der Schäfte bzw. keilförmige Verbreiterung ihrer freien Enden, die schmalere Ausführung der Schrägschäfte und des gebrochenen A-Balkens, der Nodus am I oder das spitzovale O, lassen sich ebenso am Saum der St.-Dionys-Figur zu Baden-Baden-Oos beobachten, die zur ursprünglichen Ausstattung des heute in Vimbuch befindlichen Altarretabels von 1506 gehörte.5 Die Gemeinsamkeiten reichen nicht aus, um daraus einen Werkstattzusammenhang abzuleiten, doch gestatten sie eine nähere zeitliche Eingrenzung.6 Für eine Datierung in das einsetzende 16. Jahrhundert spricht überdies, daß das Patrozinium der Sandweierer Kirche erst im Jahre 1509 mit St. Anna, 1490 hingegen noch mit St. Walpurgis angegeben wird.7 Außerdem übertrug der Straßburger Bischof im Jahre 1509 die Frühmeßpfründe Unserer Lieben Frau aus der Iffezheimer Kirche nach Sandweier. Es ist somit gut vorstellbar, daß im Zuge dieser Veränderungen auch der 1699 erstmals nachgewiesene Altar der hl. Anna errichtet wurde und die Figurengruppe der hl. Anna Selbdritt ihm zuzuordnen ist.

Textkritischer Apparat

  1. Vom I nur noch der obere Schaftabschnitt erhalten. Der Saumabschnitt am Nacken durch die Haare verdeckt. Ergänze sinngemäß zu PIA.
  2. Richtungsänderung durch den Saumumbruch vor der Brust.
  3. Das Kapitalis-E ohne Mittelbalken.
  4. Ergänzung aus dem Sinn der Inschrift erschlossen, vgl. Salzer, Sinnbilder 103f.; s. a. nrr. 132, 145.
  5. Vom A nur noch der Deckbalken sichtbar. Das E epsilonförmig.
  6. Ergänzung nach der entsprechenden Hymnenstrophe, vgl. Anm. 3. Der Bogen des R sehr klein, die Cauda leicht stachelförmig. Das I mit starkem Nodus.
  7. Kurzer rechtsschräger Balken.
  8. Ergänze vermutlich zu [MAR/]IA. Der Deckbalken des A steht nur nach links über. Richtungsänderung durch den Saumumbruch vor der Brust.
  9. Das O spitzoval. Das L unsicher, ein Balkensporn scheint den Balken zu ersetzen.
  10. Ergänze vermutlich auf dem zerstörten Saumabschnitt, der zur Rechten Annas bis zum Boden reicht [SANCTA ANNA MISERERE], vgl. nr. 145.
  11. Beide N retrograd.
  12. Lies vermutlich: MAR[IAE MATER – – –].

Anmerkungen

  1. Vgl. Die mittelalterlichen Bildwerke 211 nr. 124; BLM Karlsruhe Inventar C, Bd. 2, nr. 9176.
  2. Freundliche Auskunft von Frau Dr. Herrbach-Schmitt, Badisches Landesmuseum Karlsruhe, vom 1.7.2003.
  3. AH, vol. 31, 14f. nr. 9 (Hymnus „De Sanctissima Trinitate et Sacramento Altaris“, hier Strophe 20).
  4. Beginn einer Ambrosianischen Hymnenstrophe.
  5. Vgl. nr. 161.
  6. Vgl. zur bisherigen Datierung der Figurengruppe Die mittelalterlichen Bildwerke 211 nr. 124 (Ende 15. Jh.).
  7. Vgl. auch zu den folgenden Angaben Stadtkreis Baden-Baden 166; Kdm. Rastatt 335.

Nachweise

  1. Hans-Leopold Zollner, Rastatt mit Schloß Favorite, Karlsruhe 1979, 80 (Abb.).
  2. Die mittelalterlichen Bildwerke 211f. nr. 124 (Abb. 124).

Zitierhinweis:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 164 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di078h017k0016401.