Inschriftenkatalog: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 78: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt (2009)

Nr. 91 Baden-Baden-Lichtental, Kloster Lichtenthal um 1460–1471, 16. Jh.?

Beschreibung

Pacificale. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals im Besitz des Klosters Lichtenthal bezeugt; Zeit und Umstände des Erwerbs unbekannt.1 Silber, gegossen, getrieben, graviert, ziseliert, teilvergoldet, teilweise emailliert und mit Steinen besetzt. Die runde Kapsel umgibt ein Kranz aus drei tordierten Stegen und dazwischen eingelassenem Blattrankenwerk. Letzteres teilweise erneuert.2 Es ist mit mehreren Blüten ausgestattet, die noch Reste von blauem Email zeigen. Zwischen dem mittleren und dem vorderen Steg zusätzlich farbige Edelsteine in gekniffenen Kastenfassungen. Auf der oberen der beiden tellerförmigen Seitenflächen die gegossene Darstellung des Jüngsten Gerichts.3 Der Weltenrichter thront auf einem Regenbogen, hat die Arme weit ausgebreitet und hält die Rechte im Segensgestus. Sein Haupt ist mit Schwert und Lilie hinterlegt. Ihn flankieren Maria und Johannes der Täufer in kniendem Betgestus. Im unteren Bildfeld drei geöffnete Gräber. Links davon führt Petrus drei Selige ins Paradies, rechts verschwinden drei Verdammte im Höllenrachen. Die Unterseite der Kapsel als verschließbarer Deckel gearbeitet. Auf dessen Außenfläche die fein gravierte Darstellung des Schiffes der hl. Ursula mit den 11000 Märtyrerinnen unter bestirntem Himmel. In ihrer Gefolgschaft befinden sich u. a. ein Papst und ein Bischof; eine der Begleiterinnen ist bereits tödlich von einem Pfeil getroffen. Die hl. Ursula selbst steht bekrönt und nimbiert im Zentrum vor dem Mastbaum. Auf dem schrägen Deckelrand die rechts vom Verschluß einsetzende und umlaufend eingravierte Stifterinschrift (A). Auf der Deckelinnenseite die jüngere, flach eingeritzte Gewichtsangabe (B).4 Im Inneren der Kapsel ein ovales Reliquienbehältnis des 19. Jahrhunderts5 mit Reliquien der Zwölf Apostel, ausgewiesen durch Schedulae mit den entsprechenden Namenbeischriften.6

Maße: H. 3,5, Dm. 11,5, Bu. 0,3 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A), Gotische Kursive (B).

DI 78, Nr. 091 - Baden-Baden-Lichtental, Kloster Lichtenthal - um 1460-1471, 16. Jh.?

 Heidelberger Akademie der Wissenschaften; Zisterzienserinnenabtei Lichtenthal, Baden-Baden [1/4]

  1. A

    dises · patze(m)a) · hat lavsenb) · machen · frow · adelhait · von · hewe(n) · geborne · grefin //c) zvod) · eberstain · vnd · frow · bechtae) · grefin · von · svltz · geborn · von · hewen ·

  2. B

    i ɉf) marck / iij lot j q(uentchen)

Kommentar

Die Buchstabenbestandteile sind in (A) breit ausgehoben und an den Enden häufig gespalten. Die Brechungen wurden durch spitze Dornen betont. Der untere Bogen des g ist lediglich als Balken ausgeführt; am oberen Schaftabschnitt setzt rechts ein kurzer waagerechter Zierstrich an. Der Bogen des h endet in einem Zierhäkchen. Die Fahne des r ist unten mit einem hakenförmigen Zierstrich ausgestattet. Das Bogen-s wurde retrograd wiedergegeben. Als Worttrenner dienen Quadrangel auf halber Zeilenhöhe.

Bei den inschriftlich bezeugten Stifterinnen des Pacificale handelt es sich um Mutter und Tochter. Adelheid war die Tochter Graf Bernhards von Eberstein und die Gattin Friedrichs von Hewen, des bischöflich konstanzischen Obervogts in Bischofszell (heute Kanton Thurgau, CH).7 Sie starb am 18. Juli 1505, Friedrich bereits im Jahre 1471.8 Ihre um 1440 geborene Tochter Bertha von Hewen wurde dem Grafen Johann von Sulz, Hofrichter in Rottweil, zur Frau gegeben, der am 16. Dezember 1484 verschied.9 Der älteste urkundliche Beleg für diese Ehe stammt vom 15. März 1470.10 Da die Heirat aus Altersgründen frühestens wenige Jahre vor 1460 stattgefunden haben kann, andererseits in der Inschrift nichts darauf hindeutet, daß eine der beiden Frauen bereits Witwe gewesen wäre, läßt sich die Entstehungszeit des Pacificale grob auf die sechziger bzw. auf den Beginn der siebziger Jahre eingrenzen. Bezüglich des Herstellungsortes kommt vor allem die Konstanzer Werkstatt des Stephan Maignow in Frage, da in dessen Geschäftsbuch Mitglieder beider Familien als Kunden registriert sind.11 Auf welchem Wege die Arbeit später in das Kloster Lichtenthal gelangte, ist bisher nicht geklärt. Feststeht, daß der hl. Ursula in Lichtenthal bereits seit dem 13. Jahrhundert eine besondere Verehrung entgegengebracht wurde. So gehörte der Konvent der Straßburger Ursulabruderschaft an.12 Überdies zeigt auch ein Flügel des im Jahre 1496 gefertigten Nonnenchoraltars der Klosterkirche das Motiv des Ursulaschiffes.13

Textkritischer Apparat

  1. So für pacem. Lehnwort aus dem Lateinischen in der Bedeutung von Paxtafel bzw. Pacificale (> pax, Akk. Sg. pacem). Zur Etymologie s. a. Krieg v. Hochfelden, Geschichte 294.
  2. Oberschwäbische Form für lassen, vgl. Schwäb. Wb., Bd. 4, Sp. 1000.
  3. Unterbrechung des Textes durch das Deckelscharnier.
  4. Das o klein über das v geschrieben.
  5. So für Bertha. Zu dieser Nebenform vgl. Gottschald, Namenkunde 109.
  6. So für den Zahlenwert „anderthalb“. Das untere Ende des j ist nach links umgebogen und durchschneidet auf halber Höhe den Schaft.

Anmerkungen

  1. Vgl. GLA Karlsruhe 65/551, Herr, Materialien Eberstein, fol. 22v.
  2. Vgl. 750 Jahre Lichtenthal 250 nr. 81.
  3. Vgl. zu stilistisch verwandten Darstellungen, von denen jedoch keine die unmittelbare Vorlage bildet, Moser (wie unten) 71f.
  4. In 750 Jahre Lichtenthal 250 nr. 81 unzutreffend erst in das frühe 19. Jahrhundert datiert.
  5. Datierung nach Richter (wie unten) 366; 750 Jahre Lichtenthal 250 nr. 81.
  6. In dem Behältnis sind zwölf Spangen für die entsprechenden Reliquien eingefügt, die jedoch nicht mehr alle in der Halterung liegen. Auf den zwölf Schedulae, von denen nur noch elf sichtbar sind, finden sich folgende Aufschriften, vgl. RP Karlsruhe (Denkmalpflege), Photoarchiv, Neg.-nr. 7497: S(ancti) · Petri Ap(ostoli) // S(ancti) · Simon(is) Ap(ostoli) // S(ancti) · Matthiae Ap(ostoli) // S(ancti) · Pauli Ap(ostoli) // S(ancti) · Barth(olomaei) Ap(ostoli) // S(ancti) · Jac(obi) Mi(noris) Ap(ostoli) // S(ancti) · Jac(obi) Ma(ioris) Ap(ostoli) // S(ancti) · Andr(eae) Ap(ostoli) // S(ancti) · Thomae Ap(ostoli) // S(ancti) · Phil(ippi) Ap(ostoli) // S(ancti) · Thadd(aei) Ap(ostoli) // S(ancti) · Matthaei Ap(ostoli). S. a. 750 Jahre Lichtenthal 250 nr. 81.
  7. Vgl. Richter (wie unten) 366; 750 Jahre Lichtenthal 250 nr. 81. Die genealogischen Zusammenhänge in Europ. Stammtafeln NF, Bd. 12, Taf. 29, 97 offenbar unvollständig. Zu den Herren von Hewen allg. vgl. Wolfgang Sandermann, Die Herren von Hewen und ihre Herrschaft. Ein Beitrag zur politischen Geschichte des schwäbischen Adels (Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte 3), Freiburg i. Br. 1956, insbes. 89–98.
  8. Vgl. zum Tod Adelheids Europ. Stammtafeln NF, Bd. 12, Taf. 29; zum Sterbejahr Friedrichs vgl. Rolf Köhn, Der Hegauer Bundschuh (Oktober 1460) – ein Aufstandsversuch in der Herrschaft Hewen gegen die Grafen von Lupfen, in: ZGO 139 NF 99 (1990) 99–141, hier 135.
  9. Vgl. Europ. Stammtafeln NF, Bd. 12, Taf. 97, 99. Zum Geburtsdatum Berthas vgl. 750 Jahre Lichtenthal 250 nr. 81.
  10. Vgl. SpGORh Nachträge (wie unten).
  11. Vgl. Richter (wie unten) 366; zu Stephan Maignows Geschäftsbuch vgl. Gold und Silber aus Konstanz. Meisterwerke der Goldschmiedekunst des 13.–18. Jahrhunderts, Ausstellung im Rosgartenmuseum Konstanz 3. August – 29. September 1985, bearb. v. Elisabeth von Gleichenstein u. Christoph A. Graf Douglas, Konstanz 1985, 182 nr. 130.
  12. Vgl. SpMAORh, T. 1, 236 nr. 134; 750 Jahre Lichtenthal 251 nr. 81; Bauer, Frauenkloster Lichtenthal 294 Anm. 1.
  13. Vgl. nr. 127.

Nachweise

  1. GLA Karlsruhe 65/551, Herr, Materialien Eberstein, fol. 22v.
  2. Georg Heinrich Krieg von Hochfelden, Über eine alte Reliquienkapsel, in: Anzeiger für die Kunde des deutschen Mittelalters 3 (1834) Sp. 209f., hier Sp. 210.
  3. Krieg v. Hochfelden, Geschichte 294.
  4. RP Karlsruhe (Denkmalpflege), Photoarchiv, Neg.-nrr. 7498, 0921, 0922, 08759, 08760.
  5. GLA Karlsruhe N Mone 109, Mone, Aufzeichnungen Oosthal, fol. 9v (erw.).
  6. Kdm. Baden-Baden 485f., 487f. (Abb. 392f.).
  7. Ludwig Moser, Der Goldschmied Paul Schongauer und seine Werke, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 11 (1950) H. 1, 65–106, hier 71.
  8. StdtA Gernsbach o. Sig., Langenbach, Ortschronik Gernsbach, Bd. 1, fol. 198r.
  9. Fritz, Gestochene Bilder 53 (Abb. 31), 501 nr. 417.
  10. KA Lichtenthal o. Sig., Bauer, Inventar, Bd. 9: Silber-, Gold-, Metallarbeiten, fol. 2r–3r (Abb.).
  11. SpGORh 246f. nr. 203 (Abb. 182).
  12. SpGORh Nachträge 168 nr. 203 (unvollst.).
  13. Zehnder, Sankt Ursula 139 (erw.), 142 (Abb.).
  14. Fritz, Goldschmiedekunst 281 nr. 683, 343 nr. 68.
  15. 750 Jahre Lichtenthal 250f. nr. 81 (Abb.).
  16. KA Lichtenthal o. Sig., Krupp, Inventar, Bd.: Sakristei, vasa sacra 3, Wettersegen, Pax-Tafel, Agnus Dei, Reliquienbilder, o. S. (Abb.).
  17. SpMAORh, T. 1, 236f. nr. 134 (Abb. 134b).
  18. Thomas Richter, Paxtafeln und Pacificalia. Studien zu Form, Ikonographie und liturgischem Gebrauch, Weimar 2003, 365f., 654 (Abb. 69).

Zitierhinweis:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 91 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di078h017k0009107.