Inschriftenkatalog: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 78: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt (2009)

Nr. 19 Baden-Baden-Lichtental, Kloster Lichtenthal, Fürstenkapelle 1335?

Beschreibung

Grabplatte für Markgraf Rudolf Hesso von Baden. In der Mitte des Kapellenschiffes im Boden.1 Rötlicher Sandstein. Im Zentrum des Binnenfeldes etwas links der Längsachse ein vertieft reliefierter Wappenschild; darunter anscheinend ein großes, nachträglich flach in den Stein geritztes C mit Sporen.2 Im unteren Viertel die auf dem Kopf stehende römische Zahl VII. nach Franz Josef Herrs Numerierungssystem.3 Am Rand der oben links einsetzende und umlaufend eingemeißelte Sterbevermerk zwischen zwei begleitenden Ritzlinien. Die obere Rahmenleiste heute durch den Fuß eines Weihwasserbeckens teilweise verdeckt. Die Oberfläche weist zahlreiche schadhafte Stellen und tiefe Kerben auf, die vom Steinmetzen beim Einmeißeln der Inschrift teilweise berücksichtigt wurden.

Maße: H. 319, B. 122, Bu. 8,5–9,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

DI 78, Nr. 019 - Baden-Baden-Lichtental, Kloster Lichtenthal, Fürstenkapelle - 1335?

 Heidelberger Akademie der Wissenschaften; Zisterzienserinnenabtei Lichtenthal, Baden-Baden [1/2]

  1. + ANNO · D(OMI)NIa) · M · CCC° / · XXX° Ub) · O(BIIT) · ILLUSTRISc) · RUDOLFUSd) · HESSO · MACH/IOe) · DE · BADENf) · / IN · OCTAUAg) · S(AN)C(T)Ih) · LAURENCIIg) · MART(YRI)Si)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1335 starb der durchlauchte Rudolf Hesso Markgraf von Baden am achten Tag nach dem Fest des heiligen Märtyrers Laurentius.

Datum: 17. August 1335.

Wappen:
Baden.4

Kommentar

Die größtenteils merkwürdig ungelenk geschlagenen Buchstaben weisen einen deutlichen Wechsel zwischen überwiegend flach eingemeißelten, nahezu nur geritzten Kerben und stärkeren Vertiefungen auf, die vor allem die Balken von A und E sowie den Mittelteil des S stärker hervorheben.5 Bogenschwellungen sind nur geringfügig ausgeprägt. An unzialen bzw. runden Buchstaben erscheinen A, E, H, das teils symmetrische, teils beiderseits geschlossene M, N, T und U. Der obere Abschnitt des geschwungenen linken Schrägschafts des A liegt waagerecht und ist bisweilen gebrochen. In OCTAUA enden die Balken beider A jeweils kurz vor dem linken, nach links durchgebogenen Schrägschaft und sind mit einem Sporn ausgestattet. E, C und U haben nur manchmal einen Abschluß- bzw. Deckstrich.6 Der Bogen des H setzt weit oben am Schaft an. Als Worttrenner dienen Punkte auf halber Zeilenhöhe.

Neben der geringen Schriftqualität irritieren auf der Grabplatte noch weitere Beobachtungen, wie z. B. eine Oberflächenkerbe, die vom Steinmetzen durch ein größeres Spatium bereits berücksichtigt wurde.7 Fragwürdig bleibt auch, warum die Platte vor ihrer Beschriftung keine ausreichende Glättung erfuhr, warum das Wappen nicht genau in die Mitte gesetzt wurde oder weshalb man es bei der fehlerhaften Form MACHIO statt MARCHIO beließ. Solche Nachlässigkeiten erstaunen um so mehr, als die etwa zeitgleichen Grabplatten für Johann III. von Lichtenberg oder Markgraf Friedrich II. von Baden von ungleich höherer Qualität sind.8 Hinzu kommt, daß das Epitheton ILLUSTRIS in der frühesten Überlieferung fehlt und in der Tat für das 14. Jahrhundert noch ungewöhnlich ist,9 obschon das Lichtenthaler Grabmal für Rudolf IV. von Baden dafür einen ähnlich frühen Beleg bietet.10 Ebenso ungelenke, wenn auch nicht identische Buchstabenformen bieten die Grabschriften für Graf Berthold von Straßberg und für Markgraf Rudolf III. von Baden.11 Möglicherweise wurden diese Inschriften nachträglich von einem nur unzureichend befähigten Steinmetzen nach dem Vorbild des Originals neu geschlagen. Aufgrund des hier verwendeten Epithetons ILLUSTRIS, das in der frühesten Überlieferung nicht erscheint und vermutlich erst bei der Erstellung der Kopie eingefügt wurde, ließe sich der Vorgang auf die Zeit zwischen 1660, dem Todesjahr des Jesuitenpaters und Chronisten Philipp Fehnle, und etwa 1732, dem Beginn von Glyckhers Aufzeichnungen, eingrenzen.12 Die Übertragung müßte dann während der Erneuerung der Fürstenkapelle unter Äbtissin Agnes Polentar (1720–26) geschehen sein, als vor allem der Fußboden erneuert wurde.13 Leider fehlt dafür bislang jeglicher Nachweis. Formular und Inhalt des Textes scheinen dabei bis auf ILLUSTRIS unverändert übernommen worden zu sein, denn die Grabplatte überliefert im Gegensatz zu den Nekrologen14 und Fehnles Chronik15 das korrekte Todesjahr 1335. Aus einer Urkunde vom 19. Juli 1335 geht hervor, daß Rudolf Hesso von Baden zu diesem Zeitpunkt noch gelebt haben muß.16 Er war der Sohn Markgraf Hessos I. von Baden von dessen dritter Gemahlin Adelheid von Rieneck.17 Seine Ehe mit Johanna von Burgund ist erstmals 1326 bezeugt.17

Textkritischer Apparat

  1. ANNO · D(OMI)NI] Heute durch den Fuß des Weihwasserbeckens verdeckt. Ergänzung nach Photo der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Forschungsstelle Dt. Inschriften (wie unten).
  2. M · CCC° /· XXX° U] Die Ablativendung über dem zweiten C bzw. dem zweiten X; das U oben mit Deckstrich. MCCCXXXII BLB Karlsruhe K 526, Fehnle, Serenissimorum (…) progenitores; MCCCXXXJJ GLA Karlsruhe 65/10, Fehnle, Serenissimorum (…) progenitores; MCCCXXXII. Fehnle, Austriacorum (…) familia.
  3. Die Cauda des R beschädigt. Fehlt in Fehnle, Serenissimorum (…) progenitores, Fehnle, Austriacorum (…) familia, Glyckher.
  4. Die ersten drei Buchstaben stark beschädigt. Das erste U anscheinend oben mit Deckstrich.
  5. So statt MARCH/IO. Vor dem M ein größeres Spatium wegen einer tiefen Kerbe im Stein.
  6. Die Buchstaben AD stark beschädigt.
  7. Das U oben mit Deckstrich.
  8. Die Bögen des S vollständig geschlossen, der Mittelteil als waagerechter Balken ausgeführt. Der untere Sporn des I ist nach links weit verlängert und berührt den unteren Sporn des C. Rechts über dem C ein waagerechter Kürzungsstrich oberhalb der Zeilenlinie. Beati Glyckher, GLA Karlsruhe 47/37, Herr, GLA Karlsruhe Hfk-Hs nr. 510, Herr, Grundriß Fürstenkapelle; b(eati) Schoepflinus.
  9. Das S kleiner ausgeführt und rechts oberhalb des T über die Zeilenbegrenzungslinie gesetzt.

Anmerkungen

  1. Vgl. zur Lokalisierung GLA Karlsruhe G Lichtenthal nr. 2, Grundriß Fürstenkapelle (wie unten).
  2. Befund unsicher, könnte auch eine halbovale Beschädigung der Oberfläche sein.
  3. Zu F. J. Herrs Numerierung der Lichtenthaler Grabmäler 1803/04 vgl. GLA Karlsruhe 47/37, Herr, Beschreibung Lichtenthal 5.
  4. Linksgewendet.
  5. Vgl. das ähnlich gestaltete S in nr. 11.
  6. Vgl. das ähnlich gestaltete U auf dem Grabmal für Bischof Günther von Speyer in DI 22 (Enzkreis) nr. 11 (Abb. 5).
  7. Vgl. Anm. e.
  8. Vgl. nrr. 13, 18.
  9. Vgl. die frühesten zuverlässigen Belege für die Verwendung von „illustris“ als Epitheton in Inschriften der näheren Umgebung in DI 20 (Karlsruhe) nr. 201 (1554); DI 22 (Enzkreis) nr. 262 (1588); DI 30 (Calw) nr. 85 (vor 1431); DI 57 (Pforzheim) nr. 129 (1538). Siehe dazu auch DI 37 (Rems-Murr-Kreis) XXXII Anm. 100.
  10. Vgl. nr. 25.
  11. Vgl. nrr. 11, 17.
  12. Vgl. BLB Karlsruhe K 526, Fehnle, Serenissimorum (…) progenitores; KA Lichtenthal o. Sig., Glyckher. Zur Datierung der Handschriften siehe Einl. Kap. 3.1, XL und Kap. 3.3, XLVIII.
  13. Vgl. Herr, Kloster Lichtenthal 25; Stober, Denkmalpflege 120.
  14. Vgl. GLA Karlsruhe 64/47, Nekrolog Lichtenthal III, fol. 16r: „Octava Sancti Laurentij Martyris Anno domini M° ccc° xxx° iii Obiit Dominus Rudolfus marchio dictus Hesse.“ Diese Angabe beruht vermutlich auf einer Fehlinterpretation des Sterbevermerks im älteren Totenbuch, vgl. GLA Karlsruhe 64/19, Nekrolog Lichtenthal I, fol. 112v: „Anno domini M° ccc° xxx° primo obiit Jllustris Rudolfus marchio de Baden (…). Sequenti anno obiit Jllustris Fridericus Marchio de baden (…). Jtem in tercio anno obijt Jllustris Rudolfus marchio de baden dictus Hesse in octaua sancti laurentij Martyris post obitum domini Friderici marchionis.“ Gemeint war offensichtlich das dritte Jahr nach dem Tode Markgraf Friedrichs und nicht Markgraf Rudolfs, vgl. dazu RMB, Bd. 1, nr. 941; s. a. Chronik v. Lichtenthal 193.
  15. Vgl. Anm. b.
  16. Vgl. RMB, Bd. 1, nr. 939; s. a. nr. 935.
  17. Vgl. Schwennicke, Europ. Stammtafeln NF, Bd. 1.2, Taf. 266. Zur Biographie Markgraf Rudolf Hessos vgl. Weech, Badische Geschichte 28f.; Sachs, Einleitung, T. 2, 59–68; Schoepflinus, Historia, tom. 2, 23–26; BLB Karlsruhe K 526, Fehnle, Serenissimorum (…) progenitores, fol. 35v.

Nachweise

  1. BLB Karlsruhe K 526, Fehnle, Serenissimorum (…) progenitores, fol. 35v.
  2. BLB Karlsruhe D 162, Fehnle, Austriacorum (…) familia, fol. 279v.
  3. GLA Karlsruhe 65/10, Fehnle, Serenissimorum (…) progenitores, fol. 127r.
  4. KA Lichtenthal o. Sig., Glyckher, Chronik 93.
  5. Schoepflinus, Historia, tom. 2, 25 (erw.).
  6. Sachs, Einleitung, T. 2, 65.
  7. GLA Karlsruhe 47/37, Herr, Beschreibung Lichtenthal 26 nr. VII.
  8. GLA Karlsruhe Hfk-Hs nr. 510, Herr, Begräbnisse Lichtenthal, fol. 15r.
  9. GLA Karlsruhe G Lichtenthal nr. 2, Grundriß Fürstenkapelle nr. VII, abgedr. in Kdm. Baden-Baden 515 (Abb. 421).
  10. Herr, Kloster Lichtenthal 45.
  11. Gutgesell, Kloster Lichtenthal 68.
  12. RMB, Bd. 1, nr. 941 (erw.).
  13. Bauer, Frauenkloster Lichtenthal 313.
  14. Deodata, Frauenkloster Lichtental 203.
  15. Kdm. Baden-Baden 511f. nr. VII.
  16. Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Forschungsstelle Dt. Inschriften, Photoarchiv, Photo nr. 4892 v. Dr. Helmut Hartmann, Bechtheim.

Zitierhinweis:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 19 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di078h017k0001908.