Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen Dom (1992)

Nr. 35 Dom, Schatzkammer vor 1220–1238

Beschreibung

Marienschrein. Holzkern, mit vergoldetem Silberblech und Rotkupfer beschlagen. Aachener Werkstatt. Der Schrein hat die Form einer einschiffigen Kirche mit kurzem Querschiff in der Mitte. Die Langseiten zeigen unter Dreiecksgiebeln jeweils sechs Apostelfiguren. Thaddäus ist doppelt dargestellt, Jakobus d.J. und Thomas fehlen. Johannes und Matthäus halten ein aufgeschlagenes Buch auf dem Schoß, das in Niello die ersten Worte des jeweiligen Evangeliums trägt. An den Giebeln der Stirnseiten thronen unter vorgelegten Kleeblattbögen Christus und Papst Leo III., vor den Querschiffgiebeln Maria mit dem Kinde und Karl d. Gr. mit einem (nachträglich hinzugefügten) Münstermodell. Die heutige Anordnung entspricht wohl nicht dem originalen Zustand, da Christus und Maria bzw. Karl und Leo an jeweils gegenüberliegenden Seiten zu erwarten wären. Alle Figuren sind durch Beischriften bezeichnet, die am Rande der Giebel bzw. Kleeblattbögen auf silbervergoldeten Streifen angebracht sind. Die nur fragmentarisch erhaltene Marieninschrift (G) befindet sich nicht mehr am ursprünglichen Platz, sondern ist auf den Nimbus montiert. Unter der Figur Christi trägt eine Leiste am Sockel die Inschrift (S). Die Inschriften sind emailliert, wobei teilweise die Konturen der Buchstaben, teilweise der sie umgebende Grund ausgehoben und mit blauem Email ausgefüllt ist. Die Dachflächen zeigen in vertieften Feldern unter abgeflachten Kleeblattbögen Szenen aus dem Leben Christi in Treibarbeit: Verkündigung an Maria, Heimsuchung, Geburt, Josephs Traum, Bad des Kindes, Verkündigung an die Hirten, Anbetung der drei Könige, Darbringung im Tempel, Taufe Christi, Versuchung, Abendmahl, Gefangennahme, Pilatus und der Hohepriester, Geißelung, Kreuzigung, Kreuzabnahme, Grablegung. Zwei Verkündigungsengel halten ein herunterhängendes Spruchband mit getriebener Inschrift in der Hand (U und V). In den Bogenzwickeln gegossene Halbfiguren von Engeln. Der Schrein wird zur Zeit restauriert.

Maße: L. 184, B. 54, H. 95, Bu. 1,0 (S), 0,9 (A-F), 0,8 (Q, T), 0,7 (H-N, R), 0,6 (G), 0,5 (V), 0,4 cm (O, P, U).

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. Marienseite:

  2. A

    SANCTVS SIMON AP(OSTO)L(V)S

  3. B

    SANCTVS TADEVSa)

  4. C

    SANCTVS PETRVS

  5. D

    SANCTVS PAVLVS

  6. E

    SANCTVS ANDREAS

  7. F

    SANCTVS PHILIPPVS

  8. G

    [..........]E NATOb) PRECE CUNCTA REGENTEMc)VT REGAT ET SALVET NOSd) O [P]IAe) PO[.........]f)

    Karlsseite:

  9. H

    SANCTVS IOHNNESg) + EWANGELISTA

  10. I

    SANCTVSh) BARTHOLOMEVS APOSTOLVS

  11. K

    SANCTVS MATHIAS APOSTOLVS +

  12. L

    SANCTVS IACOBVS APOSTOLVS +

  13. M

    SANCTVS MATHEVS APOSTOLVS

  14. N

    SANCTVS THADEVS APOSTOLVS +

  15. O

    IN P/RINCI/PIO · ERAT / VERBVNg) ET · VERBV(M)i) / ERAT · APVTg) / DEVNg)1)

  16. P

    LIBER · GE/NERACIO/NIS · (IESV CHRISTI)k) / FILII DAVID / FILII · ABRA/HANl)2) ·

  17. Q

    [..........]m) MAGNIQ(V)I REGVAg) · GVBERNA(N)S ·MVNDI · REX · NERVITg) · SVP(ER)n) · OM(NE)S MAGN(VS)o) HABERI

    Giebelseite A (Christusseite):

  18. R

    + SOLUS AB ETERNO CREO CUNCTA CREATAp) GUBERNO PONTVS TERRA POLVS MICHI SVBDITUR HEC · REGO SOLVS3)

  19. S

    + SPES EGOq) LAPSORVM PAX IVSTISr) PENA REORVM

    Giebelseite C (Leoseite):

  20. T

    + ECCEs) · LEO · PAPA · CVI(VS) BENEDICTIO SACPAg)TEMPLVM · SACRAVIT QVODt) · KAROL(VS)u) · EDIFICAVITv)4)

    Auf den Dachseiten:

  21. U

    GLORIA I(N)w) / EXCELSIS / DEO · ET · I(N) ·5)

  22. V

    ANVNCIO · VOBIS · / GAVDIVM · MANGNV(M)g)6)

Übersetzung:

(G) ... durch (deine) Bitte den alles Lenkenden, daß er uns leite und bewahre, o Gütige, ...

(O) Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott.

(P) Buch der Abkunft Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.

(Q) ... der, Reiche regierend, als über alle erhabener König (dieser) Welt zu gelten verdiente.

(R) Von Ewigkeit erschaffe ich allein, ich regiere alles Erschaffene, mir unterworfen sind Meer, Erde und Himmel; ich lenke sie alle.

(S) Ich bin die Hoffnung der Gefallenen, Friede den Gerechten, Strafe den Schuldigen.

(T) Seht den Papst Leo, dessen heiliger Segen die Kirche weihte, die Karl erbaute.

(U) Ehre sei Gott in der Höhe und auf [Erden Friede].

(V) Ich verkündige euch große Freude.

Versmaß: Leoninische Hexameter (G?, Q?, R, S, T).

Kommentar

Die Arbeiten am Schrein wurden wohl nach der Fertigstellung des Karlsschreins (1215) begonnen. 1220 ordnete Friedrich II. an, daß ein Viertel der Einkünfte aus einem Opferstock vor dem Paradies für verschiedene Instandhaltungsarbeiten im Stifts- und Dombereich verwendet werden sollte, „quam diu capsa ad laudem beate virginis fabricatur“.7) Nach Beendigung der Arbeiten wurden die Reliquien aus einem Vorgängerschrein entnommen und am 19. März 1239 in den neuen Marienschrein übertragen.8) Der Schrein birgt vor allem die vier großen Heiligtümer des Aachener Reliquienschatzes: die Windeln und das Lendentuch Jesu, das Hemd Mariens sowie das Enthauptungstuch Johannes d. Täufers.

Die Goldschmiedearbeiten lassen zwei verschiedene Meisterhände erkennen. Während der ältere, „konservativere“ Meister (der vermutlich mit dem Meister des Widmungsreliefs vom Karlsschrein identisch ist) die Leo- und die Karlsseite sowie deren Dachflächen angefertigt hat, sind die Marien- und die Christusseite das Werk eines jüngeren Meisters.9)

Der paläographische Befund stimmt mit der stilistischen Analyse überein. Die Inschriften der Karls- und der Leoseite greifen mit Ausnahme des unzialen E weitgehend auf kapitale Formen zurück, nur in Einzelfällen wird H, K oder T einmal unzial verwendet. Auf Verzierungen und Schwellungen wird vollständig verzichtet. Weniger nüchtern erscheinen die Inschriften der Marien- und der Christusseite. Zwar sind auch die Buchstaben dieser beiden Seiten noch weitgehend kapital bestimmt, doch bieten sie einen etwas größeren Formenreichtum. Kapitale und unziale Formen des E, T und V wechseln ab. A erscheint pseudounzial, C einmal in eckiger Form. In der Inschrift (R) der Christusseite ist das unziale U dreimal seitenverkehrt ausgeführt. Die Bögen weisen starke Schwellungen auf, und die Hasten lassen z. T. eine Verbreiterung zu den Enden hin erkennen. Der Zwischenraum zwischen den Buchstaben ist durch Blattornamente ausgefüllt. Bei der Marieninschrift (G) fallen mehrere Ligaturen auf, eine davon reicht über das Wortende hinaus.

Der paläographische Vergleich zwischen dem Karls- und dem Marienschrein führt zu dem überraschenden Ergebnis, daß die Schriftformen des jüngeren Schreins insgesamt konservativer und weniger vielfältig sind als die des Karlsschreins.10) Allenfalls die Aposteltituli der Marienseite und die Christusinschrift (R) bilden eine Ausnahme. Variationen von Buchstabenformen innerhalb einer Inschrift beschränken sich auf die Giebelinschriften und sind auch dort nicht in großem Maße zu finden. Eine Reihe von Unzialbuchstaben, die der Karlsschrein bereits zeigt, sind für den Marienschrein gar nicht oder kaum verwendet worden. Das E ist auch beim Marienschrein in der Mehrzahl der Fälle noch nicht geschlossen. Insgesamt läßt sich also paläographisch für den Marienschrein keine Fortentwicklung, sondern eher ein Rückschritt gegenüber dem Karlsschrein feststellen. Es ist daher zweifelhaft, ob eine der Hände, die an den Inschriften des Karlsschreins beteiligt waren, auch an denen des Marienschreins mitgearbeitet hat. Dies ist umso unwahrscheinlicher, als selbst bei gleicher Grundform die Ausgestaltung eines Buchstabens an beiden Trägern z. T. sehr unterschiedlich ist, so beim pseudounzialen A.

Der Karlsschrein scheint also auch nicht als Vorlage für die Inschriften des Marienschreins gedient zu haben.

Der Vergleich mit anderen, in etwa gleichzeitigen Werken wie dem Kölner Dreikönigsschrein oder dem Burtscheider Vortragekreuz bestätigt den Eindruck, daß die Marienschreininschriften zum großen Teil aus einem konservativeren Formenbestand schöpfen.

Textkritischer Apparat

  1. APOSTOLVS add. KDM.
  2. [SOLLICITA REG]E(M) MAT .. Schervier; [SOLLICITA MENTEM] GNATO Bock, KDM; [SOLLICITA MENT]E GNATO Beissel; [SOLLICITA MENT]E GNAT Kraus; [QVAE GENETRIX REGIS] E NATO Arens.
  3. REGENTE Kraus.
  4. [QVI SVPER] add. Schervier, Bock, Beissel.
  5. O[MN]IA Schervier, Bock, Beissel, KDM.
  6. PO[LLET] Schervier, Bock, Beissel, KDM; PO[SCE POTENTEM] Arens.
  7. Sic!
  8. S. Beissel.
  9. VERBU Beissel.
  10. IHV XPI.
  11. Sic! GENERACIONIS ... ABRAHAN] GENER[....] ABRAHAN Kraus.
  12. [HIC KAROLVS MAGNVS] Schervier, Beissel, KDM; [KAROLVS HIC MAGNVS] Kraus, Bock; [KAROLVS ISTE FVIT] Arens.
  13. SVP Beissel.
  14. MAGNOS Schervier; MAGN Beissel.
  15. ET CVNCTA Schervier.
  16. om. Schervier.
  17. IUSTI Schervier, Beissel.
  18. ECCL Beissel.
  19. QOD Kraus, KDM.
  20. CAROLVS Schervier.
  21. EDFICARIT Arens.
  22. om. Kraus.

Anmerkungen

  1. Io. 1,1.
  2. Mt. 1,1.
  3. Der gleiche Text befindet sich am Remaklusschrein in Stablo (1263–1268). Vgl. De kunst van het Maasland II, S. 364.
  4. Ein gleichlautendes Distichon befand sich an der Westmauer der Marienkirche (vgl. Nr. 128).
  5. Lc. 2,14.
  6. Lc. 2,10.
  7. Meuthen, Aachener Urkunden, Nr. 67.
  8. Meuthen, Aachener Urkunden, Nr. 124.
  9. Vgl. Schnitzler, Goldschmiedeplastik, S. 89ff.
  10. Vgl. Nr. 34.

Nachweise

  1. Schervier, Münsterkirche, S. 32f. (G, Q, R, S, T).
  2. St. Beissel, Der Marienschrein des Aachener Münsters, ZAGV 5, 1883, S. 1–36 (26f., 30, 34f.) – Kraus II Nr. 487 (ohne H bis N).
  3. Bock, Pfalzkapelle S. 132ff. (G, Q, R, S, T).
  4. KDM 10, 1, S. 219.
  5. E. Arens, Zwei Inschriften am Marienschrein, ZAGV 47, 1925, 281–285 (G, Q).
  6. Schnitzler, Schatzkammer, Tf. 50–57.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen Dom, Nr. 35 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di031d001k0003503.