Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen Dom (1992)

Nr. 22 Dom, Schatzkammer nach 1024?

Beschreibung

Weihwassereimer aus Elfenbein. Auf den acht Seiten Reliefdarstellungen in zwei übereinander angeordneten Zonen. In der unteren Hälfte wachen Krieger in Rüstung mit Schild und Speer vor den Toren einer Stadtmauer. Die obere Bildzone präsentiert auf jeder Seite eine Figur zwischen zwei Säulen, um die ein Vorhang geschlungen ist. Drei der Figuren sind sitzend dargestellt: in der Mitte der tonsurierte Petrus, auf dem Schoß ein geöffnetes Buch und mit der rechten Hand den Segensgestus vollziehend; links von ihm der Kaiser mit Krone, Zepter und Reichsapfel, rechts der Papst mit Pallium und Tonsur. An sie schließen sich zu beiden Seiten jeweils ein Erzbischof und ein Bischof an. Die letzte der acht Seiten zeigt einen Abt.1) Den oberen Abschluß der Situla bildet ein Rankenfries mit Jagdszenen, unterbrochen durch zwei bärtige Masken als ursprüngliche Henkelansätze. Die Bildzonen werden eingerahmt von drei vertieften Streifen, auf die vergoldete, mit Edelsteinen besetzte Kupferbänder des 16. bis 18. Jh. aufmontiert sind.2) In die Trennstreifen zwischen der oberen und der unteren Bildzone, heute vom mittleren Metallband verdeckt, wurden die fragmentarischen Inschriften eingraviert. (A) unter der Figur des Petrus, (B) unter dem Kaiser.

Lesung nach Foto.3)

Maße: H. 17,7, Dm. 12,5 (oben), 9,5 (unten), Bu. 0,4 (A), 0,2 (B) cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

DI 31, Nr. 22 - Dom, Schatzkammer - nach 1024?

 LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland [1/1]

  1. A

    S(AN)C(TV)S

  2. B

    OTTO

Kommentar

Zwischen beiden Wörtern sind drei senkrechte Striche eingeritzt, die mehrfach als Zahl gedeutet wurden, so daß sich daraus die Lesung SANCTVS III OTTO ergab.4) Die Striche sind wegen ihrer sehr nachlässigen Ausführung jedoch zweifelsfrei als Probestriche zu deuten. SANCTVS und OTTO gehören außerdem sicherlich nicht zusammen. Beide befinden sich auf der linken Hälfte ihrer jeweiligen Eimerseite und sind damit klar voneinander getrennt. Zudem ist (B) in deutlich kleineren Buchstaben ausgeführt als (A). Vermutlich sollte (A) ursprünglich um den Namen des Heiligen, also zu SANCTVS PETRVS ergänzt werden. Für (B) ist eine geplante Hinzufügung des Titels und eventuell der Ordnungszahl anzunehmen. Schramm und Mütherich vermuten, daß die vertieften Streifen - ähnlich wie bei vergleichbaren Stücken5) – ursprünglich mit Inschriftenstreifen besetzt waren.6) Diese Annahme wird durch den erhaltenen inschriftlichen Bestand gestützt.

Vorwiegend aufgrund der Inschrift wurde die Situla lange Zeit einmütig in die Zeit Ottos III. datiert.7) Die jüngere Forschung kam aufgrund stilistischer und ikonographischer Vergleiche jedoch überzeugend zu einer Datierung in die Zeit der Kaiserherrschaft Heinrichs II.8) Trifft diese zeitliche Einordnung zu, so wird die Inschrift kaum vor dessen Tod im Jahre 1024 angebracht worden sein, da eine Identifizierung der Darstellung mit Otto zu Heinrichs Lebzeiten nicht anzunehmen ist. Eine Datierung der Inschrift nach paläographischen Kriterien ist angesichts des spärlichen und wenig signifikanten Buchstabenbestandes nicht möglich.

Anmerkungen

  1. Zur Deutung der Darstellungen vgl. vor allem Bock, Pfalzkapelle I, S. 65; Schramm, Bilder, S. 86f.; Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen II, Nr. 22; P. Skubiszewski, Ecclesia, Christianitas, Regnum et Sacerdotium dans l'art des Xe et XIe s. Idées et structures des images, Cahiers de civilisation médiévale 28/1, 1985, S. 133–180 (140ff.).
  2. Die Bänder waren 1863 durch Silberbänder ersetzt, unter Buchkremer aber wieder aufmontiert worden. Skubiszewski, S. 140 Anm. 46.
  3. Landschaftsverband Rheinland, Fotoarchiv. Das Foto ist veröffentlicht bei Buchkremer, Ambo, S. 107 Abb. 108.
  4. Bock, Pfalzkapelle; Kraus; Gaborit-Chopin. Bei Grimme, Domschatz, Deutung als Probestriche mit Fragezeichen. K. Hauck schließt aus dieser Lesart der Inschrift auf einen von den sächsischen Kaisern erhobenen Anspruch auf Geblütsheiligkeit (Geblütsheiligkeit, in: Liber floridus. Mittellat. Studien. FS Paul Lehmann, hrsg. v. B. Bischoff u. S. Brechter, St. Ottilien 1950, S. 187–240 (191)). Corbet weist im Zusammenhang mit der Situla-Inschrift darauf hin, daß „il ne peut guère s'agir que d'un titre évoquant la sainteté de la fonction impériale, aucune sainteté personnelle n'ayant jamais été attribuée à cet empereur“ (a. a. O.).
  5. So bei zwei Mailänder Weihwassereimern des ausgehenden 10. Jh., deren Inschriften in MGH Poetae V, S. 370f., ediert sind.
  6. Schramm/Mütherich, Denkmale, Nr. 105. Bock vermutet eine ursprüngliche Verzierung mit erhabenen, später abgearbeiteten Inschriften, doch gibt es weder an der Situla selbst noch aufgrund von Parallelbeispielen Hinweise auf die Richtigkeit seiner These.
  7. KDM; Bock, Pfalzkapelle; Schramm, Bilder; Schramm/Mütherich, Denkmale; Schnitzler, Schatzkammer I, Tf.–Bd. Nr. 37; Grimme, Domschatz.
  8. Goldschmidt, Elfenbeinskulpturen II; Gaborit-Chopin; Elbern, a. a. O. Letzterer schließt auch eine Datierung in die Regierungszeit Konrads II. (1024–1039) nicht aus.

Nachweise

  1. Buchkremer, Ambo, S. 107f. mit Abb. 108.
  2. Bock, Pfalzkapelle I, S. 65 Fig. XXX.
  3. KDM 10,1, S. 199f.
  4. Kraus II, Nr. 481.
  5. V. Elbern, Zum Verständnis und zur Datierung der Aachener Elfenbeinsitula, Das erste Jahrtausend, Textbd. 2, 1068–1079 (1072).
  6. Grimme, Domschatz, Nr. 26.
  7. P. Corbet, Les saints ottoniens (Beihefte der Francia 15, hrsg. v. Dt. Hist. Inst. Paris), Sigmaringen 1986, S. 42 Anm. 7.
  8. Schramm, Bilder, S. 86f.
  9. Gaborit-Chopin, S. 195f.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen Dom, Nr. 22 (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di031d001k0002206.