Inschriftenkatalog: Aachen (Dom)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 31: Aachen Dom (1992)

Nr. 11a† Dom, Innenraum des karolingischen Baues? 9. Jh.

Beschreibung

Stifter- und Meisterinschrift. Der Text ist lediglich in einer literarischen Sammelhandschrift vom Ende des 9. Jh. überliefert, in der er unter der Überschrift „infra capellam scriptum“ unmittelbar auf die Grabschrift Karls d. Gr. (vgl. Nr. 9) folgt. Die Inschrift wird nicht explizit auf Aachen bzw. die Marienkirche bezogen, doch sprechen Inhalt und Überlieferungszusammenhang für die Aachener Provenienz.

Wortlaut nach Wien, ÖNB, Cod. lat. 969.

  1. Insignem hanc dignitatis aulam Karolus caesar magnus instituit, egregius Odo magister explevit. Metensi fotus in urbe quiescit.

Übersetzung:

Diese durch Erhabenheit ausgezeichnete Halle hat der große Kaiser Karl errichtet; der vortreffliche Meister Odo hat sie ausgeführt. In der Stadt Metz ruht er wohl.

Kommentar

Die unklare Ortsangabe und der mehrdeutige Begriff aula erschweren eine Deutung der Inschrift. Bock übersetzt infra capellam scriptum wörtlich mit ‚unterhalb der Kirche‘ und gelangt zu der Überzeugung, daß sich der Text an dem südlich der Kirche gelegenen Nebengebäude befand1), in dem er den in den Quellen mehrfach erwähnten Lateran erkennen will.2) Bock schwebt bei seiner Interpretation der Ortsangabe offenbar ein Lageplan vor, bei dem die südlichen Gebäudeteile tatsächlich unterhalb der anderen dargestellt werden. Geht man jedoch davon aus, daß der Schreiber die Inschrift am Gebäude selbst gesehen hat, so verliert die Angabe ‚unterhalb der Kirche‘ ihren Sinn. Infra muß daher hier wohl im Sinne von ‚innerhalb‘ verstanden werden.3) Da die Inschrift sich offensichtlich auf das Gebäude bezog, an dem sie angebracht war, ist damit aber zugleich eine bestimmte Bedeutung des Wortes aula impliziert. Der Begriff aula ist für Bauten sowohl sakraler als auch profaner Natur belegt.4) Der Poeta Saxo wählt diese Bezeichnung mehrfach für die Aachener Pfalz5), die Annales regni Francorum hingegen beziehen sie auf die Marienkirche6). Die karolingische Inschrift im Oktogon (vgl. Nr. 6) bezeugt, daß in Aachen selbst unter der aula durchaus die Kirche verstanden wurde. Mithin ist anzunehmen, daß die Bauinschrift in der Marienkirche angebracht und auf diese bezogen war.

Der im Text genannte Odo ist quellenmäßig nicht faßbar. Bock identifiziert ihn mit dem gleichnamigen Abt von Stablo, doch ist eine gesicherte Zuweisung aufgrund der Häufigkeit des Namens nicht möglich. Für die These C. P. Bocks, der Text sei ursprünglich länger und zumindest in Teilen metrisch gewesen, gibt es zwar keine zwingenden Argumente, doch weist er tatsächlich auffällige Anklänge an eine metrische Gestaltung auf.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu die Einleitung.
  2. Bock, Bericht. So auch bei Kraus, a. a. O. Vgl. dazu aber Falkenstein, Lateran, S. 7.
  3. Vgl. Niermeyer, S. 534. Auch Faymonville (KDM) und Hohmann/Wentzel vermuten die Inschrift im Innern der Kirche; Kaemmerer bezieht die Ortsangabe konkreter auf das untere Geschoß.
  4. Vgl. Mlat. Wb. Bd. 1, Sp. 1236ff. Die dort angeführten Belege zeigen, daß aula sowohl für das jeweilige Gebäude als Ganzes (Palast, Kirche) als auch für einzelne Gebäudeteile (Halle, Vorhalle, Kirchenschiff) verwendet wurde.
  5. Poetae Saxonis annales de gestis Caroli magni imperatoris a. 771–814, MGH SS I, ed. G. H. Pertz, Hannover 1826, p. 254: „cumque regressus Aquisgrani rex esset in aula“. Vgl. ebd. p. 245, 252, 257.
  6. sanctae Dei genitricis basilicam, quam aulam vocant“. MGH SS rer. Germ. in usum schol., a. 829, p. 177,3. Die Bedeutung aula = ‚Kirche‘ wird auch bei Isidor von Sevilla überliefert (Etymologiarum sive originum libri XX, ed. W.M. Lindsay, Oxford 1911, XV 3,3. Vgl. M. Ditsche, Domus regia: Haus des Königs und Gotteshaus, RhVjBll. 36, 1972, S. 184–187).

Nachweise

  1. Wien, ÖNB Cod. lat. 969, fol. 55v.
  2. DomA, C.P. Bock, Bericht.
  3. Kraus II, Nr. 475.
  4. Einhard, Vita Karoli Magni, S. VII Anm. 1.
  5. KDM 10,1, S. 159.
  6. Hohmann/Wentzel, ‚Bauinschrift‘, RDK II, Sp. 36.
  7. Kaemmerer, Quellentexte, S. 38f.
  8. L. Falkenstein, Der „Lateran“ der karolingischen Pfalz zu Aachen (Kölner Historische Abhandlungen 13), Köln/Graz 1966, S. 7.

Zitierhinweis:
DI 31, Aachen Dom, Nr. 11a† (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di031d001k00011a4.