Die Inschriften des Aachener Doms

4. INSCHRIFTENTRÄGER

4.1. Grabschriften

4.1.1. Überlieferung

Im Verhältnis zu den bislang im Rahmen des Deutschen Inschriftenwerkes bearbeiteten Inschriftenbeständen machen die Grabinschriften sowohl des Domes wie auch des übrigen Aachener Stadtgebietes (vgl. DI Aachen/Stadt) nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des Gesamtbestandes aus. Mit 31 überlieferten Grabplatten und Epitaphien beläuft sich der Anteil der Inschriftenträger mit Inschriften des Totengedenkens im Dom auf lediglich 22 Prozent.188)

Das sagt jedoch wenig über die Zahl der ursprünglich vorhandenen Grabinschriften aus. Zum einen nämlich sind einige der heute noch im Bereich der Kirche befindlichen Grabplatten so abgetreten, daß sie auch keine noch so bruchstückhafte Lesung der Inschriften mehr erlauben. Zum anderen ist zu berücksichtigen, daß eine unbekannte, aber sicherlich nicht gering anzusetzende Zahl von Grabplatten und auch Epitaphien im Laufe der Jahrhunderte verlorengegangen sein wird, ohne zuvor abgeschrieben oder abgezeichnet worden zu sein. Hinweise darauf geben uns etwa testamentarische Erwähnungen bereits vorbereiteter Grabstätten von Stiftskanonikern wie der des Dechanten Johannes Schönrad, der „in sacello divi Nicolai ... in sepulchro ibidem per me preparato“ bestattet zu werden wünschte.189) An der Berücksichtigung dieser Verfügung des wenig später Verstorbenen kann wohl kaum gezweifelt werden, ohne daß sich die Grabstätte des Dechanten aber heute noch nachweisen ließe. Ebenfalls nicht mehr feststellbar sind Ort und Text des Epitaphs, das zum Gedenken an den Stiftskanoniker Leonard Priccard angefertigt wurde und dessen Existenz durch die Kapitelsprotokolle bezeugt wird.190)

Wenn also die Grabinschriften der Stiftskanoniker und selbst der Dignitäre nur zu einem – vermutlich geringeren – Teil überliefert sind, so gilt dies um so mehr für die Inschriften auf Gräbern von Laien, sofern diese überhaupt durch eine beschriftete Platte gekennzeichnet waren. Aus der Zeit bis 1656 hat sich nur die Grabplatte eines ritterlichen Laien erhalten, deren Fundort aber nicht mit dem Bestattungsort identisch ist (vgl. Nr. 69).191) Neben der wünschenswerten Dichte fehlt es auch an einer Kontinuität der Überlieferung. Auf jeweils nur eine Grabschrift des 9., 11. und 13. Jh. (wobei von der Inschrift des 13. nur eine Neuanfertigung des 14. Jh. erhalten ist, Nr. 36) folgen drei Grabschriften des 14., sieben des 15., zehn des 16. und sechs aus der ersten Hälfte des 17. Jh. Für das 10. und das 12. Jh. ist überhaupt keine Grabschrift belegt.192)

[Druckseite XXVII] Die insgesamt magere Überlieferung von Inschriften steht in deutlichem Gegensatz zur Vielzahl der Begräbnisstätten, die im Bereich der Marienkirche nachweisbar sind.

Südlich der Kirche auf dem heutigen Münsterplatz befand sich der Friedhof, auf dem die meisten Aachener Bürger beigesetzt wurden.193) Ein weiterer kleiner Friedhof bestand im 13. und 14. Jh. nordöstlich der Marienkirche.194) Auf dem Parvisch (parvisius) oder „kleinen Kirchhof“, dem heutigen Domhof westlich der Kirche, fanden begüterte Laien und niedere Geistliche die letzte Ruhe.195)

Neben diesen Friedhöfen innerhalb der Stiftsimmunität196) wurde der Kirchenraum selbst, besonders eine Reihe von Kapellen, für Beisetzungen genutzt. In der Allerseelenkapelle wurden nur Geistliche, in der Ägidiuskapelle auch Laien bestattet.197) Seit dem 13. Jh. dienten auch die meisten Kapellen des Atriums als Begräbnisstätte: Antonius-, Servatius-, Barbara- und Martinskapelle an der Südseite des Atriums wurden für Laien198), die Katharinakapelle an der nördlichen Seite für Laien und Kleriker, die Gregorkapelle nur für Kanoniker genutzt.199)

Im Jahre 1491 erhielt die Muttergottesbruderschaft gegen die jährliche Zahlung einer Geldsumme die Erlaubnis, ihre Toten unter der Annakapelle beizusetzen.200)

1910 wurden bei Ausgrabungen in der Vorhalle auch dort Spuren einer Bestattungstradition von der karolingischen bis in die Barockzeit festgestellt.201) Unter den freigelegten Grabanlagen befand sich die des Aachener Bürgermeisters Gerhard Chorus (Nr. 42). Das Grab Ottos III. kann aufgrund der Grabungsergebnisse in Verbindung mit den Angaben in den erzählenden Quellen im östlichen Teil des Umgangs vermutet werden (Nr. 18).202) Unsicher ist die Lage des Grabes Karls des Großen, die seit dem 19. Jh. in der Forschung kontrovers diskutiert wird (vgl. Nr. 9).

Zahlreiche Kanoniker des Marienstifts (vorwiegend Angehörige der hohen Stiftsgeistlichkeit) wurden vor bzw. in der Nikolauskapelle beigesetzt. Das mittlere Aachener Totenbuch, das wohl 1239 begonnen wurde und Einträge bis 1331 enthält,203) belegt 22 Bestattungen „ante Sanctum Nicolaum“.204) Nur Propst Gerhard von Nassau († 1311) wurde nach dieser Quelle „apud altare Sancti Nicolai“ begraben.205) Erst nach der Errichtung eines Kapellenneubaus in gotischem Stil in der zweiten Hälfte des 15. Jh.206) wurde es üblich, die Stiftsgeistlichen im Kapellenraum zu bestatten. Im Zuge des Neubaus der Nikolauskapelle wurden einige Grabplatten des 14. und 15. Jh. in deren Bodenbelag integriert (vgl. Nr. 36, 44, 45, 53, 55, 60),207) dabei aber teilweise zerstückelt und nicht oder falsch wieder zusammengesetzt.208)

[Druckseite XXVIII] Von den nur 31 Trägern mit Inschriften des Totengedenkens, die uns aus dem Dombereich überliefert sind, sind 25 erhalten.209) Mit Ausnahme der in der Taufkapelle aufgefundenen Platten handelt es sich dabei ausschließlich um die Kanonikergrabplatten und -epitaphien in der Nikolauskapelle.

Der Wunsch, in der Nikolauskapelle bestattet zu werden, bildet seit dem 16. Jh. einen festen, regelmäßig wiederkehrenden Bestandteil in den Testamenten der Stiftskanoniker.210) Nur wenige Kanoniker treffen eine andere211) oder gar keine Verfügung bzgl. ihres Begräbnisplatzes. Häufig beinhaltet das Testament genauere Angaben zur Lage oder Gestaltung der Grabstätte. So wünschte Adam de Pomerio († 1517), sein Grab im Eingang der Kapelle zu erhalten,212) Leonard Priccard († 1541)213) an einer gut sichtbaren Stelle in der Kapelle214). Rutger von Hoengen († 1588) wollte unter einer eigenen wappengeschmückten Platte bestattet werden, sofern dies ermöglicht werden könne.215) Dieser Zusatz deutet an, daß sich aus der Bestattungspraxis rasch ein Platzproblem ergab. Bereits im 16. Jh. soll der Boden der Nikolauskapelle vollkommen mit Grabplatten bedeckt gewesen sein.216) Es ist daher nicht überraschend, daß mehrere Stiftsherren testamentarisch ihre Beisetzung im Grab verwandter Kanoniker festlegten.217) So wurden im Grab des Arnold von Merode († 1487, vgl. Nr. 72) allein bis zum Ende des 16. Jh. mindestens vier Verwandte nachbestattet.218)

4.1.2. Gestaltung der Grabdenkmäler

Die Grabdenkmäler umfassen die Grabplatten und die Epitaphien, die nach Form und Funktion zu trennen sind. Erstere dienen als Deckplatte des Grabes und stehen daher mit diesem in einem unmittelbaren örtlichen Zusammenhang. Weniger eindeutig ist der Begriff ‚Epitaph‘, der in der Literatur- und in der Kunstwissenschaft mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt wird.219)Die neuere deutsche Epigraphik sieht das entscheidende Kriterium zur Definition des Epitaphs in dessen hauptsächlicher Funktion, die darin besteht, unabhängig vom Bestattungsort das Andenken an den Verstorbenen zu bewahren.220) Der Text, der an den Toten erinnert, wird häufig, aber nicht zwangsläufig durch eine bildliche Darstellung ergänzt.

DI 31, Nr. 36 - Dom, Nikolauskapelle - 1261 / 3. Viertel 14. Jh.
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 36, Abb. 1 | Dom, Grabplatte Helpricus (1261 / 3. Viertel 14. Jh.)

Die Grabplatten der Nikolauskapelle bilden einen in Material und Gestaltung homogenen Bestand. Sie bestehen fast ausnahmslos aus Blaustein, einem Kalkstein, der in den nahegelegenen Steinbrüchen der Abtei Kornelimünster gewonnen wurde.221) Nur die Grabplatte des Helpricus (Nr. 36) wurde aus Marmor angefertigt. Häufig sind die Ecken mit den vier Ahnenwappen des Verstorbenen besetzt, in einigen Fällen trägt zudem die Plattenmitte eine Kartusche mit seinem (Voll)Wappen. Die Inschrift läuft meist zwischen eingehauenen Linien im Uhrzeigersinn um den Rand der Platte. Nur wenige Platten tragen die Inschrift nicht umlaufend, sondern zeilenweise in der Mitte angeordnet (Nr. 105, 129, 106, 108). Bei zwei Grabplatten wurde die Umschrift nicht einfach in den Stein eingehauen, sondern aus einem eingetieften Band erhaben herausgearbeitet (Nr. 83, 124). Die Platte des Gottfried von Vlodorp (Nr. 57) trägt als einzige in der Mitte eine figürliche Darstellung in Form einer Ritzzeich-[Druckseite XXIX]-nung, die den Verstorbenen wiedergibt. Die in anderen Gegenden sehr beliebten bildlichen Darstellungen auf Grabplatten222) waren in Aachen, soweit es sich anhand des erhaltenen Materials feststellen läßt, weitgehend ungebräuchlich.223) In einige der Grabplatten war eine Metallplatte mit Inschrift und bildlicher Darstellung eingelegt. Von diesen hat sich lediglich die Platte vom Grab des Heinrich von Imbermonte erhalten (Nr. 61), während die Gestaltung der anderen Metallauflagen nur der nichtoriginalen Überlieferung entnommen werden kann (Nr. 42, 106, 108).

DI 31, Nr. 107 - Dom, Nikolauskapelle - 1559
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 107, Abb. 1 | Dom, Epitaph Johannes und Lambert Munten (1559)

Die Epitaphien lassen sich ihrer Gestaltung nach in zwei Gruppen unterteilen, die zugleich verschiedenen Entstehungsperioden entsprechen. Bis zum Ende des 16. Jh. wurden schlichte Metalltafeln gefertigt, die eine Inschrift mit einer bildlichen Darstellung verbinden,224) wobei der Raum, den der Text einnimmt, den Bildteil deutlich an Umfang überwiegt. Eines der vier erhaltenen Epitaphien dieser Art zeigt in der unteren Hälfte einen ausgestreckt liegenden, verwesenden Leichnam, dem ein an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens erinnernder Spruch beigegeben ist (Nr. 107). Die übrigen Tafeln (Nr. 72, 94, 109) tragen im oberen Teil eine szenische Darstellung mit der Muttergottes im Mittelpunkt, die von jeweils zwei Heiligen bzw. Engeln begleitet wird. Einer von diesen empfiehlt den vor ihr knienden Verstorbenen, der als Orant im Chormantel dargestellt ist.225) Während das obengenannte Epitaph das makabre Thema des „Erstarrten“226) und damit den Aspekt des körperlichen Verfalls nach dem Tode aufgreift, thematisieren die Szenen der drei anderen Tafeln das Weiterleben der Seele nach dem Tode. Unter der bildlichen Darstellung ist der Text der Inschrift zeilenweise angeordnet, die Buchstaben sind erhaben aus der Metallplatte herausgearbeitet.

Die Epitaphien sind Produkte der Aachener Metallindustrie, die ihre größte Blüte im 16. Jh. erlebte.227) Es mag nicht nur mit einem Wandel des Geschmacks, sondern auch mit dem Niedergang der Kupfer- und Messingindustrie zusammenhängen228), daß die Epitaphien des 17. Jh. nicht mehr aus Metall, sondern aus Stein bestehen (Nr. 115, 125, 132). Schon ihres größeren Ausmaßes und Gewichtes wegen sind sie fest in die Wand eingelassen. Die Relation zwischen Text und bildlicher Darstellung variiert bei den drei erhaltenen Stücken. Das Epitaph Tomberg (Nr. 125) trägt lediglich verschiedene Symbole der Vergänglichkeit sowie Attribute, die den Verstorbenen als Priester kennzeichnen. Auch der Text ist knapp gehalten und entspricht in Länge und Inhalt dem einer Grabplatte. Eine umfangreiche szenische Darstellung schmückt nur das Epitaph der Familie Brecht (Nr. 115), dessen obere Hälfte von einer Auferstehungsszene ausgefüllt wird. Bei den Epitaphien Brecht und Schrick (Nr. 132) wurde besonderer Wert darauf gelegt, den Text mit Hilfe wechselnder Zeilenlängen und Buchstabenhöhe optisch zu strukturieren. Alle drei Epitaphien tragen an den Seiten eine achtfache Ahnenprobe.

4.1.3. Form und Inhalt der Grabinschriften

Die überlieferten Grabinschriften des Aachener Domes sind durchweg in lateinischer Sprache229) und – mit Ausnahme eines Epitaphtextes (Nr. 115) – in Prosa abgefaßt.

Bei den Inschriften der Kanonikergrabplatten lassen sich zwei Aufbaumuster unterscheiden:

  1. Sterbedatum – Name des Verstorbenen – kirchliche Ämter – Fürbittformel,
  2. Grabbezeugung – Name des Verstorbenen – kirchliche Ämter – Sterbedatum – Fürbittformel.

Diese persönlichen Daten fanden auch Aufnahme in die Epitaphientexte, die stets das Todesdatum des Verstorbenen, dazu mehr oder weniger ausführlich seine kirchlichen Ämter und akademischen Grade, teilweise auch den Begräbnisort (Nr. 72, 107, 109) nennen und mit einer Fürbittformel schließen.

Das Todesdatum wird bis ins 16. Jh. hinein regelmäßig in der Form anno domini, Jahreszahl in lateinischen Ziffern, Monatsname und Monatstag überliefert.230) Lediglich die Grabschrift Karls des Großen trug die römische Tagesbezeichnung mit einer Indiktionsangabe (Nr. 9). Im 16. und 17. Jh. wird die bislang übliche Datierungsart im allgemeinen beibehalten, gelegentlich aber auch variiert und durch [Druckseite XXX] andere Formulierungen ergänzt. Neben der Formel anno domini werden anno Christi (Nr. 94, 132), anno a Christo nato (Nr. 109), anno a virgineo partu (Nr. 97) oder schlicht anno (Nr. 108) gewählt. Die Jahreszahl wird häufiger in arabischen Ziffern geschrieben (Nr. 74, 105–108, 125). Das Doppelepitaph des Johann und Jakob Brecht überliefert das Todesjahr der Verstorbenen in Form zweier Chronodistichen, die das Tagesdatum integrieren (Nr. 115). Auch das Sterbejahr des Albert Franz Schrick ist in Chronogrammform gefaßt (Nr. 132). Das Epitaph Schrick datiert besonders ausführlich, indem es den Sterbetag beider Stiftskanoniker zusätzlich zur üblichen Monats- und Tagesnennung231) jeweils durch die Angabe des Tagesheiligen bezeichnet.

Während das Ableben des Verstorbenen zumeist durch das einfache obiit angezeigt wird, wurden seit dem 16. Jh. gelegentlich dichterische Umschreibungen gewählt: rebus ab humanis exemtus (Nr. 94), fatis concesserunt (Nr. 106), obdormivit in Christo (Nr. 108), emigravit (Nr. 124) oder migravit pie ex hoc soeculo (Nr. 132).

Die Grabbezeugung ist meist recht knapp formuliert: hic iacet (vgl. Nr. 45) oder hic est sepultus (vgl. Nr. 74, 97, 105, 112, 120); in einigen Fällen gibt sie die Lage des Grabes genauer an (Nr. 106: sub hoc grandi lapide ... sepeliuntur; Nr. 108: ante hoc altare sepultum est). Das ist auch der Fall bei der verlorenen Grabschrift Karls des Großen (Nr. 9): Sub hoc conditorio situm est corpus....

Als Fürbittformel wurde am häufigsten (cuius anima) requiescat in pace gewählt (vgl. Nr. 36, 44, 57, 61, 74, 83, 97, 112). Im 16. Jh. wird die Sprache der Inschriften auf den Grabplatten variantenreicher, werden die Fürbitten ausführlicher.232) In einigen Fällen werden den Texten Bittsprüche ex persona des Verstorbenen hinzugefügt, die sich direkt an den Leser der Grabschrift wenden.233)

Wenn die Inschriften der Epitaphien auch inhaltliche und formularbezogene Gemeinsamkeiten mit denen der Grabplatten aufweisen, so unterscheiden sie sich von letzteren doch erheblich durch ihre Ausführlichkeit und weisen zugleich untereinander beachtliche Unterschiede auf.

Da das Gedenken an den Verstorbenen die eigentliche Funktion des Epitaphs darstellt, erhalten Vorzüge und Verdienste des Toten einen besonderen Stellenwert.234) Bei fünf von sieben erhaltenen Epitaphien des Aachener Domes beschränkt sich das Lob des Verstorbenen auf die typisierenden Epitheta venerabilis (Nr. 94, 107, 109), venerabilis, nobilis ac generosus (Nr. 72) oder reverendus et nobilis (Nr. 125). Diese Beiworte, die das ganze Mittelalter hindurch vielfach auf Kleriker bezogen wurden,235) blieben in Aachen auch im 16. und 17. Jh. geläufig. Weniger kurz faßt sich das Epitaph des Johann Brecht (Nr. 115), dessen panegyrischer Grundton mit der metrischen Form korrespondiert. Vor allem die vornehme Abkunft des (dem niederen Adel angehörenden) Verstorbenen wird hervorgehoben, der a praeclaris natalibus und nobilis ad multos ... avos sei.236) Von allen anderen Gedächtnisinschriften hebt sich die des Goswin Schrick hinsichtlich Inhalt und Ausführlichkeit der laus mortui ab (Nr. 132). Die eigenwillige Formulierung trägt weniger die Züge eines Lobes als die einer Charakterschilderung des Verstorbenen und bietet ein Höchstmaß an individueller Textgestaltung. So heißt es, Goswin Schrick habe den Stand des Kanonikers für gefährlich gehalten, sofern dieser nicht regelmäßig am Chordienst teilnehme und sich der Lektüre widme, und sei deshalb diesen Pflichten stets nachgekommen.237)

Die Funktion des Epitaphs beschränkt sich jedoch nicht in allen Fällen auf das Totengedächtnis. Zwei der Epitaphien beinhalten ausführliche Verfügungen zu Stiftungen des Verstorbenen (vgl. Nr. 72, 94). Der Sinn ihrer Aufnahme in die Gedächtnisinschrift liegt darin, diese Meß- und Altarstiftungen öffentlich zu machen und dadurch ihre Befolgung zu gewährleisten.238) Während die Grabschrift des Arnold von Merode (Nr. 72) dessen Stiftung lediglich in einem Satz erwähnt, machen die Erläuterungen zu den Dotationen des Kanonikers Johann Pollart den Großteil des recht umfangreichen Textes aus (Nr. 94). Die Inschrift verteilt sich auf zwei Metallplatten, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten hergestellt worden sind. Die erste, noch zu Pollarts Lebzeiten angefertigte Platte enthält [Druckseite XXXI] Informationen über eine Stiftung des Kanonikers, seinen Todestag sowie eine Fürbittformel. Ihr wurde – offenbar auf ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen – ein zweiter Teil hinzugefügt, der detaillierte Angaben zu einer weiteren Stiftung macht und wiederum mit einer Fürbitte abschließt. Die Ausführlichkeit und Genauigkeit der Angaben unterstreicht die rechtswahrende Funktion des Inschriftentextes.

Epitaphien bieten sich aufgrund ihrer äußeren Gestaltung und Anbringung wie auch aufgrund ihrer Funktion in stärkerem Maße als Grabplatten für eine freie künstlerische und sprachliche, ja literarische Gestaltung an. Der Bestand an Epitaphien im Aachener Dom ist allerdings zu gering, um sprachliche Entwicklungen festmachen zu können. Gleichwohl lassen sich aber in einigen Inschriften humanistische Einflüsse erkennen, die sich in Rückgriffen auf klassische Autoren, auf antikes Vokabular und Formular ausdrücken (vgl. Nr. 115, 132). Das trifft in besonderem Maße auf das Epitaph des Johannes Pollart zu, das neben der verbreiteten Formel Deo optimo maximo239) und dem weithin bekannten Ovid auch den weniger häufig gelesenen Quintilian rezipiert (Nr. 94).240)

4.2. Kirchenschatz

4.2.1. Reliquiare

Im Kirchenschatz der Marienkirche befinden sich insgesamt sechzehn Reliquienbehältnisse, die eine Inschrift tragen. Ihre Gestaltung reicht von der einfachen leinenen Stoffhülle (Nr. 2, 3, 12) und vom schmucklosen Holzkästchen (Nr. 4, 32) bis hin zu den reich ausgestalteten Schreinen des 12. und 13. Jh., die ein umfangreiches ikonographisches Programm erkennen lassen (Nr. 34, 35).

Dementsprechend vielfältig ist auch die äußere Gestaltung der Inschriften. Waren die Behältnisse lediglich zur Aufbewahrung der Reliquien, nicht aber zu deren Präsentation bestimmt, wurde die Inschrift einfach mit Tinte auf den Stoff oder das Holz geschrieben oder kunstlos in das Metall eingeschnitten (Nr. 16). Bei der Mehrzahl der Reliquiare handelt es sich jedoch um qualitätvolle Goldschmiedearbeiten, deren Inschriften kunstvoll getrieben, graviert oder in Email gearbeitet sind. Die Inschriften dienten dabei nicht nur der Informationsübermittlung, sondern zugleich der Ornamentierung. Besonders die emaillierten Inschriften fallen durch eine Vielzahl von Zierelementen und durch die Variation und Weiterentwicklung der Buchstabenformen auf.

Die Inschriften an Reliquiaren und Reliquienhüllen machen zumeist Angaben zum Inhalt, d. h. sie nennen die in dem entsprechenden Behältnis verwahrte(n) Reliquie(n), meist eingeleitet mit hic est bzw. hic sunt. Sie übernehmen damit die Formulierungen, die bereits für die frühchristlichen Reliquienauthentiken überliefert sind.241) Das gilt sowohl für die frühmittelalterlichen Reliquienhüllen aus Stoff und die schmucklosen kleinen Holzreliquiare als auch für die hoch- und spätmittelalterlichen Goldschmiedearbeiten.242)

DI 31, Nr. 34 - Dom, Chor - nach 1182-1215
 Domkapitel Aachen | Nr. 34, Abb. 2 | Dom, Karlsschrein (nach 1182-1215), Langseite D: Otto II.

Eine Ausnahme machen diesbezüglich die Stephansburse (Nr. 10), der Karls- und der Marienschrein (Nr. 34, 35), deren Inschriften sich nicht oder nicht ausschließlich auf die in ihnen aufbewahrten Reliquien beziehen. Die Beschriftung der beiden großen Schreine und des Armreliquiars orientiert sich vor allem an ihrem ikonographischen Programm. Den dargestellten Personen bzw. Heiligen sind Tituli243) beigegeben, die sich teilweise auf die bloße Nennung des Namens beschränken, teilweise aber auch in ausführlicheren Erläuterungen oder preisenden Versen abgefaßt sind.244) Auch die Umschriften der Dachreliefs am Karlsschrein, die die dargestellten Szenen erläutern, sind metrisch gefaßte Tituli.

Völlig aus dem Rahmen der übrigen Schreininschriften fällt hingegen die an den Langseiten des Karlsschreins angebrachte Urkundeninschrift, die einen Teil der Dispositio des unechten, aber von Friedrich I. bestätigten Privilegs Karls des Großen überliefert. Das ausgewählte Textstück betont die herausgehobene Stellung des Marienstiftes als „Vorort des Reiches“245), die von diesem auf die Stadt übertragen wurde.

[Druckseite XXXII]

4.2.2. Liturgisches Gerät
DI  31, Nr.  20 - Dom, Schatzkammer - um 1020
 Domkapitel Aachen | Nr. 20, Abb. 1 | Dom, goldener Buchdeckel (um 1020): Kreuzigung

Zum Schatz der Marienkirche gehört weiterhin eine Vielzahl liturgischer Gerätschaften, von denen einige ebenfalls mit Inschriften versehen sind. Die Inschriften lassen sich in drei Gruppen unterteilen:

  • Beischriften zu bildlichen Darstellungen. Dazu gehören die Inschriften auf den beiden Buchdeckeln (Nr. 20, 86), dem Weihwassereimer (Nr. 22), dem Lotharkreuz (Nr. 11), auf einem der Kelche (Nr. 130) und (in Form eines liturgischen Textes) auf einem Kreismedaillon (Nr. 60).
  • Der Kreuztitulus oder der Name Jesu ohne Bezug auf eine bildliche Darstellung. Es handelt sich um Inschriften am Schaft bzw. am Nodus von Kelchen und Ostensorien (Nr. 39, 40, 68, 79, 92).
  • Stifterinschriften an zwei Kelchen, auf oder unter dem Fuß umlaufend (Nr. 92, 130).

Unter dem Gesichtspunkt des Zusammenhangs zwischen Inschrift und Träger sind besonders zwei der ältesten und herausragenden Stücke des Domschatzes von Interesse, das Lotharkreuz (Nr. 11) und der elfenbeinerne Weihwassereimer (Nr. 22). Beide tragen eine Inschrift, deren Bezug nicht unumstritten, für die Deutung und Datierung der Stücke aber von großer Bedeutung ist. Die Darstellung des Siegelstempels am Lotharkreuz hat in letzter Zeit eine Umdeutung zur Stifterdarstellung erfahren. Seine Umschrift leistet daher einen wesentlichen Beitrag zur Datierung des Kreuzes und zur Identifizierung des Stifters.

Im Falle des Weihwassereimers ist es die ikonographische Untersuchung, die die frühere Datierung des Stückes korrigiert und zu dem Ergebnis geführt hat, daß der dargestellte Herrscher (vermutlich Heinrich II.) und die bezeichnete Person (Otto [III.?]) nicht identisch sind. Die Beischriften sind mehrfach ohne Berücksichtigung ihrer Anbringung am Träger interpretiert worden. Ihre falsche Lesung hat sogar zu der unhaltbaren These geführt, Otto III. habe für sich einen Anspruch auf („Geblüts-“ oder „Amts-“) „Heiligkeit“ erhoben.

Unter schriftgeschichtlichem Aspekt sind diese frühen Stücke weniger aufschlußreich, weil sie nur kurze Inschriften mit einem wenig aussagekräftigen Buchstabenbestand tragen. In dieser Hinsicht sind der Buchdeckel des Reichsevangeliars (Nr. 86) und ein vom Stiftskanoniker Johannes Pollart gestifteter Kelch (Nr. 92) mit ihren Inschriften in frühhumanistischer Kapitalis ergiebiger, zumal sie als Werke des Hans von Reutlingen Rückschlüsse auf dessen Inschriftenstil zulassen.

4.2.3. Paramente

Im Dombesitz befindet sich ein umfangreicher Bestand liturgischer Gewänder. Die Borten einiger der Kaseln, Chormäntel, Dalmatiken oder Stolen sind durch gestickte oder gewebte Inschriften geschmückt.

Die Arbeiten entstanden fast ausnahmslos in Köln, wo die Bortenweberei im 15. und zu Beginn des 16. Jh. eine Blütezeit erlebte.246) Eine Sonderstellung nimmt die sog. Cappa Leonis ein (Nr. 52). Wenn auch die früher angenommene Datierung ins 13. Jh. nicht haltbar ist, so ist der Chormantel doch das älteste Stück unter den mit Inschriften versehenen Paramenten und zudem besonders prächtig verarbeitet.

Auch die Paramenteninschriften lassen sich in verschiedene Typen unterteilen:

  • Kreuztituli (Nr. 70, 76, 77, 78, 116). Die Häufigkeit ihres Vorkommens hängt mit den zahlreichen Kreuzigungsdarstellungen insbesondere auf Kaselrückenkreuzen, aber auch auf Chormantelschilden zusammen.
  • Beischriften zu bildlichen Darstellungen. Neben der erwähnten Cappa Leonis (Nr. 52) trug auch eine Kasel mit Darstellung der Wurzel Jesse auf dem Rückenkreuz Beischriften, die die Namen der dargestellten Könige überlieferten.247) Die Namen, die in Spruchbänder eingestickt waren, sind heute aber völlig unleserlich.
  • Bittsprüche auf Spruchbändern zu Stifterdarstellungen (Nr. 84, 87).
  • Stifterinschriften (Nr. 62).

Neben den Gewändern selbst sind die Schließen, die als Gewandschmuck dienen, mit Darstellungen und Inschriften verziert. Die ungarischen Wappenschilde (Nr. 43) und eine Chormantelschließe mit einer Darstellung der Verkündigung (Nr. 48) sind bedeutende Werke der spätmittelalterlichen Goldschmiedekunst. Beide tragen in Email eingelegte Inschriften. Eine weitere Verkündigungsdarstellung befindet sich auf einer etwas jüngeren Schließe mit eingravierter Inschrift (Nr. 54).

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4.2.4. Ausstattungsstücke
DI 31, Nr. 19 - Dom, Chor - 1002 - 1014
 AWK NRW, Arbeitsstelle Inschriften | Nr. 19, Abb. 1 | Dom, Ambo Heinrichs II. (1002-1014)

Der Gesamteindruck des Kircheninnenraumes wird maßgeblich durch einige Objekte bestimmt, die zu den historisch und kunstgeschichtlich bedeutendsten Inschriftenträgern der Marienkirche gehören: der Pinienzapfen in der Domvorhalle (Nr. 13), die goldene Altartafel am (heutigen) Hauptaltar (Nr. 21), der Barbarossaleuchter im Oktogon (Nr. 28) sowie der Ambo Heinrichs II. (Nr. 19) – allesamt Werke der früh- und hochmittelalterlichen Goldschmiede- und Bronzekunst. Leuchter, Ambo und Pinienzapfen ragen auch hinsichtlich der paläographischen und philologischen Gestaltung ihrer Inschriften hervor. Die beiden letzteren tragen zweifellos die schönsten erhaltenen Aachener Kapitalisinschriften, wohingegen die Inschriften des Leuchters die große Formenvielfalt und den dekorativen Charakter der romanischen Majuskel bezeugen.

Alle drei Objekte tragen jeweils eine Stifterinschrift in leoninischen Hexametern und einen oder mehrere metrische Tituli.248) Ambo und Leuchter haben zudem noch Bibelzitate. Die Abfassung der Texte in Versform betont den feierlichen Charakter der Inschriften und entspricht ihrer sorgfältigen paläographischen Gestaltung.

4.3. Inschriften am Gebäude

Bereits im Zuge der Erbauung der Marienkirche wurde die künstlerische Ausgestaltung des Innenraumes in Angriff genommen. Einhard berichtet, daß unterhalb des Kranzgesimses im Oktogon eine Inschrift aufgemalt war, die allerdings schon kurz vor dem Tode Karls zu verblassen begann (Nr. 6).249) Restaurierungsarbeiten haben um 1870 Reste von Wandmalereien und Inschriften zu Tage gefördert, die teilweise als karolingisch, zum Teil als ottonisch beurteilt wurden (vgl. Nr. 7, 8, 14, 15).250) Alle Malereien sind heute durch die Marmorverkleidung verdeckt.251) Die Ausmalung der Kirche in ottonischer Zeit wird durch das Zeugnis erzählender Quellen bestätigt.252) Weitere Inschriften im Kircheninnenraum sind nicht durch Restaurierungsarbeiten, wohl aber durch die abschriftliche Überlieferung bezeugt (Nr. 6, 11a, 14).

Auch in spätmittelalterlicher Zeit wurden Bauteile der Marienkirche malerisch ausgestaltet, insbesondere der 1414 fertiggestellte gotische Chor.253) An seiner Südseite befand sich eine Malerei mit der Devise Kaiser Friedrichs III. (Nr. 71), die ebenso dem 15. Jh. angehört wie heute verdeckte Malereien mit Beischriften am Bogen zur Ungarischen Kapelle hin (Nr. 58) und ein Wappen mit Beischrift (Nr. 82), dessen Anbringungsort sich nicht mehr sicher feststellen läßt.

Zu den gemalten kommen die in den Stein eingehauenen Inschriften hinzu, so die Inschrift über der Wolfstür (Nr. 127), die Umbauarbeiten zum Opfer gefallen war, später aber erneut angebracht wurde. Wohl an der westlichen Außenmauer befand sich eine Beischrift zu einer bildlichen Darstellung, die an die angebliche Weihe der Marienkirche durch Papst Leo III. erinnerte (Nr. 128). Unbekannt sind die Ausführung und der genaue Anbringungsort einer Meister- und Stifterinschrift des 9. Jh. (Nr. 11a).

Die meisten Inschriften an Bauteilen der Marienkirche stehen bzw. standen also in Verbindung mit einer bildlichen Darstellung und sind insofern als Tituli zu bezeichnen (Nr. 7, 14?, 15, 58, 82, 128). Hinzu kommen das Epigramm im Oktogon (Nr. 6), ein Bibelzitat (Nr. 8), eine Meisterinschrift (Nr. 11a), ein Künstlerlob (Nr. 14B), ein Mahnspruch (Nr. 127) und eine Devise mit Renovierungsvermerk (Nr. 71). Diese inhaltlich orientierte Klassifizierung ist allerdings nicht ohne weiteres auf die Funktion der Inschriften übertragbar. So benennen die Wappenbeischriften an der Ungarischen Kapelle (Nr. 58 D–H) die Auftraggeber der Malerei und stellen somit zugleich Stifterinschriften dar, auch wenn dieser Zusammenhang zwischen Text und Darstellung nicht ausdrücklich betont wird. Des weiteren sagt die Bezeichnung eines Textes als Bibelzitat nichts über die Funktion der Inschrift aus, die im Fall der Pfeilerinschrift (Nr. 8) vermutlich lediglich in einer Maßstabsprobe bestand. Die Notwendigkeit, streng zwischen Inhalt und trägergebundener Funktion der Inschrift zu unterscheiden, tritt bei der recht heterogenen Gruppe der Inschriften am Gebäude besonders deutlich hervor.254)

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4.4. Glocken

Der gesamte alte Glockenbestand der Marienkirche ist heute verloren. Die drei großen Glocken sind im Stadtbrand 1656 untergegangen,255) und das aus dem 17. Jh. stammende Glockenspiel (Nr. 111, 133) wurde 1857 entfernt.

Die Marien- und die Johannesglocke (Nr. 99, 100) wurden im Jahre 1535 durch Johann (I.) von Trier gegossen. Er gehörte der gleichnamigen, in Aachen ansässigen Familie an, die zu den bedeutendsten Glockengießerfamilien des Rheinlandes zählt.256)

Alle Glockeninschriften sind in lateinischer Sprache abgefaßt, soweit sie nicht nur, wie die meisten Glocken des Glockenspiels, aus Namen bestehen. Der typische Glockenspruch, der die Glocke selbst in knapper Form ihren Namen, ihre Funktion, das Gußdatum und häufig auch den Gießer nennen läßt,257) findet sich nur auf der Karola-Glocke des 15. Jh. (Nr. 65). Die Inschriften der Johannes- und der Marienglocke aus dem 16. Jh. hingegen nehmen durch Länge und innere Form eine Ausnahmestellung nicht nur unter den Aachener Glockeninschriften ein. Die Johannesglocke (Nr. 100) trug einen hexametrischen und einen ungebundenen Text. Die Inschrift der Marienglocke (Nr. 99) besteht aus fünf elegischen Distichen und einer in Prosa abgefaßten Gießerinschrift. Der antikisierende Sprachgebrauch beider metrischer Inschriften weist auf die humanistische Prägung des Verfassers hin.

Die Spuren klassischer Bildung in den beiden Glockeninschriften, aber auch in einigen Epitaphien (vgl. oben S. XXXI) führen zu einer Gruppe von Stiftskanonikern um den Dechanten Johannes Schönrad, zu der sicher Leonard Priccard und wohl auch Johannes Pollart gehörten (vgl. Nr. 94). Sowohl für Schönrad als auch für Priccard sind persönliche und briefliche Kontakte zu Erasmus von Rotterdam bezeugt, und so werden sie dem Kreis seiner Aachener Anhänger zugerechnet.258)

Zitationshinweis:

DI 31, Aachen Dom, Einleitung, 4. Inschriftenträger (Helga Giersiepen), in: inschriften.net,  urn:nbn:de:0238-di031d001e009.

  1. Demgegenüber überliefern z. B. 119 von 320 Inschriftenträgern (= 37%) der Stadt Osnabrück und sogar 538 von 744 Trägern (= 72%) in Worms Grab- und Gedenkinschriften. Vgl. DI XXVI (Osnabrück), DI XXIX (Worms), Aufstellung S. XLI. »
  2. DomA VI. 4. 8 von 1548 März 20. »
  3. HStAD Aachen Marienstift Akten 11 d, f. 133; FAYMONVILLE, Dom, S. 316 Anm. 1. Vgl. Nr. 99»
  4. Die 1986 bei Grabungen in der Taufkapelle aufgefundenen Grabplatten wurden vermutlich im 17. oder 18. Jh. an ihren Fundort verbracht. Freundliche Mitteilung von Herrn W. M. Koch M.A., Rhein. Amt für Bodendenkmalpflege, Außenstelle Zülpich. »
  5. Der Helaciusstein des 5. Jh. (Nr. 1) und der Memorienstein der Minia aus dem 12. Jh. (Nr. 29) bleiben hier unberücksichtigt, da sie als Spolien im Mauerwerk verarbeitet wurden und ihre Herkunft aus dem Bereich der Kirche fraglich ist. »
  6. WINANDS, S. 126; TEICHMANN, Totenbuch, S. 14. »
  7. TEICHMANN, Totenbuch, S. 14f. Der Friedhof wird im mittleren Totenbuch als „cimiterium retro Sanctam Coronam“ bezeichnet, befand sich also wohl in der Nähe der Stelle, an der im Umgang der Corona-Altar stand, d. h. an der nordöstlichen Seite der Kirche. TEICHMANN vermutet, daß der Friedhof sich nicht auf den Bereich nördlich des karolingischen Altarbaus beschränkte, sondern diesen umfaßte. Die Eintragungen des Totenbuchs geben darauf aber keinen konkreten Hinweis. »
  8. WINANDS, S. 126; TEICHMANN, Totenbuch, S. 14. »
  9. Der Immunitätsbereich umfaßte neben der Kirche und den Stiftsgebäuden den heutigen Domhof, Klostergasse und Klosterplatz, den Münsterplatz sowie Teile des Fischmarktes und des Katschhofes (LICHIUS, Verfassung, S. 9; vgl. KAEMMERER, Geschichtliches Aachen, Karte nach S. 24). »
  10. WINANDS, S. 297; TEICHMANN, Totenbuch, S. 14. »
  11. WINANDS, S. 257f.; TEICHMANN, Totenbuch, S. 14. »
  12. WINANDS, S. 256; TEICHMANN, Totenbuch, S. 14. »
  13. HStAD Aachen Marienstift, U. 569 von 1491 Jan. 9; WINANDS, S. 126. Vgl. oben S. XVIIf. »
  14. M. BIRMANNS, Ritter Gerhard Chorus, Bürgermeister von Aachen, Aachen 1913, S. 61. L. HUGOT, Baugeschichtliches, S. 23. »
  15. TEICHMANN, Lage und Geschichte, S. 147. »
  16. TEICHMANN, Totenbuch, S. 34–37. TEICHMANN hielt das von ihm publizierte für das älteste Aachener Totenbuch, da ihm das Fragment eines früheren Totenbuches (UB Bonn Hs. S. 1559) zum Zeitpunkt seiner Edition noch unbekannt war (vgl. FALKENSTEIN, Entstehung, S. 54). »
  17. Ebd. Nr. 18, 30, 33, 46, 72, 108, 123, 125, 131, 138f., 141, 149, 173, 215, 262, 265, 268, 272, 278, 282, 355. Eine Urkunde erwähnt den Bereich „ante capellam<sancti Nycholai> in loco ubi prelatorum et canonicorum nostrorum corpora tumulantur“ (QUIX, Cod. dipl., S. 160 Nr. 21). »
  18. TEICHMANN, Totenbuch, Nr. 82. »
  19. Vgl. oben S. XVII. »
  20. FAYMONVILLE, Dom, S. 315. »
  21. Vgl. Nr. 36 und 44. Die Grabplatte des Johann van den Bremen ist die einzige Platte in der Nikolauskapelle, die nicht für einen Stiftsangehörigen angefertigt wurde. Aus welchem Teil des Domes sie in die Nikolauskapelle verbracht wurde, ist unbekannt. »
  22. Zu den Verlusten zählen die Grabschriften der beiden Kaisergräber Karls des Großen (Nr. 9) und Ottos III. (Nr. 18) ebenso wie die Inschrift auf dem Grab des Aachener Bürgermeisters Chorus (Nr. 42). »
  23. Vgl. DomA IV. 5. Unter dieser Signatur sind insgesamt 98 Kanonikertestamente ab dem Ende des 15. Jh. verzeichnet. 46 der überlieferten Testamente wurden bis zum April 1656 niedergelegt. »
  24. So verfügt der Kanoniker Bruno Bisterfeld, in der Franziskanerkirche St. Nikolaus zu Aachen bestattet zu werden (DomA IV. 5. 45 von 1630 April 8). »
  25. in introitu capelle sancti Nicolai“ (DomA IV. 5. 3). »
  26. Vgl. zu ihm Nr. 99»
  27. Corpusculum meum in sacello divi Nicolai huius ecclesie ubi dominis et fratribus meis commodius videbitur sepeliendum committo“ (DomA IV. 5. 7). »
  28. proprio lapide paternis et maternis armis inciso et meis in medio insculptis“ (DomA IV. 5. 36). Eine ähnliche Verfügung traf Johann Pollart (DomA IV. 5. 97; vgl. Nr. 97). »
  29. FAYMONVILLE, Dom, S. 305. »
  30. Vgl. dazu Nr. 106»
  31. Vgl. die Testamente des Ricaldus Hoffalis von Merode († 1585, DomA IV. 5. 33), des Werner von Merode († 1599, DomA IV. 5. 43) und des Robert von Wachtendonck († 1578, DomA IV. 5. 28), dessen Onkel Gisbert von Wachtendonck († 1565) ebenfalls im Grab der Merode beigesetzt worden war. »
  32. Vgl. G. VON WILPERT, Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart7; 1989, S. 250f. Zur kunsthistorischen Terminologie vgl. A. SEELIGER-ZEISS, Grabstein oder Grabplatte? – Anfrage zur Terminologie des mittelalterlichen Grabmals, in: Epigraphik 1988. Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik Graz 10. – 14. Mai 1988, hrsg. von W. KOCH, Wien 1990, S. 289. »
  33. Vgl. SEELIGER-ZEISS (wie Anm. 219), S. 286f. und 289f. »
  34. Im Jahre 1455 pachtete das Marienstift den Steinbruch für fünfzig Jahre (FAYMONVILLE, Dom, S. 440). »
  35. Vgl. BAUCH, Grabbild, bes. S. 282ff.; KROOS, Grabbräuche, S. 285–353. »
  36. Vgl. auch DI Aachen/Stadt. »
  37. Zu solchen Tafeln vgl. BAUCH, Grabbild, S. 292–297. »
  38. Vgl. ARIÈS, Geschichte des Todes, S. 327ff. »
  39. Vgl. ebd., S. 144–160; BAUCH, Grabbild, S. 252–262. »
  40. Vgl. H. POHL, Kupfergewinnung, Kupferverarbeitung und Kupferhandel im Aachener Raum von 1500 bis 1650, in: Schwerpunkte der Kupferproduktion und des Kupferhandels in Europa 1500–1650, hg. von H. KELLENBENZ (Kölner Kolloquium zur internationalen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Bd. 3), Köln/Wien 1977, S. 225–240. »
  41. Vgl. ebd., S. 238ff. zur Entwicklung im 17. Jh. »
  42. Lediglich der lateinische Text auf der Grabplatte eines ritterlichen Laien wurde durch einen deutschen Bittspruch ergänzt (Nr. 69). »
  43. In einem Fall ist die Jahreszahl ausgeschrieben (Nr. 44). »
  44. Der Todestag des älteren Goswin Schrick wird allerdings in der altrömischen Form X. Kalendas Quintilis angegeben. »
  45. ...quorum manibus ut placidissimam requiem largiatur Deum (Nr. 106); cuius animae Deus optimus maximus misereatur (Nr. 108). »
  46. Orate pro me misero peccatore! (Nr. 98); O mensche dingc ain mich op arden, dat ich ben, mois du werden! (Nr. 106). »
  47. Vgl. KAJANTO, Classical and Christian, S. 82–136. »
  48. Vgl. ebd., S. 86f. KAJANTO stellt für die römischen Grabschriften der Renaissance einen rückläufigen Gebrauch dieser Epitheta fest, der im Aachener Material keine Entsprechung findet. »
  49. Zur Betonung der adeligen Abkunft und der langen adeligen Tradition einer Familie in Epitaphien vgl. KAJANTO, Classical and Christian, S. 88f. »
  50. Credebat enim canonici statum si lubens choro et lectione non occuparetur periculosum“. »
  51. Vgl. ARIÈS, Geschichte des Todes, S. 233f.; MÜLLER, Urkundeninschriften, S. 15ff. »
  52. Vgl. KAJANTO, Classical and Christian, S. 24–26. »
  53. Zur verhältnismäßig geringen Verbreitung dieses Quintilian-Textes in Deutschland im Mittelalter und in der Renaissance vgl. Texts and Transmission. A Survey of the Latin Classics, ed. by L. D. REYNOLDS, Oxford 21986, p. 332–334. »
  54. Vgl. LECLERCQ, DACL 14,2, Sp. 2339f. »
  55. Vgl. etwa das Armreliquiar Karls des Großen (Nr. 25) oder das Karlsreliquiar (Nr. 46). »
  56. Zum Begriff vgl. J. JAHN, Wörterbuch der Kunst, Stuttgart 1983, S. 798 (mit weiterer Literatur). »
  57. Vgl. Nr. 34 A, L. »
  58. Vgl. dazu oben S. XXIV f. »
  59. Vgl. dazu E. SCHEYER, Die Kölner Bortenweberei des Mittelalters, Augsburg 1932; REICHERT, Stickereien S. 6–36. »
  60. GRIMME, Domschatz, Nr. 127 u. Tf. 154. »
  61. Zur relativen Häufigkeit metrischer Inschriften bis zum 13. Jh. vgl. BAYER, Reim. »
  62. Einhard, Vita Karoli Magni c. 32, S. 37. »
  63. Vgl. CLEMEN, Romanische Monumentalmalerei, S. 32–38. »
  64. Aquarellkopien der Malereien befinden sich im Denkmälerarchiv des Landschaftsverbandes Rheinland. »
  65. Vita Balderici, MGH SS IV, S. 729. Vgl. Nr. 14 und oben S. XVI. »
  66. Vgl. dazu KDM 10,1, S. 162. »
  67. Vgl. auch BAYER, Reim, S. 128ff. »
  68. KDM 10,1, S. 191. Im Jahr 1659 gossen Franz und Jakob von Trier mehrere neue Glocken für die Marienkirche. Darunter befand sich eine neue Marienglocke, deren Inschrift den Zusatz erhielt: „Anno 1656 die 2da maii cum sociis nuper flamma grassante cadebam, anno 1659 cum sociis iterum flamma fundente resurgo. Alexandro X. papa, Leopoldo caesare“. »
  69. Zur Genealogie der Familie vgl. M. SCHMID, Zur Geschichte der Familie von Trier, ZAGV 19, 1897, S. 120–170. Eine Zusammenstellung der Trierschen Glockenproduktion findet sich bei E. RENARD, Von alten rheinischen Glocken, Mitt. des rhein. Vereins für Denkmalpflege u. Heimatschutz 12, 1918, S. 78–80. »
  70. Das Vorherrschen dieses Aufbauschemas bei Glockeninschriften wird augenfällig bei einem Blick auf das reichhaltige Material, das in den bislang erschienenen Bänden des Deutschen Glockenatlas aufgearbeitet ist (Deutscher Glockenatlas, begründet von G. GRUNDMANN, fortgeführt von F. DAMBECK, hrsg. von B. BISCHOFF u. T. BREUER, bearb. von S. THURM, Bd. 1ff., München/Berlin 1959ff.). Vgl. demnächst auch E. KIZIK, Die Funktion der Glockeninschriften. Ein Versuch ihrer Einteilung unter methodologischem Aspekt, in: Vortragsband zur Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik in Eßlingen 1990. »
  71. Vgl. Nr. 93, 97»